Bunte Schokolinsen als Symbol: 3 von 100 hochinfizierten Corona-Patienten sterben. Greifen Sie zu? >< Foto: New Africa / Shutterstock.com

19.10.2020

Manfred Hohmann war schwer an Corona erkrankt: „Nichts ist gewiss“

Friseurmeister Manfred Hohmann war an Covid-19 erkrankt und hätte den Kampf gegen die Krankheit beinahe verloren. Auch sechs Monate nachher ist nichts mehr wie zuvor.

Es war kurz bevor die Salons am 21. März schließen mussten: Manfred Hohmann war noch in voller Fahrt im Salon, wollte alles regeln für die Wochen des Lockdowns, als ihm die ersten Kunden sagten: „Du siehst nicht gut aus.“ Am Nachmittag hatte er dann „von jetzt auf gleich“ den Geruchs- und Geschmackssinn verloren, vier Tage später folgte der Zusammenbruch: „Ich konnte keine Tasse Tee oder das Telefon mehr halten und bekam keine Luft mehr“, erinnert sich Hohmann knapp sechs Monate später. Seine Familie brachte ihn ins Krankenhaus, da war es „1 Minute vor 12“. Die Sättigung des Sauerstoffwertes im Blut war da schon auf 46 Prozent gefallen – lange hätte er nicht mehr durchgehalten. Vom Krankenhaus in Hilders wurde er ins Covid-Zentrum nach Fulda verlegt und erlebte die schlimmsten Wochen seines Lebens. Vier Wochen lag er auf dem Bauch, wurde ins künstliche Koma versetzt, intubiert und an die Dialyse angeschlossen, weil die Nieren versagten.

Leistungsstabilität von 40 Prozent

Insgesamt verbrachte er 68 Tage auf der Intensivstation – 60 Tage davon wurde er voll beatmet, 23 Tage lag er im künstlichen Koma. Verlassen hat er die Klinik im Rollstuhl. Heute ist er mit seinem Gesundheitszustand ganz zufrieden und arbeitet seit wenigen Wochen auch wieder im Salon. Nieren und Bauchspeicheldrüse arbeiten wieder zu 100 Prozent, Herz und Lunge bereiten noch etwas Probleme. „Ich habe eine Leistungsstabilität von ca. 40 Prozent“, sagt Hohmann im Gespräch mit TOP HAIR. „Von Woche zu Woche spüre ich Fortschritte, das ist ein gutes Zeichen.“ Er wird schnell müde und die Luft fehlt ihm häufig noch. Maximal drei bis vier Kunden schafft er am Tag, danach fordert der Körper Ruhe ein. „Ich habe Glück“, sagt Hohmann – obwohl seine linke Seite und der linke Fuß oft noch taub sind. In der Reha lernte der Friseurmeister nicht nur wieder gehen, sondern auch andere Covid-Genesene kennen. Bei einigen davon verlief die Erkrankung längst nicht so schwer wie bei ihm, dennoch haben heute einige mehr Probleme als er, und die Krankheit kostete sie Fingerglieder, Unterschenkel oder Ohr. „Bei der künstlichen Beatmung werden zuerst die Lunge und dann erst die Extremitäten versorgt“, erklärt Hohmann. „Es entstehen dann Micro-Thrombosen und Gliedmaßen müssen abgenommen werden. Ca. 15 Prozent der Wiedergenesen haben was eingebüßt“, erklärt Hohmann, der sich sehr intensiv mit der Krankheit beschäftigt. Der Friseurunternehmer ist froh, dass er auch sonst keine Ausfallerscheinungen hat und weder das Lang- noch das Kurzzeitgedächtnis Schaden genommen haben.

Körper zeigt Grenzen auf

Heute kümmert sich Hohmann neben der Arbeit in seinem Salon vor allem um sich selbst. Drei Stunden sind es täglich. Er trainiert mit Sauerstoff-Unterstützung auf dem Ergometer, geht zwei Mal in der Woche ins Fitness-Studio, in die Gymnastikgruppe, gehört zwei Lungenentwicklungsgruppen an, arbeitet mit einem Physio-Therapeuten und geht wöchentlich zum Arzt. Alle drei Tage bekommt er einen Anruf aus dem Gesundheitsamt und steht Rede und Antwort für drei verschiedene Studien. „Jeder Tag ist neu und an jedem Tag fühle ich mich anders. Mental und körperlich kommt man an seine Grenzen“, sagt Hohmann und erinnert sich auch daran, dass er seine Frau am 26. März das letzte Mal gesehen hatte und dann erst wieder am 9. Mai. „Das ist für alle Angehörigen eine immense psychische Belastung und normalisiert sich erst langsam.“
   Warum es ihn so heftig erwischt hat, erklärt sich Hohmann so: „Ich war das Paradebeispiel für einen Risikopatienten: übergewichtig, über 60, ich nehme Medikamente und habe die Blutgruppe A – das alles hat sich dann zu diesem schweren Verlauf potenziert.“ Auch Familie und Mitarbeiter mussten zu Beginn des Lockdowns in Quarantäne und wurden getestet. Keiner der Mitarbeiter war positiv, aber seine Familie. Symptome hatten die, wenn überhaupt, aber nur leichte. Als am 4. Mai die Salons wieder öffnen durften, kümmerte sich Hohmanns Frau Uschi allein um das Geschäft und hatte einige Herausforderungen zu bestehen: „Ich war so dumm und blöd“, sagt Hohmann, „und hatte im vergangenen Jahr alles auf digital umgestellt – ein völlig papierloses Büro. Aber alle Passwörter, Schlüssel und Codes kannte nur ich, ich hatte sie für meine Frau nirgends hinterlegt. Sie musste dann alles wieder auf analog umstellen, weil sie nichts hatte und alles nur auf mich zugeschnitten war. Das war viel Arbeit. Ich bin total stolz auf sie!“

Wo er sich mit dem Virus infiziert hat, weiß Hohmann bis heute nicht, er weiß nur: „So etwas möchte ich nie wieder erleben!“ Und so sorgten auch die Corona-Demos und Corona- Leugner bei ihm zunächst für Wut, dann für Fassungslosig- und Traurigkeit. Er appelliert an die Menschen, in ihrer Wachsamkeit nicht nachzulassen und auf die Virologen, Immunologen und Politiker zu hören und nicht den Reden selbsternannter Experten Glauben zu schenken: „Es ist nicht nur eine Grippe!“ Und wie geht er mit Kunden um, die Corona verharmlosen? „Zum Glück haben wir davon nur wenige“, sagt Hohmann. Aber wenn doch einer auf seinem Stuhl landet, dann zückt er sein mit 100 Smarties gefülltes Weckglas, das es schon zu einiger medialen Präsenz gebracht hat: „Ich erkläre dann immer, dass drei von den 100 Smarties giftig sind, und ich nicht weiß, welche es sind und lade sie ein, zuzugreifen. Diese 3 Prozent entsprechen der Sterberate bei den hochinfizierten Covid-Patienten. Zugegriffen hat noch keiner.“ Während all der Wochen im Krankenhaus hat der Optimist in Hohmann immer die Oberhand behalten, er war sich immer sicher, dass Covid nicht sein Ende sei. „Ich möchte das machen, was ich mag – und Friseur zu sein, macht mir unglaublich viel Spaß“, sagt Hohmann, für den ganz klar war, dass er wieder in seinen Salon zurückkehrt. Nur bei der zeit- und reiseintensiven Arbeit im Working-Komitee der ICD Mondial wird er kürzertreten. „Mit der Intensität wie in den vergangenen 20 Jahren kann ich das nicht mehr machen“, sagt Hohmann. Einen Leitsatz für all sein Handeln hat er inzwischen aber auch: „Eines ist gewiss, dass nichts gewiss ist.“

Autor: Yvonne Rieken