Umweltschutz

Plastik – das richtige Maß finden

Das Thema Mikroplastik ist derzeit in aller Munde. Auch die Meinungsbildner in der Friseurbranche beschäftigt das.

Axel Meininghaus hat sich intensiv mit dem Thema Plastik auseinandergesetzt. >< Foto: privat

Mikroplastik schädigt die Umwelt und somit auch den Menschen. >< Foto: Shutterstock

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Akademie-Betreiber Axel Meininghaus kennt durchaus die Vorteile von Kunststoffen in der Haarkosmetik und warnt vor einfacher Schwarz-Weiß-Malerei. Er hofft auf mehr Forschung und Aufklärung und hält Vorträge zum Thema Kunststoffe in der Haarkosmetikindustrie.

TOP HAIR: Herr Meininghaus, wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
Axel Meininghaus: Das hatte zwei Ursachen: 2011 sah ich einen Bericht über den Plastikmüllteppich, der in Europagröße inmitten des Pazifiks treibt. Heute ist die Öffentlich keit durch viele Berichte alarmiert und sensibilisiert, weil sich inzwischen ähnliche Ansammlungen auch in allen anderen Ozeanen gebildet haben und bekannt ist, dass wir alle die zerfallenen Mikroplastikteilchen längst in unserem Blut haben. Die zweite Ursache: Unsere jungen Lehrlingsseminar-Teilnehmer haben zum fachlichen, zusätzlich ein Freizeit-Programm auch an Wochenenden. Damit ihnen nicht langweilig wird, verbringen wir viel gemeinsame Zeit miteinander und beschäftigen uns u. a. auch mit den Themen Ernährung – die wenigsten können sich etwas kochen –, Müllvermeidung, Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit. Dafür musste ich mehr und mehr recherchieren, um überhaupt eine Meinungsbildung zu ermöglichen. Als Lehrer und Ausbilder kann ich nicht die Antwort auf die Frage schuldig bleiben: Was können wir denn tun? Seither betrachten wir unsere eigenen Friseurprodukte kritisch und bemühen uns gleichzeitig sehr, nicht in die übliche Schwarz-Weiß- Malerei zu verfallen und alles Plastik zu dämonisieren, sondern um einen Überblick zu erhalten und um die Risiken zu verstehen.

TOP HAIR: Wie geht das?
Axel Meininghaus: Das geht so: Erkennen, welcher Inhaltsstoff wirklich das Produktversprechen erfüllt. Sehr oft werden bekannte Bio-Stoffe werbetechnisch zur „Ablenkung“ ausgelobt und die eigentliche Leistung kommt von den Polymeren. Wenn es ein Polymer/Silikon ist, wird es unter „Die Abbaubarkeit nachforschen!“ sortiert und zugleich versuchen wir die Beantwortung der Frage: Brauchen wir dieses Produkt unbedingt? Um das Ende gleich vorwegzunehmen: Kunststoffe sind geniale Werkstoffe, problematisch ist ihr Weg nach der Verwendung, ihr biologisches Verhalten in der Natur und vor allem ihre Abbaubarkeit!

TOP HAIR: Wir kannten Mikroplastik vor allem aus Peelings und Duschgels, wo die kleinen Teile bereits mit dem bloßen Auge sichtbar sind. Wie sieht das bei Haarkosmetik-Produkten aus?
Axel Meininghaus: Solches „primäres“ Mikroplastik gibt es kaum noch in unseren Haarprodukten. In allen Festigungsmitteln – Wachs, Schaum, Spray – ersetzen seit Jahrzehnten Kunstlacke und-harze die Naturstoffe als Formgeber. Was aber völlig unbeachtet „unter dem Radar“ hindurchschlüpft, ist eine enorme Zunahme von wasserlöslichen, flüssigen Kunststoffen in all unseren anderen Haarprodukten, selbst im Shampoo: in der Art von, anstelle von oder zusätzlich zu den Silikonen. Diese Polymere, große vernetzte Moleküle, sind im Grunde etwas Geniales: Sie können jede Form und viele Funktionen früherer Inhaltsstoffe aus natürlichen Rohstoffen übernehmen, besser und billiger. Und das passiert gerade im ganz großen Maßstab. Am Gewaltigsten übrigens in der dekorativen und pflegenden Kosmetik: Zusammen mit den ausgelobten, hochwertigen Pflegestoffen schmiert man sich zunehmend Plastik auf die Haut! Das letztlich Entscheidende heute ist die unvorstellbare Mengenzunahme, die produziert wird, ohne zuvor die Risiken ernsthaft erfasst zuhaben. Bei der Recherche stieß ich schnell auf die Seiten vom BUND und Greenpeace, die vor diesen Flüssigkunststoffen warnen, und auch auf Warnungen des Bundesumweltamtes. Das schreibt zum Beispiel: „Auch wenn nur geringe Mengen aus Detergenzien und Kosmetika in die Umwelt kommen, so hält das Umweltbundesamt Mikroplastik in diesen Produkten für verzichtbar.“ Das Bundesumweltamt fordert auf derselben Info-Website aus dem Jahr 2016 sogar ein EU weites Verbot von Flüssigplastik in Waschmitteln!

TOP HAIR: Was machen Kunststoffe mit unseren Haaren?
Axel Meininghaus: Auf jeden Fall haben sie zunächst überragende Eigenschaften: Man hatte zurecht die Idee, die eher äußerlich auf dem Haar haftenden Haarfarbstoffe mit einem „Kunststoffüberzug“ so am Haar zu halten, dass eine Tönung tatsächlich viel mehr Wäschen übersteht – logisch! Als Zweites verbessern sie den kämmbaren Haarzustand, überdecken erfolgreich Haarschäden, gleichen sie aus, geben dem Styling Halt, bieten optimale Konsistenzen und bieten ultimativen Glanz! Deshalb kann man sie tatsächlich überall gut brauchen. Und ich müsste mich sehr täuschen, wenn sie nicht auch noch sehr viel günstiger in der Herstellung wären als die Stoffe, welche die Natur für die Haarpflege bereithält. Man macht sie so, dass sie sich wieder abwaschen lassen oder abtragen. Deshalb ist das Problem, dass Umformungen oder Farben nachfolgend etwa nicht halten, beherrschbar.

TOP HAIR: Kunststoffe können tolle Dinge vollbringen: Stichwort ein neues Polyurethan, für das es sogar eine Auszeichnung gab. Wo halten Sie den Einsatz von Kunststoffen in der Haarkosmetik für sinnvoll?
Axel Meininghaus: Das Polyurethan, von dem Sie sprechen, ist Baycusan C 1004 und C1008 der Firma Covestro, (seit 2015 von Bayer abgespalten). Wenn ich die Hautkosmetik hier einmal ausklammere und nur die Friseurprodukte betrachte: Wir brauchen gewiß Lacke zur Festigung in Stylingprodukten wie etwa Haarspray. Man kann sich aber durchaus fragen: Brauchen wir wirklich einen – zugegeben genialen – mikrofeinen Film aus modifziertem Bauschaum, denn das ist Polyurethan, auf dem Haar, damit die Farbe länger hält? Müssen wir unbedingt die ursprünglich natürlichen Pflegestoffe in H2O2, Conditionern, Kuren und Masken, ja sogar in täglichen Shampoos, durch Kunststoffe ersetzen? Kunststoffe, die kurz nach dem Auftragen im Abfluss verschwinden, von denen defnitiv nicht transparent gemacht wurde, was sie dann machen. Und von denen niemand die Umweltrisiken kennt?

TOP HAIR: Wir sind an Kunststoffe in Produkten gewöhnt. Heißt es im Umkehrschluss, dass manche Dinge ganz neu gelernt werden müssen, wenn man diese Kunststoffe weglässt?
Axel Meininghaus: Das ist leider wahr. Ich kenne viele neue „Ökofriseure“ mit ihren eigenen Produkten und dem Verzicht auf ziemlich viel oder alle Chemie. Denen macht es Freude, das „Anderssein“ motiviert sie und ihre Kunden. Für die anderen kann es sich wie ein Rückschritt in die Produkttechnische Steinzeit anfühlen. Der Totalverzicht ist mir zu einfach, wir müssen uns schon etwas mehr Mühe geben. Richtig ist, das rechte Maß zu finden, und das finden wir nur nach einer gründlichen und aufrichtigen Risikoabwägung. Am besten durch unabhängige Hochschulen. Wir wissen, was die heutigen Polymere können, aber eben nicht, was sie danach anrichten.

TOP HAIR: Wie gehen Sie in Ihrer Akademie mit demThema um? Stellen Sie nun komplett auf Naturkosmetik um?
Axel Meininghaus: Natürlich nicht, aber wir wählen aus. Wir sind ja Teil des offiziellen Friseurlebens, nehmen aber unsere Verantwortung wahr, die wir jetzt deutlicher fühlen. Wir werden mit Sicherheit viele Produkte aus unserer Akademie und den drei Salons aussortieren und sie durch verträglichere Alternativen ersetzen! Ich halte nichts von einer Revolution, also einem Umsturz, sondern nur von Evolution, also einer Weiterentwicklung: Anstelle von Unordnung durch Umsturz besser Weiterentwicklung durch höhere Erkenntnis! Deshalb werden wir unsere Schüler so objektiv und umfassend wie möglich über die Situation heute unterrichten, damit sie selbst eigenverantwortlich abwägen und entscheiden können. Ich kann das gar nicht deutlich genug sagen, dass eine objektive Fakten-Information, ohne auf dem Fuße sofort subjektiv zu werten, so gut wie überhaupt nicht gepflegt und trainiert wird, schon gar nicht in den öffentlichen Diskussionen. Wir brauchen mehr perspektivisches Denken, auch von anderen Standpunkten aus als dem eigenen! Darin sehe ich eine lohnende Aufgabe. Wir Friseure sind hier die „Profi-Verbraucher“. Peinlich wäre, wenn wir statt voranzuschreiten, erst durch unsere Kunden ermahnt und aufgeklärt werden müssten!

TOP HAIR: Haben Sie einen Appell an die Industrie?
Axel Meininghaus:
Die Industrie stellt her, was der Verbraucher will. Deshalb kommt hier alles auf uns an. Wenn wir Verbraucher uns plötzlich auskennen und bestimmte Problemstoffe massenhaft ablehnen, wird sich die Industrie sogleich daran orientieren und von selbst Alternativen finden, die umweltverträglich sein werden. Die Industrie forscht nur deshalb jetzt nicht, macht nichts transparent, überlegt sich nichts Besseres, weil sie nicht muss, und dieses Verhalten ist aus ökonomischen Gründen sogar notwendig! Nur der gesammelte Wille von genügend Verbrauchern bewirkt Veränderung. Die staatlichen Mühlen mahlen nicht nur langsam, sie werden auch durch offizielle Lobbyarbeit ausgebremst. Das Umweltbundesamt, der BUND, Greenpeace oder TV-Formate wie „Quarks“ fordern längst, was man sinngemäß wie folgt zusammenfassen kann: „Wir müssen erforschen, wie sich die heute in den Haarprodukten eingesetzten Polymere wirklich verhalten, nachdem sie im Abfluss verschwunden sind bzw. nachdem sie auf dem Haar/ der Kopfhaut getrocknet sind, fest wurden und Tage später abgewaschen werden. Wie bauen sie sich ab? Werden sie jetzt doch zu unlöslichen Mikroplastikteilchen? Welche biologischen Wirkungen haben sie, wenn sie noch kleiner werden, wenn sie in die Kläranlage und falls sie ins Meer gelangen?“ Hier wurde bisher so gut wie nichts publiziert oder geforscht – aber schon mal Entwarnung gegeben: „Das ist alles wasserlöslich und kein Mikroplastik!“ Die Menschheit steht hier wieder einmal vor einem Mengenproblem: Wie Paracelsus im 15. Jahrhundert sagte: „Die Dosis macht das Gift!“ Also nicht Plastik-Polymere sind das Problem, sondern ihr maßloser, vermutlich zum Teil unnötiger Einsatz in allen kosmetischen Bereichen.

 

Kunststoffe in Kosmetika


Hinter diesen Bezeichnungen verstecken sich Kunststoffe, die häufig in Kosmetika vorkommen:

Polyethylen (PE)
Polypropylen (PP)
Polyethylenterephthalat (PET)
Nylon-12
Nylon-6
Polyurethan (PUR)
Acrylates Copolymer (AC)
Acrylates Crosspolymer (ACS)
Polyacrylat (PA)
Polymethylmethacrylat (PMMA)
Polystyren (PS)
Polyquaternium (PQ)

Wer sich tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, dem empfiehlt Axel Meininghaus als Einstieg die „Mikroplastikstudie 2016“, die Codecheck, die bekannte App, in Kooperation mit dem BUND herausgegeben hat (www.bund.net).

Weiter gibt es vom Umweltbundesamt die Seite „Mikroplastik in Kosmetika – was ist das?

Zur Person:

Axel Meininghaus ist Friseurmeister und betreibt die Meininghaus-Akademie in dritter Generation.

 

Die TOP HAIR Business 02/19 vom 15. Januar 2019 beleuchtet das Thema Plastik und Mikroplastik im Friseursalon.