Kolumne Lars Nicolaisen: meine Gedanken zur aktuellen Situation!

13. Juli 2026
Lars Nicolaisen, Porträtbild
Lars Nicolaisen, Foto: @Carlosanthonyo

Inhaltsübersicht

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

um mit den Fakten anzufangen: Wir haben ein Insolvenzverfahren für eines unserer Unterneh­men eingeleitet. Da steht er nun. Dieser Satz. Vor ein paar Monaten hätte ich ver­mutlich den Kopf geschüttelt, wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich diesen Satz einmal schreiben würde. Heu­te muss ich leider genau dies tun. Das In­solvenzverfahren betrifft nicht „Nicolaisen Intercoiffure Hamburg“ als Ganzes, son­dern ausschließlich die Gesellschaft, die unsere Salons am Ballindamm und in der Hamburger Meile betreibt. Unser Stadt­palais ist nicht betroffen. Natürlich macht das die Situation emotional nicht leichter. Aber es zeigt, dass es hier nicht um das Ende von „Nicolaisen“ geht, sondern um die Neuausrichtung eines Teils unseres Unternehmens.

Im Kern gesund

Bis vor wenigen Wochen wusste ich selbst nicht, dass Insolvenz eben nicht gleich Insolvenz ist. Ehrlich gesagt, hatte ich genau dieses Bild im Kopf: Ende. Tü­ren zu. Feierabend. Katastrophe. Aber so einfach ist es eben nicht. Da sind Unter­nehmen, deren Geschäftsmodell schlicht keine Zukunft mehr haben. Dann gibt es Unternehmen, die eigentlich eine Zu­kunft hätten, finanziell aber schon so tief in Schwierigkeiten stecken, dass ihnen die Luft ausgegangen ist. Offene Löhne, offene Miete, hohe Außenstände. Und dann gibt es Unternehmen, bei denen der Kern ge­sund ist, die wirtschaftlich aber eine Last mit sich herumschleppen, die sie aus eige­ner Kraft nicht mehr bewältigen können. Unternehmen, die bis zum Tag des Insol­venzantrags sämtliche Verpflichtungen vollständig erfüllt haben. Löhne. Mieten. Steuern. Lieferanten. Alles wurde pünkt­lich bezahlt. Und genau dort stehen wir mit unserer Nicolaisen GmbH & Co. KG. Unse­re Salons funktionieren. Unsere Kunden kommen. Unsere Teams leisten großartige Arbeit.

Unser Problem liegt in der Vergan­genheit: Viele unserer Verbindlichkeiten stammen aus einer Zeit, in der unser Un­ternehmen deutlich größer war als heute. Auf diese Größe wurden Finanzierungen abgeschlossen und Verpflichtungen einge­gangen. Die „Corona-Auswirkungen“ und die letzten Jahre haben unsere Branche verändert. Heute arbeiten wir mit deutlich kleineren Teams – und trotzdem tragen wir noch immer einen Rucksack, der für ein wesentlich größeres Unternehmen ge­packt wurde. Alle Quartals- und Monatsen­den wurden so zur emotionalen Belastung. Drei Jahre lang habe ich daran geglaubt, dass wir das noch einmal schaffen. Nun ist die Erkenntnis gereift: Diesmal nicht.

Emotionale Achterbahn

Den Juni 2026 werde ich so schnell nicht vergessen. Sich dem Thema „mögliche In­solvenz“ zu nähern, klingt logisch und lo­cker und ist emotional dennoch so schwer. Gefühlt stündlich überfallen einen Selbst­zweifel. Und dann ist da auch das Unge­wisse. Wie geht es weiter? Mit dem Unter­nehmen, aber auch privat. Wie werden die Mitarbeitenden reagieren? Wie unsere Kunden? Unsere Familie, Freunde, Nach­barn? Was wird auf den Social Media Ka­nälen passieren? Halten wir das alles aus?

Ich weiß, für viele war ich bzw. unsere Salons ein „Leuchtturm“. Und jetzt? War das alles nur haltlose Fassade? Inter­essiert sich überhaupt noch jemand für meine Sicht auf die Friseurbranche? Werde ich nur noch mit dem Unternehmen ver­bunden, das jetzt neu strukturiert werden muss – und nicht mit dem Unternehmen, das bis heute kerngesund ist?

Kein Wegducken!

Vielleicht fragt sich der eine oder die ande­re inzwischen, warum ich diese Gedanken überhaupt öffentlich schreibe. Ich habe in den letzten Jahrzehnten unzählige Vorträ­ge gehalten, Kolumnen geschrieben und Podcasts aufgenommen. Immer wieder ging es dabei um Unternehmertum, Füh­rung, Fehler und Verantwortung. Wenn ich heute anfangen würde, mich wegzu­ducken, würde ich genau gegen die Werte handeln, über die ich so oft gesprochen habe. Apropos „Wegducken“. Vielleicht täu­sche ich mich, aber ich habe das Gefühl, dass „Verantwortung übernehmen“ immer mehr aus der Mode kommt. Egal ob Poli­tik, Sport oder Social Media: Bei Niederla­gen werden Schuldige erstaunlich schnell gefunden. Aber man selbst? Natürlich gab es Corona. Natürlich gab es äußere Um­stände. Aber seien wir ehrlich: Wenn ich immer alles richtig eingeschätzt und rich­tig gemacht hätte, wären wir jetzt nicht in dieser Situation. Mein allergrößter Fehler war, zu lange zu glauben, dass wir es al­leine schaffen. In diesen Tagen erlebe ich gerade, wie sich Angst und Hoffnung mit­einander verbinden. Ich weiß nicht, was jetzt alles auf mich zukommt. Gleichzeitig gibt mir dieser Schritt auf gleich mehre­ren Ebenen Kraft und Hoffnung. Denn so, wie es war, konnte es nicht weitergehen. Natürlich ist dies alles nicht nur für mich belastend, sondern für meine Frau Simo­na ganz genau so. Wir sind seit weit über 30 Jahren ein super Team und gehen auch diesen Weg gemeinsam. Auch unser Sohn steht zu 100% an unserer Seite und gibt uns sehr viel Kraft.

Ich persönlich werde meine ganze Kraft in die Neustrukturierung des Unter­nehmens stecken. Darauf liegt mein Fokus. Was ich nicht machen werde, ist, regelmä­ßige Wasserstandsmeldungen abzugeben, jedes Telefonat annehmen, alle Nachrich­ten beantworten. Das ist nicht unhöflich gemeint, aber ich muss und werde auf meinen Energiehaushalt achten müssen. Wenn es zu diesem ganzen Thema wirklich etwas Neues zu sagen gibt, werde ich mich melden. Im Blog. Im Podcast. Oder auf So­cial Media. Bis dahin sollte dieser Beitrag erst einmal reichen.

So… jetzt wisst ihr Bescheid. Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, dies bis zum Ende zu lesen.

Lars Nicolaisen

Lesen Sie die ausführlichen Gedanken von Lars Nicolaisen in seinem Blog.

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