Foto: Melanie Fredel

14.07.2021

Corona – eine Zwischenbilanz

Wie haben Friseur*innen die vergangenen Monate mit der Pandemie erlebt und was erwarten sie von der Zukunft? Wir haben uns in der Branche umgehört.

Seit fast genau einem Jahr ist Bedir Acar nun mit seinem Salon im nordrhein-westfälischen Böne selbstständig. Schon die Eröffnung fand unter Corona-Bedingungen statt. Rückblickend ist Bedir Acar froh, damals nicht schon alles gewusst zu haben, was noch auf ihn zukommen würde: „Wenn man mir damals gesagt hätte, du wirst viele Wochen schließen müssen und es wird eine Testpflicht geben, dann hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, mich selbstständig zu machen.“ Gerade zum Thema Tests fällt sein heutiges Urteil jedoch nachdenklich aus: „Ich bin gar nicht so begeistert, dass die Testpflicht bei uns nun wieder weggefallen ist. Gesundheit geht immer vor und die Tests haben uns doch sehr viel Sicherheit gegeben. Auch wenn einige Kunden in dieser Zeit deswegen auf ihren Besuch verzichtet haben.“

Wunsch: konstantere Regeln

Konstantere Regelungen wären aus seiner Sicht wünschenswert: „Ich könnte mir schon vorstellen, dass es im Herbst noch einmal zu schärferen Vorgaben kommt, dass wir sogar wieder testen müssen. Dann müssen wir es den Kunden wieder erklären. Es hatten sich jetzt alle daran gewöhnt, das hätten wir jetzt auch noch ein paar weitere Monate einfach so weiter machen können.“ Rückblickend sieht der 25-jährige Vieles positiv: „Wir als Friseure müssen froh sein, dass wir recht schnell wieder öffnen durften und unser Handwerk ausüben können. Ich finde es wichtig, dass wir vor allem auch den Kunden gegenüber nicht immer so negativ sind, sondern mit ihnen über positive Dinge sprechen. Für mich im Geschäft hat Corona auch etwas Gutes bewirkt. Ich werde zum Beispiel auch in Zukunft keine Trockenhaarschnitte mehr anbieten.“

Mega-Run im März

Bei Corina Hahn klingelte Anfang Juni das Telefon wie verrückt. Sie sagt, nach dem Mega-Run im März waren der April und der Mai stark abgefallen. „Die Menschen waren immer noch von Angst getrieben, die Abstände wurden vergrößert und man hörte hier und da auch, wenn der Friseur zu mir nach Hause kommt, ist es weniger gefährlich“, erinnert sich die Unternehmerin. Der Juni sei nun aber stark aufsteigend. Ihr Glück auch in den schwächeren Monaten: „Wir haben in der Region einen Pharmariesen – und die Homeoffice-Regel hat Kunden zu uns geführt.“

Gestärkt aus der Krise

In ihren drei Salons kann Corina Hahn viele Neukund*innen begrüßen. Der Lockdown habe zu einer großen Wechselfreudigkeit geführt, meint sie. Der Preis sei dabei nicht ausschlaggebend, eher das Gefühl, etwas Neues erleben zu wollen, eine gewisse Unzufriedenheit mit Altem. „Ich sehe das als Chance und als Leistung, die neuen Kunden zu halten und zu begeistern.“ Sie gehe, super gestärkt aus der Krise, positiv in die Zukunft und möchte auch nach Corona mit beiden Beinen fest auf dem Friseurboden stehen. Dafür hat sie sich nun auch einen Traum erfüllt: ihren eigenen Azubisalon. „Ich habe noch mal richtig Geld in die Hand genommen und einen Raum zugemietet. Hier sollen meine zehn Azubis selbständig werden und von der Pike auf fit werden“, erklärt sie ihr Ziel.

Müdigkeit bei Kunden und Mitarbeitern

Trotz des Juni-Aufschwungs spürt Leonarda Crapis Gallo sowohl bei sich als auch bei ihren Mitarbeiter*innen und Kund*innen eine große Müdigkeit. Sie habe im Mai noch einmal Kurzarbeit anmelden müssen, das sei für alle demotivierend gewesen. „Wir haben viele Online-Seminare genutzt, doch gerade für unsere drei Azubis war es schwierig, richtig in der Ausbildung zu bleiben“, sagt sie. Auch der veränderte Umgang mit den Kund*innen war belastend: Es sei immer ihr Bestreben gewesen, es den Kund*innen im Salon gutgehen zu lassen, ein Wohlgefühl zu vermitteln. Statt zur Begrüßung Tee und Kaffee anzubieten habe die Frage nach Tests oder die Aufforderung zum Hände desinfizieren die Kommunikation dominiert.

Dennoch blickt die Saloninhaberin nach vorne und fragt sich: „Was lernen wir aus dem Ganzen und wie entwickeln wir uns?“ Antworten konnte sie bereits einige finden: So ist Leonarda Crapis Gallo zum Beispiel der Meinung, ein generelles Branchenproblem seien fehlende Rücklagen, ebenso wie Unsicherheiten im Preissegment. Man müsse künftig damit umgehen, dass die Besuchsfrequenz sich vergrößert. „Wir möchten darauf mit einer noch besseren Beratung und Zusatzleistungen sowie Spezialisierung reagieren. Die Kunden haben ein Bedürfnis nach neuen Erlebnissen und danach, dass sich jemand um sie kümmert“, ist die Chefin überzeugt. Darin sieht sie eine Chance, denn es mache auch Spaß sich weiterzuentwickeln. Das müsse sich dann aber auch im Lohn der Mitarbeiter*innen positiv niederschlagen. Auch die Räumlichkeiten müsse man für die Zukunft ausrichten, dazu gehörten auch die Mitarbeiterräume. Das Thema Abstand wird nicht mehr weggehen. „Es wird vieles anders werden, damit müssen wir klarkommen. Aber dafür sind wir Friseure.“

Kassensturz steht noch aus

Ein Fazit zur Arbeit unter Corona-Bedingungen möchte Friseur Pierre Heinemann aus Wedemark noch nicht ziehen. „Da werden wir den Kassensturz noch abwarten müssen. Die Einschränkungen belasten uns schon sehr – aber: Es gibt uns noch.“ Nun gelte es abzuwarten, bis die Endabrechnung gemacht wird: „Wie viel von den erhaltenen Hilfen muss tatsächlich doch wieder zurückgezahlt werden?“, fragt sich Heinemann, der nicht nur im Salon „Heinemann & Friends Friseure“ seines Vaters  arbeitet, sondern auch zum Urban Team von Sebastian Professional gehört, der deutsche Ambassador für die Marke SEB Man und als Trainer für Wella unterwegs ist.

Auch für ihn ganz persönlich ist noch nicht klar, wie es weitergehen wird: „Mein Vater ist 65 Jahre alt, ich bin 45. Eigentlich hatte ich vor, den Salon in absehbarer Zeit zu übernehmen. Aber im Moment ist noch offen, ob mein Vater nicht eventuell auch länger arbeiten werden muss.“
Die Frustration in der Branche kann Heinemann gut verstehen: „Es wurde viel gefordert – nur wenig hat funktioniert: Es gab weder Steuererleichterungen noch hat unser Ruf nach der Impfpriorisierung etwas gebracht. Vielleicht“, so gibt Heinemann zu bedenken, „müssen wir als Branche uns in Zukunft besser aufstellen und viel mehr Forderungen stellen – unabhängig von Corona. Ich wünsche mir, dass wir als Branche mehr nachdenken und weiter zusammenrücken.“

Positiv: Loyale Kund*innen

Er freue sich auf das „neue Neu“, sagt der 45-Jährige, „und darauf endlich wieder Schulung von Angesicht zu Angesicht abhalten zu können“. Wenn es etwas Positives aus den vergangenen Monaten gibt, dass Heinemann nachhaltig beeindruckt hat, dann sei das die Loyalität seiner Kund*innen: „Der Zuspruch war riesig.“ Kaum einer hatte Probleme mit den Tests, Preisanpassungen oder längeren Wartezeiten für einen nachfolgenden Termin.