Foto: JPMS

30.07.2019

Pimp my ride mit Angus Mitchell

Angus Mitchell, Sohn von Paul Mitchell, liebt nicht nur Haare, sondern auch Autos. In Los Angeles hat er uns seine Eventlocation "Gearbox" gezeigt, in der sich PS, Chrom und Leder gegenseitig die Schau stehlen - und natürlich auch ein Friseursalon zu finden ist.

Wir kennen Angus Mitchell vor allem als Bühnenakteur, wenn er bei Shows von Las Vegas, über London bis Taiwan Haare schneidet. In Los Angeles, wo er lebt und wo auch der Firmensitz von John Paul Mitchell Systems ist, haben wir eine weitere Facette von ihm kennengelernt: seine große Leidenschaft für Autos.

In einem Industriegebiet hat er sich seine "man cave" geschaffen, die Gearbox L.A. Rund 30 Autos, alte und neue, allesamt Liebhaberstücke, stehen hier versammelt. Eine Bar und Poolbillard, aber auch ein vollausgestatteter Salon dürfen nicht fehlen. Angus Mitchell nutzt das Gebäude als Education Center und Fotostudio für Paul Mitchell. Außerdem kann man es für Dreharbeiten und Fotoproduktionen mieten.

Angeschlossen ist eine Werkstatt, in der alte Autos zu hochmodernen, PS-starken Wagen mit allerlei Gadgets aufgemotzt werden. Pimp My Ride lässt grüßen. An der Fertigstellung dieses Gebäudes wird derzeit noch gearbeitet.

Welche Leidenschaft ist größer, die für Haare oder die für Autos?

Sie ist für beide gleich groß.

Seit wann bastelst Du an Autos rum?

Schon als kleiner Junge habe ich mich für Autos begeistert. Erst für Spielzeugautos, als Teenager für Autozeitschriften. Als Idee ist mir dies hier schon lange durch den Kopf gegeistert, aber es war ein Traum und ich hätte nie gedacht, dass er sich erfüllen würde. Manchmal komme ich hier rein und muss kräftig schlucken, weil ich denke, ich bin in der Garage eines anderen; ich vergesse, dass es meine ist. Zehn Jahre habe ich für die Sammlung gebraucht. Das Gebäude wurde in 3,5 Jahren gebaut und 2016 fertiggestellt. Eigentlich wollte ich das hier für Paul Mitchell bauen, weil wir uns in Fotostudios einmieten. Und ich wollte mir hier ein Education Center bauen. Als dann alles fertig war, stellte ich fest: „O mein Gott, ich habe ein neues Business geschaffen und sollte es an andere vermieten.“ Es heißt Gearbox L.A. und man kann es für Fotoproduktionen und Dreharbeiten mieten. Momentan läuft eine Anfrage, dass es jemand fünf Monate mieten möchte. Was mir Sorgen macht, weil ich dann fünf Monate nicht hier rein kann. Und wohin mit all den Autos?!

Foto: JPMS

Was wollen die hier machen?

Sie wollen eine Netflix-Serie drehen. Ich habe hier also einen Ort geschaffen, der zu etwas völlig anderem wurde. Wenn ich hier reinkomme, lache ich in mich hinein, weil ich selbst nicht glauben kann, dass ich es erschaffen habe. Das Gebäude gegenüber wird nicht so high end werden, aber dennoch atemberaubend, wenn es erstmal fertig ist. Die Autos kommen alle dorthin und hier entsteht eher ein Showroom oder Museum, damit man viel Platz um die Autos herum hat.

Du fährst diese Autos nicht, oder?

Ich fahre sie! Mein Lieblingsauto ist der 64 Cadillac. Ich habe es gekauft, als ich Assistent bei Vidal Sassoon war, für weniger als 20.000 Dollar und habe es seit 1994 behalten. Als ich dann Noel (sein Geschäftspartner, Anm. d. Red.) kennenlernte, wollte ich es restaurieren, und dass es besser fährt. Er sagte: „Ok, lass uns was Außergewöhnliches draus machen.“ Und so haben wir ein modernes Auto gebaut, das wie ein Klassiker aussieht.

Was haben Haare und Autos Deiner Meinung nach gemeinsam?

Es ist Kunst. Gefragt nach ihrer Inspiration für Frisuren sprechen viele über Architektur, Frank Lloyd Wright, Bauhaus. Das ist sehr Sassoon-beeinflusst, wo auch ich angefangen habe. Ein Auto ist für mich eine schöne Skulptur, das eine Geschichte über eine Ära erzählt.

Was sind die größten Haartrends im Moment?

Instagram! Es macht mir Angst. Im Dezember wurde ich bei einer Hairshow nach den Unterschieden zwischen Taiwan und Amerika gefragt. Ich antwortete: Es gibt keinen. Instagram hat sie alle zerstört.

Sind es eher die Haarschnitte oder die Farben, die Instagram populär macht?

Mehr die Haarfarbe. Im Gegensatz zu früher trauen sich die Leute heute eher knallige Farben zu probieren.

Auch ältere Frauen?

Absolut. Beverly Hills ist ein guter Gradmesser. Dort sitzt altes Geld und wenn du über den Rodeo Drive läufst, wirst du viele ältere Frauen mit leuchtenden Farben sehen. Auf unseren Reisen in Deutschland oder London sehen wir es auch. Es macht ihnen Spaß, weil es keine permanente Farbe ist. Haarfarbe ist wie ein Kleidungsstück. Du musst dich nicht 30 Tage festlegen. Es kann sich auch nach 5 Tagen auswaschen.

Motorblock mit Unterschrift von Paul Mitchell, Foto: JPMS

Machst Du selbst noch Haare?

Ich schneide Haare, ja, ich bin Educator und arbeite eher auf der künstlerischen Seite zusammen mit Robert Cromeans.

War es eigentlich deine Entscheidung Friseur zu werden, oder wurdest Du in die Fußstapfen deines Vaters gedrängt?

Nein, ich wurde überhaupt nicht gedrängt. Mein Vater starb als ich 18 war. Wir hatten eine wunderschöne, spirituelle Verbindung. Als ich sechs war, sagte ich zu meinem Vater, dass der Stamm nicht weit vom Apfel falle. Er sagte: "Sohn, es ist genau andersrum.“ Ich antwortete: „Nein Papa, Ich habe dich schon vorher gekannt.“ Als er starb, wollte ich ihn wirklich unbedingt ehren. Der beste Weg war  aus meiner Sicht, seinen Fußstapfen zu folgen. Aber ich war kein Naturtalent. Ich fühlte mich nicht besonders wohl dabei Haare zu machen. Aber ich blieb dran. Ich mag die Herausforderung. Einer der besten Freunde meines Vaters rief mich an, als ich in der Beauty School war: „Angus, bist du gut?“ Ich antwortet, ich sei okay. Er sagte: „Wenn du nur okay bist, dann hör jetzt auf, weil du niemals so gut wie dein Vater werden wirst.“ Das spornte mich an, hart zu arbeiten.

Ich hatte einen eigenen Salon. Er hat mir Spaß gemacht, aber dann habe ich erkannt, was mir wichtiger ist. Meine Begabung liegt darin, vor Leuten zu stehen und meine Leidenschaft zu teilen. Deshalb konzentrierte ich mich stärker auf Paul Mitchell. Dann wurde ich Vater und meine Prioritäten verschoben sich erneut. Ich bin nach wie vor bei Paul Mitchell involviert, fülle meine Führungsrolle aus und mache auch Hair Shows, aber in geringerem Ausmaß. Jetzt bin ich ein glücklicher Vater.

Würde es Dir gefallen, wenn Dein Sohn auch Friseur wird?

Ja. Er ist vier und er ist Linkshänder, aber hebt Scheren mit der rechten Hand auf. Das ist gut, als Friseur musst du beidhändig sein. Du musst mit rechts und links arbeiten können. Und solange er mit rechts schneiden kann, bin ich ein glücklicher Papa. Dann kann er meine Schere haben.

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Hast Du Dinge von Deinem Vater für Deinen Beruf als Friseur gelernt?

Bevor mein Vater von London nach Amerika ging, arbeitete er für diesen Gentleman, sein Name war Vidal Sassoon. Als Vidal seinen ersten Salon in New York eröffnen wollte, wählte er meinen Vater als Salonmanager aus. Die Struktur, die er von dort hatte, der bin ich gefolgt.

Welche Struktur?

Ihre Struktur ist ihre Kultur. Die Lehre des Haareschneidens begann mit dieser Firma (Sassoon, Anm. d. Red.). Es hat sich zu einer weltweiten Schneidetechnik entwickelt. Wenn Leute auf Education verweisen, darauf wie man das Haareschneiden lernt, schauen die Leute auf Sassoon. Bei Paul Mitchell haben sich daraus unsere eigenen Schulen entwickelt. Alles basiert auf dem, was damals entwickelt wurde. Wenn ich Haare schneide, fühle ich mich meinem Vater am nächsten. Zu seinen Lebzeiten hatte ich leider nie die Möglichkeit gemeinsam mit ihm zu schneiden. Aufgrund  seiner Verbindung konnte ich als Assistent im Sassoon Salon arbeiten. Als Vidal einmal reinkam, habe ich mich neben ihn gesetzt und gesagt: „Vidal, ich möchte mich bei dir bedanken.“ Er fragte: „Für was?“ „Hättest du meinen Vater nicht ausgewählt, um deinen Salon in Amerika zu eröffnen, wäre ich niemals geboren worden. Ich hätte niemals diese Möglichkeit erhalten und dafür bin ich dankbar.“ Er war so ein wunderbarer Gentleman, beeindruckender Mann! Er lachte, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „O nein, Angus, komm schon!“.

Niemand hätte sich vorstellen können, dass Angus Mitchell im Vidal Sassoon Salon arbeitet, Haare zusammenkehrt, putzt und Handtücher wäscht, abspült und shampooniert. Aber es war genau der Ort, von dem mir klar war, dass man mich nicht anders behandeln würde, dass sie mich wie jeden anderen behandeln würden, oder eher stärker fordern.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist diese: An einem ruhigen Nachmittag fragt mich der Salonmanager: „Angus, was machst du?“. Ich antwortete: „Nichts, ich habe alles schon erledigt, Sir.“ Er nahm mein Handgelenk, riss mich herum, machte den "Weißer Handschuh Sauberkeitstest". Er sagte: „Wir zahlen dir keine 2 Dollar 75 Cent die Stunde fürs Rumstehen und Nichtstun.“ Er holte eine kleine Tupperschüssel und eine Nagelbürste, stellte mich vor die Rezeption und verlangte: „Schrubbe die Fugen zwischen den Fliesen.“ Ich fragte: „Habt ihr keine Putztruppe dafür?“ Er sagte: „Sprich nicht so mit mir! Knie dich auf den Boden und fang an zu schrubben.“ Also fing ich an zu schrubben. Eine Stunde später schrubbe ich immer noch. Es läuft gute Musik. Wenn Leute reinkommen, spreche ich mit ihnen, lächle. Da zieht er mich an den Schultern hoch und schüttelt mich: „Was ist los mit dir? Warum bist du so verdammt gut gelaunt?“ Ich sagte: „Ich fühle mich wie Cindarella. Ich sehe das Licht am Ende meines Tunnels.“ Lustigerweise habe ich mir vor zwei Tagen von ihm die Haare schneiden lassen. Wir haben viel gelacht und Geschichten ausgetauscht.

Sammlerstück von Prada, Foto: JPMS

Im Leben machst du eine Reise, die dich formt. An meiner Reise liebe ich, dass ich nicht den einfachen Weg gewählt habe. Ich wählte, was ich respektierte und das war eine bestimmte Art wie man Dinge betrachtet und was man von Menschen erwartet. Und das reflektiert auch das, was ich hier geschaffen habe. Ich habe einen hohen Standard und wenn man so ist, ist man selbst sein härtester Kritiker. Etwas zu erschaffen ist für mich Befriedigung, und meine Liebe und mein Respekt gehören dem Fundament, auf das ich mich fokussieren konnte: Haare und Paul Mitchell, diese wunderbare Marke.

Angus Mitchell hat die Fragen im Rahmen eines Pressegesprächs beantwortet.