Foto: Petra Lenssen

18.03.2021

BIM Eder zu neuen Salonregeln in Österreich

Per 8. Februar glitt Österreich vom harten in den weichen Lockdown. Bundesinnungsmeister Wolfgang Eder im Exklusiv-Interview.

Trotz einer ungewissen Zukunft aufgrund sich rasch ausbreitender Coronavirus-Mutationen  nahm die österreichische Regierung nach mehr als sechs Wochen harten Lockdowns vorsichtige Öffnungsschritte vor. Im TOP HAIR Austria-
Exklusiv-Interview sprach Bundesinnungsmeister Wolfgang Eder über die neuen, verschärften Regeln – FFP2-Maskenpflicht, Eintrittstests, die nicht älter als 48 Stunden sein dürfen, 20 qm Fläche pro Kunde – für Friseurbesuche, wuchernde Schwarzarbeit und eine deutlich geringere Nachfrage nach Haarschnitten im Salon, als noch nach dem ersten Lockdown.

TOP HAIR: Seit 8. 2. dürfen Friseure unter verschärften Bedingungen wieder arbeiten. War es angesichts der grassierenden Mutationen richtig, aufzusperren, oder hätte man – nach deutschem Vorbild – noch zuwarten sollen?

Wolfgang Eder: Die Entscheidung war richtig, denn genau, wie Sie sagen, war es Bedingung, dass wir die Maßnahmen verschärfen. Das ist sehr gut gelungen, der Erfolg gibt uns recht und gerade die Interessenvertretungen in Deutschland und Belgien haben zum Erreichten gratuliert und sich nach dem Vorgehen erkundigt.

Der Eintrittstest, insbesondere die neu auferlegte Pflicht, diesen zu kontrollieren, sorgte bei vielen Friseuren für Verärgerung. Zu Recht?
Natürlich ist es ungewohnt, Zutrittstests zu kontrollieren, jedoch wäre die Alternative gewesen, noch länger geschlossen zu halten. Hier hat die Bundesregierung keinen Spielraum gelassen. Es ist eine große Verantwortung, für 9.000 Friseure zu entscheiden, ob wir diese auferlegte Pflicht als Preis für die Öffnung in Kauf nehmen sollen. Ich bin stolz, erreicht zu haben, dass unsere Branche nach den Lockdowns bei jeder „Wieder­eröffnung“ bei den Ersten dabei war.

Befürworten Sie die Eintrittstests?
Im Prinzip ja, war es doch die einzige Möglichkeit, öffnen zu können. Das Verordnen von Eintrittstest ist das eine, die Umsetzung etwas anderes. So ist im nächsten Schritt wichtig, dass die Landeshauptleute ihre Versprechen von lückenlosen, kostenlosen Testmöglichkeiten auch im ländlichen Gebiet einlösen. Mittlerweile werden Tests in Apotheken angeboten und betriebliche Tests als „offiziell“ gewertet.

Wie werden die Eintrittstests von den Kunden angenommen?
In meinen Salons läuft das großartig, die meisten Kunden wollen auch zur Eindämmung der Krankheit beitragen. Es gibt allerdings immer wieder auch Absagen. Als Bundesinnungsmeister bekomme ich jedoch viele Anrufe erboster Kunden anderer Friseurbetriebe, wo die Tests nicht kontrolliert werden.

Unmittelbar vor der Öffnung herrschte Verwirrung, wie die neuen Regeln umgesetzt werden. Wie viele Anfragen gab es an die Bundesinnung bzw. die jeweiligen Landesinnungen?
Viele! Die Mitarbeiter der Landesinnungen leisten viele Überstunden, um die Anfragen beantworten zu können. Zusätzlich zum persönlichen Kontakt erhalten unsere Mitglieder auch über die App „WKO Friseure“ alle relevanten Informationen, die Zugangsdaten sind bei der jeweiligen Landesinnung erhältlich.

Tatsache ist: Friseuren fehlt die Befugnis, von Kunden Testergebnisse zu verlangen. Vor der Öffnung haben sich einige Kollegen auf diese Unrechtmäßigkeit verlassen und in sozialen Medien offen damit geworben, dass man für einen Besuch in ihren Salons keinen negativen Test brauche. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen?
Solange die Rechtsmeinung nicht anders begründet ist, werden wir die Testergebnisse kont­rollieren, außerdem speichern wir die Daten ja nicht, sondern sehen sie nur ein. Viele dieser angesprochenen Bewerbungen wurden auch wieder vom Netz genommen! Als Branche sind wir hier Vorreiter, denn es soll ja das Ziel sein, dass wir trotz Corona ein halbwegs „normales“ Leben ohne ständige Lockdowns haben. Wir werden als Branche beobachtet, wie dies bei uns funktioniert ,und werden bei positiven Rückmeldungen als Grundlage für Entscheidungen über das Öffnen anderer Branchen herangezogen.

Sollen Friseure diese Befugnis erhalten?
Ich denke, dass wir jetzt alle einen verantwortungsvollen Beitrag leisten müssen. Um jedoch den Friseurbesuch für unsere Kunden zu erleichtern, fordern wir die Möglichkeit von Selbsttests in den Salons. Dazu gibt es schon Probeläufe in ausgewählten Betrieben.

Ist das bloße Testergebnis ausreichend oder sollte für Neukunden auch eine Ausweispflicht umgesetzt werden, um feststellen zu können, dass der Test dem gehört, der ihn vorzeigt?
Jeder Neukunde gibt uns seine persönlichen Daten ohne Ausweiskontrolle und zwar schon seit Jahrzehnten. Auch hier verlassen wir uns auf die Ehrlichkeit. Es ist aber vorgesehen, dass sich (Neu-)Kunden ausweisen, wenn der Friseur sie nicht kennt, um zu wissen, dass es sich um den Getesteten handelt. Es gab in vielen Salons schon Kontrollen, wo die Einhaltung der Maßnahmen überprüft und Missachtungen von Unternehmern und Kunden angezeigt wurden.

Schwarzarbeit wurde im Lockdown zunehmend zum Problem – mitunter wurde hinter mit Zeitungspapier verklebten Schaufenstern gearbeitet. Wie soll dem begegnet werden?
Auf dieses Problem, das leider nicht nur in Lockdown-Zeiten besteht, haben wir die politischen Verantwortlichen laufend hingewiesen und versucht, auch Friseure sowie Kunden zu sensibilisieren. Es ist unlauterer Wettbewerb, der die illegale Schattenwirtschaft antreibt und bei angezeigten Unregelmäßigkeiten durch die Polizei verfolgt wird.

Offenbar schrecken die Eintrittstests viele Kunden ab. Fürchten Sie, dass die Tests noch mehr Kundschaft in die Arme von Schwarz­arbeitern treiben könnten?
Das Florieren der Schwarzarbeit ist momentan krisen- und konzeptbedingt. Zuerst war es der Lockdown, jetzt sind es die Eintrittstests. Gerade in Krisenzeiten ist Fairplay wichtig! Salons mit viel Laufkundschaft wie zum Beispiel in Einkaufszentren spüren die Eintrittstests mehr, denn die rasche Inanspruchnahme der Dienstleistung ist schwieriger. Hinzu kommt, dass Statistiken eine wesentlich kürzere Aufenthaltsdauer in Einkaufszentren ausweisen.

Die Krise hat erste Opfer gefordert – schon 2020 mussten sämtliche Klier-Filialen schließen und im Jänner meldete die Friseurkette Bundy Bundy Style In Insolvenz an. Wie viel hält die Branche aus?
Die Ursachen dieser Insolvenzen kenne ich nicht. Faktum ist: Friseure sind eine eigen­kapitalschwache Branche und zählen generell zu den insolvenzgefährdeten Betrieben. Um diese Situation zu ändern, ist eine bessere Bewertung von nicht entnommenen Gewinnen zur Berechnung der Einkommenssteuer eine unserer Forderungen.

Ein Salzburger Friseurunternehmen hat eigene Testmöglichkeiten für Kunden direkt vor Ort geschaffen. Ist das die Zukunft?
Hinsichtlich der Tests gibt es einige mögliche Strategien, eine davon setzen wir gerade bundesweit als erste Branche um. Natürlich steht es jedem Unternehmen frei, Testmöglichkeiten für Kunden und Mitarbeiter vor Ort zu schaffen. Wir als Bundesinnung wollen aber Lösungen für alle erproben, etwa mit den geforderten Selbsttestmöglichkeiten im Salon. Das würde vor allem Betrieben mit Laufkundschaft Erleichterung verschaffen.

Das Interview ist soeben in der neuen TOP HAIR Austria 04/21 erschienen und wurde am 23. Februar geführt.