Shay Dempsey, Global Artistic Director bei Sebastian Professional, über moderne Volumen-Frisuren und Schnitttechniken, Kundinnen, denen man nichts vormachen kann und die Kunst, Regeln zu brechen.
Inhaltsübersicht
- Volumen kehrt zurück in die Frisuren
- Struktur fürs Haar
- Workshops sind Gamechanger für Friseur*innen, die mehr erreichen wollen
- Slicked back Ponytail: Profi-Stylingtipp für einen Pferdeschwanz
- Wer ist Shay Dempsey?
Shay Dempsey steht für progressive Looks und kreative Techniken. Er glaubt an ein Big Hair-Revival, strukturgebende, wandelbare Haarschnitte und erzählt uns, weshalb Fehler manchmal der beste Weg zu neuen Ideen sind.
Volumen kehrt zurück in die Frisuren
TOP HAIR: Welche Haarschnitte und Formen prägen dieses Jahr und 2026?
Shay Dempsey: Momentan wirkt das Haar etwas lockerer, zum Beispiel durch innere Stufungen, die das Haar weicher und wandelbarer machen. Wir hatten eine Zeit lang viele starke Bobs mit sehr klaren, geometrischen Linien. Jetzt sieht man viel mehr Looks, bei denen die Linien weicher, diffuser sind – weniger hart, damit sich das Haar besser verändern lässt.
Für mich sind die Schnitte weicher geworden – durch innere Stufungen, die es trotzdem edgy machen. Man kann den Look etwas grungiger stylen oder auch glatter wirken lassen. Ponys bleiben ein Thema, aber sie sind nicht mehr so stark und kompakt, eher so, als wären sie schon ein bisschen rausgewachsen. Und ich sehe auch langes Haar wieder im Kommen.
Mit mehr Volumen?
Ich sehe mehr Länge, mehr Fülle. Für mich hat das fast etwas von einem Revival der 70er-oder 80er. Ich spüre da einen Wandel: Wenn jemand zum Beispiel einen graduierten Long Bob trägt: Warum ihn nicht voluminöser stylen? Warum nicht mehr Sexiness reinbringen? Die Form kann dann trotzdem glatt geföhnt und reduziert getragen werden.
Arbeitest du mit bestimmten Techniken für das Volumen?
Im Rahmen unserer Education bringen wir neue Schnitttechniken auf den Markt, mit denen sich Volumen gezielt im Haarschnitt erzeugen lässt, insbesondere durch innere Strukturgebung. Teilweise geht es auch darum, Gewicht in bestimmten Bereichen des Kopfes zu reduzieren, um gezielt Form und Fall des Haares zu beeinflussen.
Denk an den ikonischen Stufenschnitt von Jennifer Aniston aus Friends. Damals wurde sehr hoch gelayert, wodurch das Haar beim Herunterfallen zwei deutlich getrennte Ebenen bildete. Besonders im Hinterkopfbereich entstand dieser charakteristische bauchige Effekt. Wenn man sich so einen Schnitt heute anschaut, stellt sich die Frage: Warum sitzt das Haar so, wie es sitzt? Die Antwort liegt in der Tiefe und Dimension der internen Struktur. Wenn man gezielt in bestimmten Panels das Gewicht reduziert, fällt das Haar harmonischer. Es bewegt sich natürlicher und lässt sich besser formen.
Der Schlüssel liegt in der Beratung. Innerhalb von fünf bis zehn Minuten sollte man als Profi in der Lage sein, im Gespräch herauszufinden, was möglich ist. Diese Art der Beratung ist essenziell, besonders für junge Friseur*innen.
Und da geht es nicht um Trends, sondern um Gesichter. Es ist wichtig, dass wir die Gesichtsformen richtig erkennen – denn genau das beeinflusst, was auf dem Kopf funktioniert und was nicht.

Struktur fürs Haar
TOP HAIR: Wie sieht es beim Finish aus: Magst du momentan eher matt oder glänzend?
Shay Dempsey: Mir gefällt im Moment vor allem Struktur. Struktur kann viele Gesichter haben: mal etwas rauer, mal mit mehr Glanz. Für mich ist entscheidend, die Stylingprodukte zu kennen, die zum Haarschnitt passen. Zuerst steht der Schnitt, aber dann stellt sich die Frage, wie das Haar sich als Faser verhält. Wird es beim Antrocknen frizzig? Dann braucht es gezielt ein Produkt, das dem entgegenwirkt. Genau diese Produktempfehlung sollte die Kundin mit nach Hause nehmen – nicht nur für ein Styling, sondern um mehrere Looks daraus zu entwickeln.
Und ganz ehrlich: Die Kund*innen wissen inzwischen enorm viel über Haare. Viele beherrschen den Umgang mit Hot Tools, besitzen Hightech-Föhne mit Aufsätzen für Locken, Volumen oder Glanz. Umso wichtiger ist es, dass wir als Profis fundierte Tipps geben, damit das Haar nicht durch falsche Anwendung geschädigt wird. Wer heute im Salon steht, muss Profi sein – ganz klar.
In deinem Sebastian-Profil steht, dass du Friseur*innen dazu ermutigst, die Regeln zu brechen. Was heißt das ganz praktisch?
„Regeln brechen“ klingt erstmal groß. Für mich ist es ein Aufruf zum Experimentieren – ein Impuls, kreativ zu werden und sich über klassische Grenzen hinwegzusetzen.
Unsere Community ist riesig. Aber was wirklich wertvoll ist: wenn Gleichgesinnte zusammenkommen. Menschen, die ähnlich denken. Solche Talente kannst du wirklich fördern – du kannst sie schulen, begleiten und entwickeln. Und genau darum geht es: Ich will, dass sie Fehler machen. Denn in diesen Fehlern liegt oft das größte kreative Potenzial.
Ich möchte, dass sie Produkte miteinander kombinieren, sie mixen, layern, ungewöhnlich einsetzen und dabei auch mal danebenliegen. Denn aus diesen Momenten entsteht oft ein Look, der so nicht planbar gewesen wäre – aber gerade deshalb spannend wird.
Workshops sind Gamechanger für Friseur*innen, die mehr erreichen wollen
TOP HAIR: Was rätst du Friseur*innen, die im Salonalltag mutigere Styles umsetzen möchten? Oft haben Kundinnen und Kunden eher zurückhaltende Wünsche.
Shay Dempsey: Workshops! Das war für mich der Gamechanger. Sich selbst immer wieder herauszufordern, regelmäßig zu trainieren, das macht den Unterschied. Ob einmal im Monat oder einmal die Woche: Nimm dir Zeit. Hol dir ein Übungskopf- Set. Gönn dir einen halben oder ganzen Tag, vielleicht sogar gemeinsam mit Kolleg*innen. Frag deine Salonleitung, ob ihr das an einem freien Tag machen könnt.
Wenn du es schaffst, einen Übungskopf gut aussehen zu lassen, dann kannst du jede echte Haarstruktur im Salon meistern. Du kannst alle Regeln brechen und einfach ausprobieren. Selbst heute, wenn ich Looks für ein Fotoshooting entwickle, gehe ich in die Garage, arbeite mit einem Übungskopf, und manchmal läuft es gar nicht. Dann mache ich eine Pause, trinke einen Kaffee und plötzlich klickt es. Dieser Moment, in dem man etwas Neues entdeckt, ist unbezahlbar.
Für junge Talente gilt: Wenn du in einem guten Salon arbeitest, profitierst du vom Mentoring. Aber nicht jeder startet im angesagtesten Salon. Dann ist es vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt, aber du kannst zu Hause beginnen. Such dir Gleichgesinnte, fangt an zu experimentieren.
Slicked back Ponytail: Profi-Stylingtipp für einen Pferdeschwanz
Ein Slicked Back oder Slickback Ponytail lässt sich mit zwei Produkttypen stylen. Erstens mit Haarspray. Es feuchtet das Haar an, weil es flüssig ist, und so kann man das Haar in Form bringen. Aber: Haarspray trocknet schnell. Das führt dazu, dass sich das Haar beim Styling plötzlich schwer führen lässt – es wird störrisch und bekommt Spannung.
Wenn man Microweb fibre (Texturizer von Sebastian Professional) über das Haarspray schichtet, passiert etwas anderes: Die Feuchtigkeit des Fibres legt sich über das Haarspray, sodass sich der Pferdeschwanz reibungsloser stylen lässt. Dieses Produktlayering erzeugt eine Kombination aus Glanz und Schwere im Haar. Shay Dempsey arbeitet hier im Video in verschiedenen Schichten: Zuerst wird das Haarspray aufgetragen. Dann gibt er Microweb fibre auf die Hände und klatscht mehrfach. Durch den feinen Produktnebel legt sich der Texturizer gleichmäßig über das Haar. Danach wird das Stylingprodukt mit Händen und Bürste eingearbeitet. Dann folgt erneut Haarspray, und das Haar wird zum Zopf gebunden.
Diese Technik funktioniert durch bewusstes Layering. Man baut die Produkte in Schichten auf, um zwei Dinge zu erreichen: Erstens die gewünschte Reaktion des Haares und zweitens, dass es gut aussieht.
Schichtet man die Stylingprodukte andersherum – zuerst Microweb fibre, dann das Haarspray – dann wird die Textur, nasser, lackartig.
Wer ist Shay Dempsey?
Der Friseur Shay Dempsey ist Global Artistic Director bei der Salonmarke Sebastian Professional, die wiederum zur Wella Company gehört. Er kommt aus Irland, hat in London gearbeitet und lebt nun in den USA. In den Frisuren von Shay Dempsey stecken eine gewisse Street-Ästhetik sowie Editorial Einflüsse. Auf Showbühnen liebt er Avantgarde-Frisuren. Er versteht sich selbst als Teamplayer und weiß um die Verantwortung, die seine Position für die Education von Friseuren und das kreative Konzept der Marke Sebastian Professional mit sich bringt.
Interview: Aletta Helsper
Weitere Artikel
„Ich glaube nicht, dass Friseure den Preiskampf gewinnen können.“
TOP HAIR 2018 Robert Lobetta & Shay Dempsey


