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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
um mit den Fakten anzufangen: Wir haben ein Insolvenzverfahren für eines unserer Unternehmen eingeleitet. Da steht er nun. Dieser Satz. Vor ein paar Monaten hätte ich vermutlich den Kopf geschüttelt, wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich diesen Satz einmal schreiben würde. Heute muss ich leider genau dies tun. Das Insolvenzverfahren betrifft nicht „Nicolaisen Intercoiffure Hamburg“ als Ganzes, sondern ausschließlich die Gesellschaft, die unsere Salons am Ballindamm und in der Hamburger Meile betreibt. Unser Stadtpalais ist nicht betroffen. Natürlich macht das die Situation emotional nicht leichter. Aber es zeigt, dass es hier nicht um das Ende von „Nicolaisen“ geht, sondern um die Neuausrichtung eines Teils unseres Unternehmens.
Im Kern gesund
Bis vor wenigen Wochen wusste ich selbst nicht, dass Insolvenz eben nicht gleich Insolvenz ist. Ehrlich gesagt, hatte ich genau dieses Bild im Kopf: Ende. Türen zu. Feierabend. Katastrophe. Aber so einfach ist es eben nicht. Da sind Unternehmen, deren Geschäftsmodell schlicht keine Zukunft mehr haben. Dann gibt es Unternehmen, die eigentlich eine Zukunft hätten, finanziell aber schon so tief in Schwierigkeiten stecken, dass ihnen die Luft ausgegangen ist. Offene Löhne, offene Miete, hohe Außenstände. Und dann gibt es Unternehmen, bei denen der Kern gesund ist, die wirtschaftlich aber eine Last mit sich herumschleppen, die sie aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen können. Unternehmen, die bis zum Tag des Insolvenzantrags sämtliche Verpflichtungen vollständig erfüllt haben. Löhne. Mieten. Steuern. Lieferanten. Alles wurde pünktlich bezahlt. Und genau dort stehen wir mit unserer Nicolaisen GmbH & Co. KG. Unsere Salons funktionieren. Unsere Kunden kommen. Unsere Teams leisten großartige Arbeit.
Unser Problem liegt in der Vergangenheit: Viele unserer Verbindlichkeiten stammen aus einer Zeit, in der unser Unternehmen deutlich größer war als heute. Auf diese Größe wurden Finanzierungen abgeschlossen und Verpflichtungen eingegangen. Die „Corona-Auswirkungen“ und die letzten Jahre haben unsere Branche verändert. Heute arbeiten wir mit deutlich kleineren Teams – und trotzdem tragen wir noch immer einen Rucksack, der für ein wesentlich größeres Unternehmen gepackt wurde. Alle Quartals- und Monatsenden wurden so zur emotionalen Belastung. Drei Jahre lang habe ich daran geglaubt, dass wir das noch einmal schaffen. Nun ist die Erkenntnis gereift: Diesmal nicht.
Emotionale Achterbahn
Den Juni 2026 werde ich so schnell nicht vergessen. Sich dem Thema „mögliche Insolvenz“ zu nähern, klingt logisch und locker und ist emotional dennoch so schwer. Gefühlt stündlich überfallen einen Selbstzweifel. Und dann ist da auch das Ungewisse. Wie geht es weiter? Mit dem Unternehmen, aber auch privat. Wie werden die Mitarbeitenden reagieren? Wie unsere Kunden? Unsere Familie, Freunde, Nachbarn? Was wird auf den Social Media Kanälen passieren? Halten wir das alles aus?
Ich weiß, für viele war ich bzw. unsere Salons ein „Leuchtturm“. Und jetzt? War das alles nur haltlose Fassade? Interessiert sich überhaupt noch jemand für meine Sicht auf die Friseurbranche? Werde ich nur noch mit dem Unternehmen verbunden, das jetzt neu strukturiert werden muss – und nicht mit dem Unternehmen, das bis heute kerngesund ist?
Kein Wegducken!
Vielleicht fragt sich der eine oder die andere inzwischen, warum ich diese Gedanken überhaupt öffentlich schreibe. Ich habe in den letzten Jahrzehnten unzählige Vorträge gehalten, Kolumnen geschrieben und Podcasts aufgenommen. Immer wieder ging es dabei um Unternehmertum, Führung, Fehler und Verantwortung. Wenn ich heute anfangen würde, mich wegzuducken, würde ich genau gegen die Werte handeln, über die ich so oft gesprochen habe. Apropos „Wegducken“. Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe das Gefühl, dass „Verantwortung übernehmen“ immer mehr aus der Mode kommt. Egal ob Politik, Sport oder Social Media: Bei Niederlagen werden Schuldige erstaunlich schnell gefunden. Aber man selbst? Natürlich gab es Corona. Natürlich gab es äußere Umstände. Aber seien wir ehrlich: Wenn ich immer alles richtig eingeschätzt und richtig gemacht hätte, wären wir jetzt nicht in dieser Situation. Mein allergrößter Fehler war, zu lange zu glauben, dass wir es alleine schaffen. In diesen Tagen erlebe ich gerade, wie sich Angst und Hoffnung miteinander verbinden. Ich weiß nicht, was jetzt alles auf mich zukommt. Gleichzeitig gibt mir dieser Schritt auf gleich mehreren Ebenen Kraft und Hoffnung. Denn so, wie es war, konnte es nicht weitergehen. Natürlich ist dies alles nicht nur für mich belastend, sondern für meine Frau Simona ganz genau so. Wir sind seit weit über 30 Jahren ein super Team und gehen auch diesen Weg gemeinsam. Auch unser Sohn steht zu 100% an unserer Seite und gibt uns sehr viel Kraft.
Ich persönlich werde meine ganze Kraft in die Neustrukturierung des Unternehmens stecken. Darauf liegt mein Fokus. Was ich nicht machen werde, ist, regelmäßige Wasserstandsmeldungen abzugeben, jedes Telefonat annehmen, alle Nachrichten beantworten. Das ist nicht unhöflich gemeint, aber ich muss und werde auf meinen Energiehaushalt achten müssen. Wenn es zu diesem ganzen Thema wirklich etwas Neues zu sagen gibt, werde ich mich melden. Im Blog. Im Podcast. Oder auf Social Media. Bis dahin sollte dieser Beitrag erst einmal reichen.
So… jetzt wisst ihr Bescheid. Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, dies bis zum Ende zu lesen.
Lars Nicolaisen
Lesen Sie die ausführlichen Gedanken von Lars Nicolaisen in seinem Blog.
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