Foto: Alexander Stertzik

25.06.2019

Spätberufen: Zurück auf Null mit Mitte 40

Vom Lokalchef einer regionalen Tageszeitung zum Friseur-Azubi mit Mitte 40 – Kai Lohwasser hat diesen Sprung nach einem Burn-out gewagt und ist heute ein zufriedenerer Mensch.

Die Erkenntnis, dass Haare genau sein Ding sind, kam erst spät: Kai Lohwasser, Azubi mit 46. >< Foto: Alexander Stertzik

Das Geld war es, das Kai Lohwasser Ende der 90er-Jahre abgehalten hat, eine Ausbildung als Friseur zu beginnen. Damals hatte er sein Jurastudium hingeworfen und wollte nach Jahren des BAföG-Bezugs endlich etwas verdienen. So entschied er sich gegen die Ausbildung, obwohl er sich in einem Praktikum sehr wohlgefühlt hatte.

Neustart nach Burn-out

17 Jahre später: Ein Burn-out zwingt Lohwasser dazu, sein Leben komplett zu überdenken. Inzwischen ist er 43 und nach Volontariat und Redakteursposten Lokalchef einer regionalen Tageszeitung in Tettnang. In der Rekonvaleszenz-Phase erinnert er sich an die Zeit damals im Salon. Ein langer Prozess beginnt, in dem er jedes Für und Wider abwägt, den Weg mental abschreitet und überlegt, was da alles kommen könnte. Immer wieder landet er bei diesem einem Thema: Geld. Als Lokalchef hat er gut verdient: „Das war ja fnanziell nicht nur ungewiss, sondern es war gewiss, dass es ein Desaster wird.“ Dennoch wagt er den Schritt: „Es ging nicht anders, es war eine innere Notwendigkeit“, sagt Lohwasser heute. „Manchmal muss man Dinge einfach tun, der Rest ergibt sich dann von allein.“ Heute ist sich der 46-Jährige sicher, dass dieser Schritt auch ohne die Krankheit irgendwann gekommen wäre: „Ich hatte schon lange das Post-it ,Heute kündigen‘ an meinem Rechner kleben.“ Er sucht sich eine Ausbildungsstelle in Konstanz und besucht aus eigenem Antrieb vorab einen 5-Wochen-Kurs in der Meininghaus-Akademie. „Ich bin gerne vorbereitet!“, erklärt Lohwasser. Ohnehin weiß der Mittvierziger sehr genau, was er will, und so wechselte er auch noch kurz vor dem Ende seiner verkürzten Lehrzeit den Betrieb. „Es hat für mich emotional nicht mehr gepasst. Durch die Krankheit habe ich gelernt, wie wichtig es ist, auf mein Inneres zu hören.“ Im Salon von Mirela Mulic in Stockach fühlt er sich jetzt, als einer von drei männlichen Azubis, gut aufgehoben.

Rückblickend war der Wechsel vom Schreibtischstuhl hinter den Frisierstuhl zwar absolut richtig, aber nicht immer einfach: „Es war schon das Heraustreten aus einem sehr vertrauten Raum in etwas ganz Neues.“ Als Lokaljournalist hatte er viele Freiheiten, heute arbeitet er in sehr engen Strukturen und fühlt sich dennoch befreit. Lohwasser gibt schmunzelnd zu: „Insgeheim hatte ich schon manchmal gehofft, dass ich an der einen oder anderen Stelle aufgrund meines Alters bevorzugt behandelt würde.“ Pustekuchen!

„Friseure sind harte Hunde“

Um seinen fnanziellen Ausfall aufzufangen, übernimmt Lohwasser neben der Ausbildung Fotoaufträge und kleinere Textarbeiten. „Es ist schwierig, aber absehbar“, sagt er. Jetzt, im Juni, steht die letzte Prüfung an, dann ist er Geselle. „So hart hatte ich mir den Friseurberuf nicht vorgestellt. Friseure sind schon harte Hunde! Ich fnde es beachtlich, was die Kollegen, die schon lange im Beruf sind, für ein Programm runterreißen.“ Treu bleiben möchte Lohwasser der Branche auf jeden Fall, hier fühlt er sich angekommen. Konkret sind seine Pläne aber noch nicht. Er möchte für ein besseres Image seines neuen Berufsstands kämpfen und für mehr Wertschätzung: „Es wäre schön, wenn die Kunden bereit wären, für eine gute Dienstleistung auch gute Preise zu bezahlen.“ Dachte er schon immer so? „Ja, eigentlich schon. Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, der der Ansicht war, ein Haarschnitt dürfe nicht mehr als 10 Euro kosten. Da war ich schon als Kind konträrer Meinung“, sagt der spätberufene Friseur.

Heute sei er zufriedener und viel ruhiger geworden, seine Lebensqualität habe sich definitiv erhöht. Ein Wermutstropfen allerdings bleibt: „Jetzt, am Ende meiner Ausbildung glaube ich, dass bei der Ausbildungsqualität noch Luft nach oben ist. Eine qualitativ hohe Ausbildung liegt im einstelligen Prozentbereich“, sagt er auch mit Blick auf seine Beobachtungen bei den Mitschülern. „Da möchte ich den Chefs auch gar keinen Vorwurf machen. Vielfach geht es ums nackte Überleben. Aber um kompetenten Nachwuchs zu erhalten, muss man mehr als Geld investieren. Mir hilft es nicht, wenn mir jemand auf die Finger klopft und sagt ‚so geht es nicht‘. Ich brauche konstruktive Kritik und möchte wissen, wie man es besser macht. Und die Ausbildung muss didaktisch gut sein.“ Selbst mal ausbilden, neue Wege gehen und es besser machen, das könnte sich Lohwasser durchaus vorstellen. Auch bei der Zeitung war er als Trainer für die Kollegen im Einsatz: „Ich würde gerne Fachwissen vermitteln und Azubis mehr Selbstwertgefühl mitgeben, sie wegbringen von dem miesen Standing, das sie oft in der Gesellschaft haben.“

Autor: Yvonne Rieken