Preisgestaltung

Ein Preis für alle?

Werden Frauen beim Friseur benachteiligt? Die ewige Preisdiskussion und die neueste Studie dazu.

Immer wieder kommt der Vorwurf auf, Frauen würden beim Friseur benachteiligt, weil sie mehr zahlen müssen. Foto: Pexels

Mehr Business-News? Newsletter anmelden!

Erneut befeuert wurde die Diskussion über unterschiedliche Preise für Männer und Frauen beim Friseur zuletzt, als Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Ende 2017 eine Studie unter dem sperrigen Namen „Preisdifferenzierungen nach Geschlecht in Deutschland“ vorstellte. Das Ergebnis des 200-Seiten-Berichts: 89 Prozent der untersuchten Friseure kassierten 12,50 Euro mehr für einen Kurzhaarschnitt bei Damen gegenüber dem bei Männern. Was Lüders als Benachteiligung von Frauen betrachtet, sehen Vertreter der Friseurbranche differenzierter.

René Krombholz hält eine erneute Diskussion über Preise für Männer und Frauen im Salon für unnötig. „Friseure sollten lernen, vernünftig über das zu sprechen, was sie tun, sich vergleichbar machen mit anderen Handwerkern. Bringe ich mein Auto in die Werkstatt, rechne ich auch mit Stundensätzen von 70 bis 90 Euro. Warum sollte das beim Friseur anders sein?“, fragt der Friseurmeister. „Ein Männerhaarschnitt ist in 15 Minuten fertig, das ist beim Kurzhaarschnitt für Frauen nicht zu schaffen. Damen wünschen neue Techniken, mehr Haarpflege, aufwendigeres Styling und eine emotional andere Betreuung. Männer wollen im Allgemeinen rein, raus und möglichst wenig bezahlen.“ Für den Gründer der Initiative „Fairer Salon“, die für faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen steht, ist klar: „Will eine Kundin genau das, was Männer bekommen, zeige ich, was das bedeutet: maskuline, harte Konturen, technisch graduierte Formen. Das ist ratzfatz zu machen, hat aber weder Chic noch Pfiff.“ Krombholz hat in seinem Salon „die eine oder andere Kundin“, der das genügt. „Die zahlt dann auch den Männerpreis.“ Im Schaufenster seines Salons Figaro hängt eine Preisliste, die Leistungen für Herren und Frauen auflistet. „Ich habe viele ältere Kunden, die sind daran gewöhnt“, erklärt Krombholz. Doch immer mehr koppelt er sich von dieser Preisliste ab. Bevor seine Mitarbeiter die Schere in die Hand nehmen, stellen sie im Beratungsgespräch mit Kunden den Arbeitsaufwand für unterschiedliche Leistungen in den Vordergrund.

Ähnlich agieren die Salons der Friseur-Kette Klier. Dort tragen Friseur und Kunde in eine Serviceliste alle Beträge für die Einzelleistungen ein. „Die Kundin sieht, was sie am Ende bezahlen muss und kann selbst entscheiden, ob sie von der Liste etwas streichen möchte“, erläutert Rüdiger Schmitt, Kommunikationsmanager bei Klier. „Die Dienstleistungen sind so klar miteinander vergleichbar.“ Generell gleiche Preise für Männer und Frauen, differenziert nach Haarlänge, seien vor zehn Jahren bei Klier üblich gewesen, hätten sich aber nicht bewährt. „Das hat grundsätzlich zu Diskussionen im Salon geführt, da der Kunde die Einschätzung des Mitarbeiters hinsichtlich der Haarlänge und des damit verbundenen Aufwandes nicht immer geteilt hat.“ Im Übrigen würden die Mitarbeiter eher selten auf die Preisdiffenzierung für Frauen und Männer angesprochen. „Die Kunden vergleichen die Preise im Vorfeld mit dem Wettbewerb, nicht mit dem anderen Geschlecht“, lautet Schmitts Einschätzung.

Einheitliche Preise

Von Anfang an auf gleiche Preise für männliche und weibliche Kunden setzte der Kölner Friseur Unisex. Zielgruppe waren bei Gründung der Marke 2001 die 18- bis 25-Jährigen. „Unisex wollte sich von den anderen Friseuren abheben, wollte cool sein, trendy und extrem“, erinnert sich Mitgründer und Inhaber des Salons in der Ehrenstraße, Roberto Galanti. Inzwischen sind die DJs aus den Salons verschwunden, geblieben ist der einheitliche Preis für Einzeldienstleistungen. „Ich sehe nicht, warum Haarschnitte für Frauen teurer als für Männer sein sollen.“ Männer seien heute auch anspruchsvoller, wollten feinere Schnitte und mehr Beratung. Beim Barbier zeige sich die Eitelkeit der Männer deutlich. „Dort zahlen sie allein für die Rasur 20 Euro.“ 20 Friseure bundesweit firmieren heute unter dem Namen Unisex. Bei allen gilt das gleiche Konzept: Angesprochen werden immer noch eher junge Leute, Frauen und Männer zahlen in allen Salons gleiche Preise­ für gleiche Leistung, wenn auch deren Höhe von Stadt zu Stadt variiert.

„An den Haaren herbeigezogen“

Für Jörg Müller ist die Diskussion um geschlechtsneutrale Preisgestaltung beim Friseur „an den Haaren herbeigezogen“. Der Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen ­Friseurhandwerks ärgert sich über die jüngste­ Studie zum „Genderpricing“. Darin flössen nur die Erhebungen der Verbraucherzentrale Hamburg ein, nicht aber die von ihm gelieferten Marktdaten der Erfolgs-Vergleichs-Analyse (EVA) aus dem Jahr 2016. In seinen Augen springe die Studie der Antidiskriminierungsstelle zu kurz, wenn sie nur die Preise eines Kurzhaarschnittes vergleiche. Da werde die Öffentlichkeitswirksamkeit des Friseurhandwerks ausgenutzt, lautet seine Meinung. Dennoch sieht er das Friseurhandwerk in der Pflicht. „Wir müssen im Friseurhandwerk zu ,Preisklarheit und Preiswahrheit‘ kommen und darüber reden, wie unsere Preise zustande kommen. EVA stellt fest, dass sich statistisch keine extremen Unterschiede bei den einzelnen Friseurdienstleistungen für Männer und Frauen belegen lassen.“ Die von Wella erstellte Studie weist für einen Nass-Haarschnitt im Herrensalon 20,70 Euro aus, für die Dame 25,20 Euro. Preisdifferenzen ergäben sich aus zusätzlichen Dienstleistungen, die von Damen nachgefragt würden. „So hat das Föhnen unter Verwendung festigender Substanzen und spezieller Fertigkeiten eine ganz andere Bedeutung als beim Männerangebot.“ Müller sieht durchaus „modische Annäherungen“ bei Männern und Frauen. Dennoch wichen die Erwartungen voneinander ab.

Seiner Kalkulation lege jeder Friseur einen Durchschnittsaufwand zugrunde. Dabei könne nicht jeder Kunde einzeln erfasst werden. Vielmehr flössen Überlegungen zur Ausstattung des Salons, zu Ambiente sowie Bezahlung und Ausbildung der Mitarbeiter mit ein. Das sei ähnlich differenziert wie im Restaurant-Bereich. „Ein Imbiss lässt sich schließlich auch nicht mit einem Sterne-Lokal vergleichen. Genauso wenig kann man alle Friseure über einen Kamm scheren.“

So macht es der Nachbar

Die im Jahr 2004 EU-weit erlassene Richtlinie zur Verwirklichung der Gleichbehandlung von Frauen und Männern beim Zugang zu (…) Dienstleistungen soll vielfältige Formen von Diskriminierung regeln. Die EU-Mitgliedstaaten setzen diese unterschiedlich um. In Österreich sind für Frauen und Männer unterschiedlich gestaltete Preise beim Friseur verboten, seitdem die österreichische Gleichbehandlungskommission in einer Untersuchung 2010 zu dem Schluss kam: Ausschließlich nach dem Geschlecht differenzierende Formen der Preisgestaltung für gleiche Friseurdienstleistungen stellen eine unmittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts dar. Österreichs größter Friseurdienstleiter Klipp berechnet seither gleiche Preise für Männer und Frauen. Was zählt, ist der Aufwand für die Dienstleistung, unabhängig vom Geschlecht. Ein Online-Preisrechner ermöglicht eine Kalkulation vor dem Besuch des Salons.

Autor: Elke Reichenbach