Die Premium-Perückenmarke ellen wille hat in Bad Homburg eine neue Heimat gefunden und den Umzug nun abgeschlossen. Neben einem innovativen Logistikzentrum wurde kürzlich auch das neue Verwaltungsgebäude bezogen.
Geschäftsführer Ralf Billharz schuf damit die Voraussetzungen für weitere Expansion gemeinsam mit den 140 Mitarbeitenden, davon 60 Prozent weibliche Führungskräfte und 70 Prozent mit Migrationshintergrund. Top Hair Redakteurin Ute Bauermeister hat mit Ralf Billharz über das Zweithaargeschäft und die Projekte von ellen wille gesprochen.
TOP HAIR: Sie sind seit 2019 Geschäftsführer der ellen wille GmbH. Was hat sich seither verändert? Welches waren die wichtigsten Etappen?
Ralf Billharz: Ein tiefer Einschnitt war der Tod unserer Gründerin Ellen Wille vor zwei Jahren. Sie hat die Marke vor 59 Jahren ins Leben gerufen und seitdem maßgeblich die kreative Arbeit beeinflusst und geprägt. Als wichtige Sparringspartnerin setzte sie Akzente und trieb die Entwicklungen voran. An dem Neubau und dem Umzug von Schwalbach nach Bad Homburg konnte sie sich zu Beginn noch maßgeblich beteiligen. Es gelang ihr eine Stiftung zu gründen, um junge Menschen, insbesondere Frauen, in ihrer beruflichen Entwicklung zu unterstützen. Wir mussten in den vergangenen zwei Jahren die Aufgaben neu verteilen, das Führungsteam neu aufstellen. Es ist uns zudem gelungen, den Umzug in nur fünf Jahren zu konzipieren, zu planen, zu bauen und sowohl mit dem Logistikzentrum als auch der Verwaltung nun all unsere Power an einem Ort in Bad Homburg zu bündeln. Das neue globale Logistikzentrum verfügt über eine hoch automatisierte Logistik-Technologie, die in der Branche einzigartig ist. Das System steigert die Logistikkapazität erheblich und macht die Abläufe für den Vertrieb in über 50 Länder noch effizienter. Die neue Firmenzentrale haben wir am 10. Juni feierlich in Anwesenheit der ehemaligen Oberbürgermeisterin Frankfurts, Petra Roth, eröffnet. Wir haben hier nicht nur einen neuen Standort, vielmehr eine neue Heimat gefunden.
Wie sieht denn momentan die Marktsituation für Zweithaar aus?
Ralf Billharz: Glücklicherweise ist diese Branche sehr krisenresistent. Ein Großteil des Perückengeschäftes in Europa wird im medizinischen Bereich abgewickelt. Hier wachsen wir demografisch bedingt durch die zunehmend alternde Bevölkerung mit dünnem Haar oder Haarverlust, vermehrten Krebsdiagnosen und über dauerhaften Haarausfall, wie zum Beispiel Alopezia-Erkrankungen. Der Bedarf ist enorm. Aufgrund dieses organischen Marktwachstums verspürt die Branche wenig Veränderungsdruck. Wir brauchen jedoch neue Konzepte. Das Einkaufserlebnis für eine hochwertige Perücke ist im Vergleich mit anderen edlen Produkten auf niedrigem Niveau. Wir müssen eine bessere Sichtbarkeit für unser attraktives Premiumprodukt gewährleisten. Weltweit haben wir zu wenig Fachgeschäfte für Zweithaar. Die Strukturen des Perücken-Einzelhandels sind in vielen Ländern nicht mehr zeitgemäß und entsprechen nicht den Erwartungen der Endverbraucher*innen, obwohl wir das durchaus pushen und unterstützen. Wir sind eines der exportorientiertesten Unternehmen deutschlandweit über alle Branchen hinweg. In Amerika etablieren sich unsere Premiumperücken als Mode-Accessoire. In den USA gehen viele ungezwungen mit Veränderung um. Amerikanische Kundinnen haben oft mehrere unterschiedliche Perücken, die je nach Event mit einem unterschiedlichen Look kombiniert werden. Im Fashion-Umfeld sehen wir großes Potenzial für unsere hochwertigen, handgemachten und komfortablen Luxusprodukte.
Welche Rolle spielen für ellen wille die Friseurgeschäfte?
Ralf Billharz: Friseure sind Dienstleister. Haarteile, Echthaar, Toupet und Zweithaar sind ebenfalls dienstleistungsbezogen – wir sehen viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Es geht um Frisuren; Haare sind sehr emotional. Da gibt es viel Potenzial, kreativ zu werden. 90 Prozent unserer Perücken sind ready to wear, aber Pflege und Styling müssen erklärt werden. Auch eine Typberatung zählt zur enorm wichtigen Dienstleistung. Ich muss mein Produkt gut kennen, wissen welche Schnitte, Fasern, Monturen und Preise es gibt, um als Experte wahrgenommen zu werden. Wir haben 5.500 unterschiedliche Perücken im Sortiment. Ein Händler oder Friseur sollte schon etwa 40 bis 60 Stück vorrätig haben und anbieten können.
Allerdings ist das Zweithaar kein Nebengeschäft. Sie brauchen die nötige Infrastruktur, Präqualifizierungen, entsprechende Warenwirtschaft, Einfühlungsvermögen, Beratungsqualität sowie Betreuung. Zweithaar hat eine andere Zielgruppe als das Salongeschäft. Daher sollten Friseure das nicht nebenbei machen, sondern als strategisches Hauptgeschäft sehen, mit durchaus gewinnbringendem Potenzial. Aber man muss auch in qualifizierte Mitarbeiter investieren; dann ist es ein lukrativer Markt. Es gibt einen Spagat bei der Wahrnehmung der Perücken. Im europäischen Raum haben sie sich stark als medizinisches Bedarfsprodukt etabliert; es fehlt an Attraktivität. Allerdings steigt die Nachfrage an medizinischen Hilfsmitteln stetig und die Erstattungen verbessern sich international. In der Schweiz, Österreich, Irland und Frankreich verzeichnen wir ein hohes Niveau an Perückenerstattungen bei krankheitsbedingtem Haarverlust. Wir betreiben in erster Linie ein B2B-Geschäftsmodell mit starker Unterstützung und Betreuung unserer Partner über Außendienst, Kundenservice und Schulung.
Sie bieten sowohl Echt- als auch Kunsthaar-Perücken. Was bevorzugen die Kunden?
Ralf Billharz: Die Zweithaarbranche ermöglicht es den Menschen so auszusehen, wie sie schon immer mal aussehen wollten. Die Faser, die dazu benutzt wird, ist nur Mittel zum Zweck. 90 Prozent unserer Perücken bestehen aus Premium-Synthetikfasern, rund zehn Prozent aus Echthaar. Echthaar ist ein bereits getragener, sehr begrenzter Rohstoff, dessen Verfügbarkeit zukünftig nicht zunehmen wird. Entsprechend investieren wir verstärkt in die Entwicklung neuer Fasertechnologien.
Welche Innovationen gibt es im Bereich Synthetikfaser?
Ralf Billharz: Bisher haben wir mit Vollkörperfasern gearbeitet, aber jetzt gibt es die Airlite-Technologie, gewissermaßen ein hohler Faden, dadurch natürlich viel leichter. Dank der innovativen Entwicklungen in unseren Labors in Japan und Korea konnten wir diese Faser nun sehr stabil, beweglich und gut stylebar machen, bei einer gleichzeitigen Gewichtsreduktion von etwa 25 Prozent, was natürlich den Tragekomfort deutlich erhöht. Zudem kann man bei der Airlite noch viel besser mit Farben spielen. Solche Innovationen gibt es mit Echthaar nicht. Wir arbeiten zudem an neuen Materialien, die uns künftig das komplette Recyclen einer ellen-wille-Perücke ermöglichen. Eine Permanentträgerin kann unsere Perücken – bei regelmäßiger Pflege – im Durchschnitt rund acht Monate, bei Echthaar etwa ein Jahr tragen.
Wo lassen Sie produzieren, und gibt es Probleme bei den Lieferketten?
Ralf Billharz: 80 Prozent unserer Produkte werden in Indonesien hergestellt, überwiegend sehr hochwertig von Hand geknüpft. Der Warentransport erfolgt flexibel über Luft- oder Seefracht, aktuell, bedingt durch die Iran-Krise, zu einem höheren Anteil per Flugzeug zur Sicherstellung der Lieferfähigkeit. Jährlich werden eine halbe Millionen Perücken für ellen wille produziert. Wir sind sehr optimistisch, haben in die Infrastruktur investiert und können nun weiter wachsen. Wir haben das modernste und innovativste Logistikzentrum der Branche weltweit. In den vergangenen 30 Jahren konnten wir die Größe des Unternehmens verzehnfachen und uns als Premiummarke etablieren. Nächstes Jahr feiern wir unser 60-jähriges Firmenjubiläum. Darauf freuen wir uns alle und möchten das im Sinne von Ellen Wille begehen.
Vielen Dank für das Gespräch!
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