Foto: Hans Conzen GmbH

01.05.2022

Online-Petition von Branchenvertretern gestartet: 7 Prozent – jetzt oder nie!

Neue Initiative kämpft für eine reduzierte Mehrwertsteuer – mit breiter Unterstützung aus der Branche.

50.000 Unterschriften will die Initiative „Friseure brauchen Zukunft“ sammeln und so ihr Anliegen in den Bundestag bringen. Namhafte Friseurunternehmer*innen haben sich dafür zusammengetan. Mit einer von ihnen, Gabriele Diemert-Pertsch, haben wir gesprochen.

TOP HAIR: Sie haben die Initiative „Friseure brauchen Zukunft – 7 % jetzt!“ mit Friseurkolleg*innen ins Leben gerufen. Wer ist noch dabei?

Gabriele Diemert-Pertsch: Dabei sind Oliver Schmidt, Heiko Schneider, Marc Breckwoldt und mein Bruder Wolfgang Pertsch.

Warum braucht es diese Initiative?

Wenn man sieht, wie sich die Branche entwickelt hat, wie es jetzt nach Corona ist, und wenn wir im Blick haben, was uns im Herbst mit der Steigerung des Mindestlohns erwartet, und sich dann fragt, wo hakt es bei uns, dann kommt man schnell darauf, dass die hohe Merhwertsteuer zur derzeitigen prekären Situation der Branche beiträgt. Sie ist meiner Meinung nach ein Strukturfehler, der immer da war, aber noch nie so deutlich wurde wie jetzt. Dieser Strukturfehler hat die Branche aber schon immer in ihrer Entwicklung gestört.

Was meinen Sie mit Strukturfehler?

Wir leben im Spannungsfeld zwischen preissensiblen Kunden, Mitarbeitern und dem Unternehmen, das wirtschaftlich arbeiten muss. Wenn von den Einnahmen ein relativ großer Teil für die Mehrwertsteuer wegfällt, bleibt zu wenig Geld, um die Löhne ordentlich zu entwickeln, um die Unternehmen durch Rücklagen zu stärken und um investieren zu können. Die Kunden haben ein bestimmtes Budget für unsere Dienstleistung. Wenn das überschritten wird, haben sie die Möglichkeit, in den Schwarzmarkt auszuweichen. Das alles sehe ich als Strukturfehler. Bisher sind die Einnahmen zu stark durch die hohe Mehrwertsteuer belastet.

Andere Branchen betrifft die Mehrwertsteuer auch. Warum sollen ausgerechnet Friseure weniger Steuern bezahlen?

Wir haben eine Sonderstellung im Friseurhandwerk: Einer hohen Arbeitsintensivität steht ein relativ geringer Wareneinsatz gegenüber. Friseurdienstleistungen sind Face-to-Face-Dienstleistungen, die nicht von Automatisierungsprozessen profitieren können. Wir erbringen eine Leistung an Endverbraucher, die nicht zum  Vorsteuerabzug berechtigt sind. Wenn wir von einem Wareneinsatz von 10 % ausgehen, dann bleiben 90 %, auf die wir Mehrwertsteuer bezahlen müssen. Ich denke, damit ist die Friseurbranche einzigartig. Wir können als Friseure natürlich nur für uns sprechen. Wenn so ein Fehler wie in unserer Branche auch in anderen Branchen auftritt, dann wäre es Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, diesen Fehler zu beheben. Wir können das nicht. Wir können nur sagen, bei uns läuft aktuell etwas schief. Und darauf machen wir gerade aufmerksam.

Foto: Hans Conzen GmbH
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Welche Rolle spielt der hohe Anteil an Klein- und Kleinstbetrieben im Friseurhandwerk, die von der Umsatzsteuer befreit sind?

Eine wirklich bedeutende. Da von einer unterschiedlichen Basis ausgegangen wird, gibt es eine massive Wettbewerbsverzerrung. Kleinstbetriebe bezahlen überhaupt keine Mehrwertsteuern auf ihre Einnahmen, während die Einnahmen der anderen Betriebe mit 19% belastet werden. Dazu kommt noch, dass die Kleinst- und Kleinbetriebe relativ selten vom Finanzamt geprüft werden. Wenn ein Unternehmen viele Mitarbeiter beschäftigt, ist es auch noch mit hohen Sozialversicherungsbeiträgen belastet. Dadurch entstehen völlig unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

 

Die Forderung nach 7 % ist nicht neu. Bislang wurde sie nie erhört. Warum jetzt?

Ich glaube, wir haben aktuell eine besondere Situation: Die Branche ist durch Corona zum großen Teil sehr geschwächt. Es sind sehr viele Kunden in die Schattenwirtschaft abgewandert, wir hatten nie so viel Klein- und Kleinstunternehmer, also diese Wettbewerbsverzerrung. Und wir haben die Erhöhung des Mindestlohns, die im Herbst kommt. Die Erhöhung des Mindestlohns wird ja nicht nur auf die unteren Lohngruppen Auswirkungen haben, sondern auf alle. Wir können die Lohnkostensteigerungen nur durch Preiserhöhungen finanzieren. Das heißt, wir müssen diese an unsere Kunden weitergeben und die Preise werden extrem steigen. Die Erhöhung wird weit über der Inflationsrate liegen. Dadurch verlieren wir wieder Kunden an den Schwarzmarkt.

Vorausgesetzt, Sie sind mit Ihrer Initiative erfolgreich: Wem soll das zugutekommen?

In unterschiedlicher Gewichtung wird das allen zugutekommen. Den Kunden insoweit, als dass unsere Preise nicht überproportional steigen würden, dass wir sie relativ stabil halten könnten und keine Preisexplosion hätten. Ein großer Teil wird mit Sicherheit an die Mitarbeiter gehen. Wir könnten endlich bessere Löhne bezahlen, darüber wäre ich sehr glücklich. Und für die Unternehmen würde auch ein Teil übrig bleiben, um zu investieren, und um die Möglichkeit zu haben, sich zu entschulden und wieder Rücklagen zu bilden.

 

Sie gehen mit der Initiative den Weg einer Petition. Im Moment gibt es aber keine politische Partei, die dieses Anliegen unterstützt.

Das ist zweifellos richtig, deshalb kommt diese Initiative auch aus der Branche, weil einfach von außen nicht gesehen wird, dass da eine Notwendigkeit besteht. Wir benötigen erst einmal 50.000 Unterschriften und dafür erfahren wir ganz viel Unterstützung aus allen Bereichen der Branche.

 

Foto: Hans Conzen GmbH
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Wie sehen Sie die Chancen für die Petition?

Ich denke, man ist sich auch in der Politik bewusst, dass dort, wo der Mindestlohn zu einer starken Lohnsteigerung führt, der Kostendruck immens zunimmt. Die Chance war noch nie so groß wie heute. Wenn es jetzt nicht klappt, klappt’s nie. Wenn wir hier keine Unterstützung bekommen, wird sich die Struktur der Branche grundlegend ändern. Wenn man eine gesunde Branche mit Ausbildungs- und mittelständischen Betrieben erhalten will, dann ist jetzt die Chance, diese Strukturen zu schaffen.

 

Interview: Dr. Rebecca Kandler

Die Unterstützer

Verbände: Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW), Intercoiffure, Verband Deutscher Friseurunternehmen (VDF), Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV)

Industrie: u. a. Gieseke, Glynt, Paul Mitchell, L’Oréal, Wella, Schwarzkopf, Goldwell, Friseur Digital, ShortCuts

 

Die Initiative finden Sie im Netz unter www.friseurebrauchenzukunft.de

 

Nach Artikel 17 des Grundgesetzes darf jeder Beschwerden/Bitten an den Bundestag richten. Der Petitionsausschuss des Bundestags nimmt sich dieser dann an. Wer innerhalb von sechs Wochen für sein Anliegen 50.000 Unterschriften einreicht, wird in einer öffentlichen Ausschussitzung angehört.

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