Im Januar 2026 stieg der Mindestlohn auf 13,90 Euro. Zum 1. Januar 2027 ist eine Erhöhung um 70 Cent auf 14,60 Euro geplant. Wie steht die Branche zur Lohnanhebung per Gesetz?
Inhaltsübersicht
- „Die Entscheidung wurde mit Augenmaß getroffen.“
- „Mehrwertsteuer runter. Tarifverträge statt Mindestlohn.“
- „Eine bessere Bezahlung für Friseure über den Weg des gesetzlichen Mindestlohns muss sein.“
- „Die Kosten für Lohnerhöhungen zahlt der Kunde.“
- „Der Markt wird sich selbst regulieren.“
- „Der Mindestlohn steigt zu schnell.“
- „Viele Menschen hier können sich einen teuren Friseurbesuch nicht leisten.“
Für Friseursalons bedeutet die stufenweise Erhöhung des Mindestlohns nicht nur höhere Löhne, sondern auch Anpassungen bei der Minijobgrenze und der Ausbildungsvergütung. Wir haben uns in der Branche umgehört. Wie gehen Betriebe mit dem Mindestlohn um? Was sagt der Zentralverband?
„Die Entscheidung wurde mit Augenmaß getroffen.“
Zu dieser Einschätzung kommt ZV-Präsidentin Manuela Härtelt-Dören. Der ZV begrüßte den Beschluss der Mindestlohnkommission als ausgewogenen Kompromiss, der sowohl den Belangen der Beschäftigten als auch den wirtschaftlichen Realitäten der Betriebe Rechnung trage. Der Beschluss eröffne der Friseurbranche den notwendigen Spielraum, um eigenständig tarifliche Lösungen mit den Sozialpartnern weiterzuentwickeln. „Die Entscheidung der Kommission ist auch ein Signal an unsere Branche: Wir müssen über bessere Arbeitsbedingungen und faire Lohnstrukturen selbst dafür sorgen, dass der gesetzliche Mindestlohn nicht zum Dauermaßstab wird. Dazu benötigt es passende gesetzliche Rahmenbedingungen und den Willen der Politik, die Wettbewerbsverzerrungen in unserer Branche zu beseitigen“, erklärt Härtelt-Dören. Kritisch bewertete der Verband die Versuche politischer Einflussnahme im Vorfeld.

„Mehrwertsteuer runter. Tarifverträge statt Mindestlohn.“
„Meines Erachtens müssen wir an mehreren Stellschrauben drehen, um uns von der Mindestlohndebatte zu lösen. Zum einen brauchen wir in lohnintensiven Gewerken, zu denen das Friseurhandwerk gehört, die Mehrwertsteuer von 7 Prozent. Löhne rauf – Mehrwertsteuer runter. Damit kann man dem Mitarbeitermangel entgegenwirken und die Kaufkraft stärken. Zudem brauchen wir allgemeinverbindliche Tarifverträge, die als Branchen-Mindestlohn fungieren und somit den gesetzlichen Mindestlohn ersetzen. Das ist in Niedersachsen zum Beispiel nicht der Fall. Die Mindestlohn-Thematik wird für parteipolitische Zwecke missbraucht. Ich finde, der Berufsstand muss sich stärker zusammenschließen, die Verbandsarbeit muss wirtschaftlicher gestaltet werden. Derzeit schaffen es die Verbände nicht, sich das nötige Gehör bei der Politik zu verschaffen.“

„Eine bessere Bezahlung für Friseure über den Weg des gesetzlichen Mindestlohns muss sein.“
„Dieser schöne Beruf ist leider immer noch zu schlecht entlohnt. Viele Friseure können von ihrem niedrigen Gehalt nicht leben, geschweige denn von der späteren Rente. Man muss sich also nicht wundern, wenn man kein Personal mehr findet oder immer weniger junge Menschen eine Friseurausbildung anstreben. Das wird zu einem massiven Problem für Salonbesitzer. Meiner Meinung nach gibt es auch viele hochpreisige Salons, die durchaus in der Lage wären, ihren Mitarbeitern ein angemessenes Gehalt zu bezahlen. Einige machen das bestimmt auch, das möchte ich nicht abstreiten, aber viele eben auch nicht. Vielleicht wird dieses Statement einen Shitstorm auslösen. Aber jeder Saloninhaber sollte sich doch einmal Gedanken darüber machen, dass er/sie vor Beginn ihrer selbstständigen Tätigkeit für diesen Hungerlohn hat arbeiten müssen. Deshalb ist die gesetzliche Regelung über den Mindestlohn notwendig. Nach dem Motto: ‚leben und leben lassen‘. Auch ich habe eine Mitarbeiterin, die ich schon immer übertariflich entlohne.“
Andrea Handermann, Friseurmeisterin, mobil tätig
„Die Kosten für Lohnerhöhungen zahlt der Kunde.“
„Wir sind seit 1906 Familienbetrieb. Anfangs hatten wir zehn Mitarbeiter, heute sind wir nur noch zu viert: mein Sohn, meine Schwiegertochter, meine Frau und ich. Außerdem haben wir noch eine Aushilfe. Wir haben die Gehälter erhöht, aber in diesem Jahr wieder eine Kraft abgebaut. Preiserhöhungen können wir nur bis zu einem gewissen Maß verargumentieren. Friseure müssen von ihrem Verdienst leben können, das sehe ich durchaus auch so. Das Problem liegt für Unternehmer*innen aber in den Zusatzkosten, die ein Angestellter mit sich bringt. Personalkosten, Lohnnebenkosten erdrücken uns. So ist es auch verständlich, dass die Zahl der Kolleg*innen, die verstärkt alleine arbeiten, wächst.“

„Der Markt wird sich selbst regulieren.“
„Der Markt wird sich letztlich selbst regulieren. Beim Thema Mindestlohn habe ich eine differenzierte Sicht: Einerseits halte ich es für problematisch, wenn der Staat zu stark eingreift – auch mit Blick auf die Belastung der Betriebe. Andererseits ist es selbstverständlich wichtig, Mitarbeiter fair und gut zu bezahlen. Ich bin der Meinung, dass Tarifverhandlungen auf Länderebene besser aufgehoben sind. In Hessen gibt es beispielsweise einen Manteltarifvertrag. In meinem Betrieb zahle ich bewusst über Tarif und biete meinen Mitarbeitern zusätzlich attraktive Leistungen wie eine betriebliche Altersvorsorge, Provisionen sowie Gewinnbeteiligungen.
Wer qualifizierte Mitarbeiter gewinnen und langfristig halten möchte, kommt ohnehin nicht darum herum, angemessene Löhne und Perspektiven zu bieten. Insofern regelt sich vieles über den Markt. Kritisch sehe ich jedoch, dass politische Maßnahmen häufig nicht zu Ende gedacht werden. Ein Mindestlohn ist grundsätzlich in Ordnung – aber dann muss auch konsequent kontrolliert werden, ob er eingehalten wird. Themen wie Stundenaufzeichnungen, Bonpflicht, Ausweispflicht und schriftliche Arbeitsverträge bringen einen erheblichen bürokratischen Aufwand mit sich. Bürokratie und gesetzliche Vorgaben sind für mich kein Problem, solange sie sinnvoll sind. Entscheidend ist jedoch, dass ihre Einhaltung auch überprüft wird. Andernfalls entsteht ein Ungleichgewicht – zulasten derjenigen, die sich korrekt verhalten.“

„Der Mindestlohn steigt zu schnell.“
„Dass der Mindestlohn angepackt wird, bedeutet auf der einen Seite Anerkennung für die Mitarbeiter und eine Aufwertung des Berufs. Doch leider sind die Preise für Friseurdienstleistungen schon viel zu lange viel zu niedrig. Und unbegrenzt kann man Preiserhöhungen derzeit nicht durchführen. Die Kunden werden immer preissensibler, die Abstände zwischen den Besuchen immer größer. Der Mindestlohn steigt meines Erachtens zu schnell. Es müsste zeitgleich die Steuerlast sinken, Bürokratie sollte abgebaut werden. Für die Selbstständigen muss es sich auch fair anfühlen. Wir sind die tragende Säule, gehen Risiken ein. Hier in Mecklenburg-Vorpommern haben wir keine Lobby, das ist sehr schade. Auch ein Manteltarifvertrag, den es leider nicht gibt, würde helfen.“

„Viele Menschen hier können sich einen teuren Friseurbesuch nicht leisten.“
„Im Grundsatz ist es vollkommen richtig, guten Lohn für gute Arbeit zu bekommen. Aber die Mindestlohnerhöhung belastet die Betriebe hier. Dazu steigen die Nebenkosten, Produkte werden teurer. Wir sind hier ein größeres Dorf im Osten in einer einkommensschwachen Gegend. Es ist schwierig, die Preise für Friseurdienstleistungen zu erhöhen. Viele Menschen können sich einen teuren Friseurbesuch schlicht nicht leisten, sie müssen jeden Cent abzählen. Selbst, wenn wir Service, Dienstleistung verbessern, sind massive Preiserhöhungen nicht möglich. Das Trinkgeld wird immer weniger, die Kunden färben sich zuhause die Haare und verlängern die Abstände zwischen den Terminen. Ich habe eine Teilzeitkraft und würde gerne noch eine Fachkraft einstellen, aber kann es nicht finanzieren, da schon immer weniger für mich selbst übrig bleibt. Ich hoffe, die Politik findet Wege, um Betriebe zu entlasten, wie zum Beispiel eine Senkung der Mehrwertsteuer.“

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