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08.11.2017

Karte oder bar?

Bargeldloses Zahlen kommt – per App, NFC-Chip, EC-Karte oder Smartphone ist heute schon vieles möglich. Ob es ein Service-Muss ist? Da gehen die Meinungen auseinander.

„Wenn in meinem Wohnort einer der Metzger meine EC-Karte nähme, wäre ganz klar, wo ich meine Wurst kaufen würde.“ Für Doris Ortlieb, Geschäftsführerin des Landesinnungsverbandes des bayerischen Friseurhandwerks, ist bargeldloses Bezahlen ein selbstverständlicher Service – möglichst immer und überall. Als bei ihrem Friseur das Kartenlesegerät eine Weile ausfiel, sei ihr das „sehr unangenehm gewesen“, erinnert sie sich. Doch Ortlieb kennt aus zahlreichen Beratungsgesprächen die Vorbehalte vieler Friseure gegen die Technik bargeldlosen Bezahlens. Die Kosten für das Gerät sowie die einzelnen Transaktionen schreckten ab, bei manchen Inhabern käme dazu eine gewisse Angst vor der Technik. Dabei hält sie Kartenbezahlung für unverzichtbar in einem Salon: „Ich denke, dem Friseur geht Umsatz verloren, wenn er den Service der Kartenzahlung nicht bietet.“ Für kleine Salons seien Anbieter mobiler Kartenlesegeräte eventuell sogar eine kostengünstige Lösung. Friseure, die mehrere Bezahlmöglichkeiten anbieten, seien ihrer Erfahrung nach in der Branche selten. Einer davon ist Harald Meier. Der Inhaber eines Salons mit zwölf Bedienplätzen im bayerischen 8.000-Seelen-Ort Reichertshofen bei Ingolstadt wurde kürzlich von Kreditkartenanbieter Mastercard als freundlichster Händler Deutschlands ausgezeichnet. Zu seinem Service zählen für ihn nicht nur Nähe zum Kunden und Freundlichkeit. Dazu gehören auch die Möglichkeit, Termine online zu buchen und per EC-Karte oder Kreditkarte, gesteckt oder berührungslos, zu bezahlen. „Die Kunden nutzen die bargeldlosen Varianten gerne,vor allem bei umfangreichen Dienstleistungen“, umreißt Meier seine Erfahrungen.

Kontaktloses Zahlen selten genutzt

Auffällig findet Meier: „Kunden fragen häufig nach, ob sie mit Karte bezahlen können. Das höre ich im Supermarkt nie.“ Offenbar sei bargeldlose Bezahlung beim Friseur noch lange nicht selbstverständlich. Noch weniger bekannt und sehr selten genutzt: das kontaktlose Bezahlen, bei dem nur eine Karte vor ein entsprechendes Lesegerät gehalten wird. „Durch die Beschränkung auf maximal 25 Euro Abbuchung sehe ich das für das Friseurgewerbe als Totgeburt. Dafür bekommt man ja gerade mal einen Herrenhaarschnitt oder ein Pflegeprodukt“, kritisiert Meier.David Klemm, Vizepräsident im Bereich Geschäftsentwicklung bei Mastercard, verweist in dem Zusammenhang auf die Sicherheitsbestimmungen in Deutschland, aber dafür funktioniere kontaktloses Bezahlen besonders schnell. Für ihn diktiert allerdings das Smartphone die Zukunft des bargeldlosen Bezahlens. Bei ersten Banken sei es bereits möglich, darüber zu zahlen. Dabei werde die bekannte Plastikkarte im Smartphone digitalisiert und löse am Terminal kontaktlos die Zahlung aus, erklärt Klemm.

Rund 30 Prozent seines Umsatzes tätigt der Friseurunternehmer Harald Meier mit bargeldlosen Transaktionen. Dafür fallen monatlich rund 50 Euro für Gerätemiete, Transaktionskosten und Gebühren an. Für den Friseurmeister stimmen Kosten und Nutzen allerdings nicht überein: „Wichtig wäre es, Kleinhändlern ein System an die Hand zu geben, das kostengünstig einsetzbar, unkompliziert und sicher ist. Aktuell sind die Systeme, gemessen am Gesamtumsatz, zu teuer und zu schwerfällig. Ein kleiner Händler überlegt es sich deshalb zweimal, seine oft ohnehin niedrigen Margen mit einem Bezahlsystem zu teilen, das der Kunde nicht zwingend verlangt.“

Francesca Ipolito, Friseurmeisterin im schwäbischen Rottweil, sieht das ähnlich: „Vor allem, wenn Kunden sehr kleine Summen per EC-Karte begleichen, stören mich die hohen Gebühren.“ Bezahlen per EC-Karte gehört in ihrem Salon mit sechs Plätzen dennoch seit 2006 zum Service, den etwa 80 Prozent der Kunden nutzen. Weniger beliebt ist die Kartenzahlung allerdings bei den Angestellten. Das erlebt zumindest Meier in seinem Salon: „Wir können über unser Kassensystem zwar das Trinkgeld extra verbuchen und dann bar aus der Kasse herausnehmen. Ich denke aber, es gibt dennoch Einbußen für meine Mitarbeiterinnen.“

Barzahlung persönlicher

Im Salon Baier-Werni im 1.800 Einwohner zählenden Göllsdorf spielen solche Entwicklungen bisher keine Rolle. Seit 98 Jahren arbeiten die Friseure der Familie ohne elektronisches Kassensystem. „Ein- bis zweimal im Jahr fragt jemand, ob er mit EC-Karte bezahlen kann“, erklärt Corina Lehmann, die mit ihrer Mutter und Tante den Familienbetrieb mit sechs Plätzen betreibt. „Meine Kunden kommen trotzdem teils von weither und jeder akzeptiert, dass bei uns bar bezahlt wird. Wir punkten mit einem familiären Ambiente. Bei uns geht es lustig und gemütlich zu, der Umsatz steht nicht so im Vordergrund“, umschreibt die 37-Jährige ihr Service-Konzept. „Und wenn doch mal jemand sein Geld vergessen hat, ist 100 Meter weiter eine Sparkassen-Filiale.“

Der Mittzwanziger, der vor ihr auf dem Stuhl sitzt, bestätigt Lehmanns Aussage. „Für mich ist das perfekt“, sagt Jan Kohler. „Ich will so viel wie möglich bar zahlen, das finde ich persönlicher und vertrauter.“ Ähnlich lautet die Argumentation einer weiteren Kundin: „Wenn mein Friseur sich eineinhalb Stunden Mühe mit meinen Haaren gibt, möchte ich ihm auch persönlich ein Trinkgeld geben. Das geht besser bei Barzahlung“, so die langhaarige 50-Jährige. „Da kann ich direkt sagen, dass er fünf Euro dazulegen soll.“

Mobile Alternative

Die klassische Barzahlung war für Semih Usta umständlich, er nutzt seit fünf Jahren eine vergleichsweise neue Möglichkeit der Kartenzahlung über ein mobiles Lesegerät. Der Friseurmeister ist seit 2012 in der Hauptstadt Berlin als mobiler Friseur unterwegs. Anfangs schrieb er noch Quittungen per Hand, das ist heute nicht mehr nötig. Für sein Geschäftsmodell sei der von ihm genutzte Kartenleser von „Sumup“ eine tolle Lösung. „Die Kunden lieben das.“ Nur wenige zahlten noch bar bei ihm. Usta sieht für sich nur Vorteile: „Ich laufe nicht mehr mit so viel Bargeld herum, das ich umständlich bei einer Bank einzahlen muss. Zudem kann ich in meiner App sehen, welche Beträge auf meinem Konto eingegangen sind, und die ganze Statistik abrufen.“ Das erleichtere die Buchhaltung.

Etwa 80 bis 100 Transaktionen tätige er monatlich mit dem Kartenleser. Eine schnelle Sache, zumal sich in der App Produkte anlegen ließen und gleich mit der Mehrwertsteuer auf der Quittung erscheinen. Die könne er den Kunden, wenn gewünscht, einfach per E-Mail zuschicken. Die Einmal-Investition von 79 Euro für das Lesegerät nebst Transaktionsgebühren von 0,95 Prozent für EC-Karten und 2,75 Prozent für Kreditkarten nimmt Usta gerne in Kauf.

David Klemm von Mastercard Europe SA  verweist auf die in den vergangenen Jahren stark gesunkenen Transaktionsgebühren sowohl für Debit- als auch Kreditkarten. Die Interchange-Gebühr, die bei jeder Kartenzahlung im Handel fällig wird und von der Bank des Händlers an die Bank des Karteninhabers zu zahlen ist, wurde europaweit auf 0,3 Prozent des Umsatzes bei Kreditkarten und 0,2 Prozent für Debitkarten gedeckelt. „Damit wird die Nutzung von Kreditkarten für Kunden wie Händler interessanter“, erläutert er. Für Unternehmen sei es wichtig, alte Verträge zu überprüfen und eventuell anzupassen. Generell sei im Mittelstand die Akzeptanz von Kreditkartenzahlungen gestiegen, zumal auch klassische Debitkarten inzwischen über Mastercard abgewickelt würden.

Bezahlen mit EC-Karte

Friseure, die ihren Kunden die Möglichkeit bargeldlosen Bezahlens bieten wollen, können sich bei ihrer Hausbank oder bei einem spezialisierten Anbieter (Payment Service Provider) über unterschiedliche Systeme sowie die anfallenden Kosten beraten lassen. Zur Auswahl stehen stationäre, tragbare oder mobile Terminals – je nach Bedarf. Die monatlichen Mietgebühren für die Geräte variieren je nach Bank, die Transaktionsgebühren für Bezahlvorgang, Kassenabschluss und Diagnoseanfragen ebenfalls.

Das Bezahlen mit der EC-Karte kann auf zwei Arten abgewickelt werden:
1. Der Kunde unterschreibt auf dem Buchungsbeleg: Dies ist eine nicht garantierte Zahlung. Das heißt, die generierte Lastschrift kann vom Kunden oder dessen Bank zurückgebucht werden.
2. Der Kunde gibt am Terminal die PIN seiner Bankkarte ein: Dies ist eine garantierte Zahlung. Die Bank des Kunden übernimmt die Garantie für die Zahlung. Für diesen erhöhten Sicherheitsfaktor fallen ein zusätzliches Autorisierungsentgelt in Höhe von ca. 0,18 Prozent vom Transaktionsumsatz und ein Service­entgelt in Höhe von ca. 0,04 Prozent an.

Die Transaktionen werden vom Händler per Kassenabschluss am Terminal zur Verbuchung freigegeben und an ein angebundenes Service-Rechenzentrum weitergeleitet. Dieses leitet die Gutschrift an die Hausbank des Händlers, von welcher sie dem Girokonto des Händlers gutgeschrieben wird. Viele Terminals sind bereits mit einem Kontaktlosleser ausgestattet, der den NFC-Chip auf der EC-Karte (soweit vorhanden) abliest. Karteninhaber können die Funktion zum kontaktlosen Bezahlen jederzeit deaktivieren oder freischalten lassen.

Einige Banken bieten Kontoinhabern auchZahlverfahren über das Smartphone und eine entsprechende App an: Dabei wird der Empfänger aus der Telefonkontaktliste ausgewählt, der gewünschte Betrag eingegeben und versendet. Die Transaktion kann mit Text oder Bild individualisiert werden. Bis zu einem Betrag von 30 Euro ist keine TAN nötig.

 

Autorin: Elke Reichenbach