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Trendforschung

Startklar für die Zukunft

Trendforscherin Christine de Panafieu verrät die großen Trends der Zukunft. Von welchen wird auch der Friseur profitieren und welche sind schon angekommen?

Prof. Dr. Christine de Panafieu ::: Foto: Goldwell

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Auf was müssen wir uns in den kommenden Jahren einstellen? Wie wird sich unser Leben verändern? Was wird den Menschen wichtig und wie wirkt sich das auf den Friseurberuf aus? In einem 10-Punkte-Programm will die Wissenschaftlerin und renommierte Trendforscherin Christine de Panafieu darauf Antworten geben. Dafür hat sie die Lebensweise und die Werte der sogenannten „cutting edger“ analysiert – Trendsetter, Wegbereiter, die die Zukunft heute schon leben. Menschen, die ihrer Zeit voraus sind. Die sieben, für den Friseur wichtigsten kleinen Ströme, die heute in der Gesellschaft bereits auszumachen sind und die laut Christine de Panafieu in  der Zukunft größer werden, sollen hier kurz vorgestellt werden.

  1. Kaleidoskopisches Individuum

    Das sagt die Trendforscherin: Die Menschen nehmen sich als Individuum wahr, das Potenziale hat, die es zu entwickeln gilt. Hat man früher eine Rolle eingenommen, die man sein Leben lang ausgefüllt hat, so entwickeln die Menschen heute ihre Potenziale, indem sie Fähigkeiten weiterentwickeln und ihr Leben flexibel gestalten. Einerseits ist es eine Abkehr von einem strikt geplanten Lebensweg, andererseits lernen die Menschen mehr als in der Vergangenheit die Relevanz von Bezugspersonen zu schätzen. Ganz wichtig wird die Rolle der Freunde, die einen in der Weiterentwicklung unterstützen. Insgesamt findet eine Abkehr vom Massenprodukt hin zum Maßgeschneiderten statt.

    Was heißt das für den Friseur? Für den Friseur bedeutet das, dass er vom klassischen Salon zum Beauty-Gestalter wird. Christine de Panafieu: „Es heißt nicht mehr: Schuster bleib bei deinen Leisten, sondern Schuster ändere deine Leisten.“ Der Friseur wird der Vertraute sein, der dem Kunden in seiner optischen Weiterentwicklung hilft. Handwerker wird der Friseur weiterhin bleiben, er wird aber vermehrt Technologien in seine Arbeit integrieren. Beispiele, die es schon gibt: Das beste Beispiel ist die Forscherin selbst, die von der Uni-Professorin zur Unternehmerin wurde.

    Das britische Unternehmen Concoction bietet Haarpflege mit einer personalisierten Produktrange an. Der Friseur kann sich damit als Alchemist darstellen, der einem Grundprodukt den individuellen Tropfen hinzufügt (www.concoction.co.uk).

    Pinrose: Hier identifiziert ein Algorithmus den perfekten Duft für jeden Menschen (www.pinrose.com).
    Ioma: Das französische Unternehmen bietet eine individuell abgestimmte Hautpflegeserie an, in deren Flasche IT-Technologie zur Messung der Hautfeuchtigkeit verbaut ist (www.ioma-paris.com).

    Das sagen wir: Hier sind Friseure schon gut dabei, denn vom klassischen Salon zum ganzheitlichen Schönheitsberater, das bieten immer mehr Salons an. Selbst Kooperationen mit Ärzten für perfekte Zähne und gebotoxte Stirnfalten findet man bereits. Auch die Darstellung des Friseurs als Alchemist ist in ersten kleinen Schritten in Deutschland schon angekommen, bedenkt man etwa die Markteinführung von Mitteln wie Olaplex oder die vor einigen Jahren auf den Markt gekommene, individualisierte Haarpflege-Marke „Hair Care4me“ (www.haircare4me.de)
  2. Integrale Körperlichkeit

    Das sagt die Trendforscherin: Verstärkt wird sich in den kommenden Jahren ein holistisches Körperbewusstsein entwickeln, die Menschen werden ihre Körperleistung pro-aktiv erhöhen, z. B. mithilfe­ von Sport-Apps. Außerdem wird der Schritt zur digitalen Gesundheit kommen. Das heißt: „Man wird den Arzt nicht nur dann sehen, wenn man einen Termin bei ihm hat, sondern es wird auch ein digitaler Austausch mit dem Arzt über die Körperdaten stattfinden“, erklärt de Panafieu. Durch die Digitalisierung verbessere sich die kollektive Gesundheit. Ein wichtiges Thema: Der Trend geht von Wellness zu Betterness, gemeint ist damit, gut zu altern.

    Was heißt das für den Friseur? Auch der Friseur wird künftig nicht mehr nur zu Rate gezogen, wenn man bei ihm im Stuhl sitzt, sondern wird zum ständigen Berater und Begleiter, auch wenn man ihn nicht direkt von Angesicht zu Angesicht sieht.

    Beispiele, die es schon gibt: Athos: Vernetzte, mit Technologien versetzte Sportkleidung optimiert die Muskelaktivität (www.liveathos.com).
    Scanadu Scout: Dahinter verbirgt sich ein kleines Gerät, das den Körper kontrolliert und zur Leistungs­maximierung beiträgt (www.scanadu.com).

    Das sagen wir: Auch hier lassen sich erste Schritte in der Branche bereits erkennen. Der Friseur berät nicht mehr nur in seinem Stuhl, sondern verrät Tipps und Tricks, geht auf eigenen Blogs oder in Facebook-Gruppen auf Probleme ein. Manch einer schickt dem Kunden sogar ein Video, in dem dieser sich sein Styling, das er im Salon erhalten hat, Schritt für Schritt nochmals anschauen und zu Hause nacharbeiten kann (z. B.: Perfectfinish TV von www.corporate-inspiration.de)
  3. Image-2-Go

    Das sagt die Trendforscherin: Ein Trend, der vor allem jetzt schon in Asien zu beobachten ist: Das eigene Image wird professionell gemanagt, dazu gehört auch, dass man an sieben Tagen die Woche, 24 Stunden lang kamerabereit sein muss. Dafür wird das Aussehen durch Körperformung und Kosmetik verbessert, was wiederum Einfluss auf die Berufs-Chancen haben wird.
    Im virtuellen Leben werden z. B. mit Rollenspielen das Aussehen und die Eigenschaften ständig transformiert. Motto: von begrenzten zu unendlichen Imagekreationen.

    Was heißt das für den Friseur? Beste Aussichten für den Friseur, indem er den Menschen mit seinen Dienstleistungen bei der Imageverbesserung hilft.

    Beispiele, die es schon gibt: Solo-Heirat,  ein Trend aus Japan, bei dem sich Menschen gestylt in Hochzeitskleidern in Szene setzen lassen, solange sie noch jung und knackig sind, damit sie später schöne Glamour-Bilder im Familienalbum haben.
    Die englische Supermarkt-Kette Tesco bietet Online-Beauty-Konsultationen mit Top-Bloggern an (www.tesco.com).
    Moda: Ein digitaler Make-up-3D-Drucker, der dafür sorgt, dass man täglich in nur 30 Sekunden top geschminkt ist (www.foreo.com/moda).

    Das sagen wir: Auch hier gilt: vom Friseur zum Schönheitsdienstleister – viele haben diesen Schritt schon gewagt, der jetzt noch weiter perfektioniert und in die Masse getragen werden muss.
  4. Zweiter Frühling

    Das sagt die Trendforscherin: Senioren werden noch stärker als bisher als relevante Zielgruppe entdeckt werden und von Alters-Stereotypen befreit sein. Die „neuen“ Senioren werden in der abenteuerlichen IT-Welt surfen und physisch und mental fit sein und bleiben.

    Was heißt das für den Friseur?
    Der Friseur muss sich noch mehr auf diese Zielgruppe einstellen, sich vom Bild des alten Alten lösen.

    Beispiele die es schon gibt: Ourtime.com – Plattform einer Senioren-Partnervermittlung.
    Lata 65: Eine gemeinnützige Organisation, die Menschen über 65 Jahren zu Graffiti-Sprayern macht.

    Das sagen wir: Hier steckt Potenzial für den Friseur. Meist sind ältere Kunden besonders treu. Überlegen Sie sich, wie Sie Senioren ansprechen können. Doch Vorsicht: Lösen Sie sich dabei vom heutigen Klischee des Best Agers.
  5. Erlebnis-Luxus

    Das sagt die Trendforscherin: Die Menschen wollen weiterhin Luxus, allerdings findet verstärkt eine Abkehr vom Objekt-Luxus hin zum Erlebnis-Luxus statt: Die Menschen sind in einem immer größeren Maße dazu bereit, für außergewöhnliche Erlebnisse auch viel Geld auszugeben. Andererseits will man auch im verantwortlichen Luxus leben.

    Was heißt das für den Friseur? Hier verstecken sich noch viele Chancen für Anbieter von Premium-Dienstleistungen. Sie können verschiedene Stufen von Luxus anbieten. „Das ist ein Marketingtool für die Differenzierung in der oberen Preisklasse“, ist sich Christine de Panafieu ­sicher.

    Beispiele, die es schon gibt: epictomato.com: Auf dieser Plattform können handverlesene, einzigartige Abenteuer gebucht werden.
    Culiair: bietet ein Dinner in luftigen ­Höhen in einem Heißluftballon (www.culiair.nl) an.

    Das sagen wir: Hier sind Ideen gefragt! Friseure können profitieren, denn es spielen noch zwei weitere Trends, die der Friseur für sich nutzen kann, mit hinein: die Integrale Körperlichkeit und das Image-2-Go.
  6. Ewiger Student

    Das sagt die Trendforscherin: Man lernt nie aus – dieses Sprichwort wird uns in Zukunft massiv begleiten, denn um in der Welt bestehen zu können, müssen wir alle ewige Studenten sein. Neu ist, dass die weichen, sozialen Qualifikationen dabei weiter in den Vordergrund rücken. Dabei wird alles ein ständiger Lernprozess sein, ein flüssiges Wissen, denn wir lernen und entlernen ständig.
    Die Art des Lernens wird sich verändern, es wird spielerisch gestaltet und ein kollektives Lernen in Projekten initiiert. Das Motto: vom individuellen Lernen zum kollektiven Entdecken. Neue Jobs werden sich daraus entwickeln, die neue Kompetenzen erfordern, vorhandene Jobs werden robotisiert werden.

    Was heißt das für den Friseur?
    Service, Kreativität und Sozialkompetenz erhalten in der Zukunft eine völlig neue Wertschätzung, da ein Roboter sie nicht ersetzen kann. Ein großes Plus für den Friseur!
    Beispiele, die es schon gibt: Kidzsania: Ein Abenteuerpark, in dem für Kinder Berufe simuliert werden (kidzsania.com) und sie in verschiedene Rollen schlüpfen können.
    Das Handwerk im Aufwind: Verbindung zwischen moderner Technik und altehrwürdigem Handwerk, das von alten Hasen an die junge Generation weitergegeben wird (maestrosacademy.samsung.it).

    Das sagen wir: Sozialkompetenzen – hier kann der Friseur punkten. Ohnehin besteht das Berufsleben des Friseurs aus ständigem Lernen, seien es neue Schnitttechniken oder die Anwendung neuer Produkte – hier ist er anderen Branchen einen Schritt voraus. Auch kollektives Lernen ist dem Friseur nicht fremd: Seminare, Workshop-Klassen oder erste Online-Tutorials sind in der Branche angekommen.
  7. 360 Grad Nachhaltigkeit

    Das sagt die Trendforscherin: Der Trend geht vom stressigen zum nachhaltigen Lebensstil. Fairness wird in Nachhaltigkeit integriert und „Weniger ist besser“ wird als Konsum-Credo gelebt.
    Dabei nehmen sich die Menschen die Natur als Vorbild und nutzen die regenerative Kraft der Natur. Neu ist das Zusammenspiel von Technologie und Natur; es heißt nicht mehr Technologie gegen Natur.

    Was heißt das für den Friseur? Der Friseur muss sich noch mehr mit dem Nachhaltigkeits-Gedanken auseinandersetzen – bei der Wahl seiner Produkte, seiner Einrichtung, beim Thema Energie und ressourcenschonendem Salonmanagement.

    Beispiele, die es schon gibt: In Frankreich wurde ein Gesetz erlassen, dass es Supermärkten verbietet, Nahrungsmittel einfach wegzuwerfen. Vielmehr müssen sie recycelt oder noch besser gespendet werden.

    Das sagen wir: Die Friseurbranche gehört zu einer der ersten Branchen, die den Trend und den Wunsch der Menschen nach Nachhaltigkeit wahrgenommen und umgesetzt hat.
    Viele Haarkosmetik-Hersteller kommen diesem Wunsch nach. Sie entwerfen Natur-, Öko- oder vegane Produktlinien. Auch die Saloneinrichter sind längst auf den Naturtrend aufgesprungen. Die Friseure sind hier bereits auf einem guten Weg. Viele Unternehmen engagieren sich nicht nur sozial und ökologisch, sondern setzen vieles auch aktiv um und wirtschaften ökologisch.


Die Expertin
Trendforscherin Prof. Dr. Christine de Panafieu gründete im Jahr 2000 die Pariser Agentur CoSight für Innovationsmanagement und strategisches Marketing. Zuvor lehrte die Professorin für Soziologie und Philosophie an verschiedenen Hochschulen in Frankreich und Deutschland. Den Vortrag „Einstimmung auf den Rhythmus der Zukunft“ hielt die Sozialwissenschaftlerin im Rahmen des Goldwell-mbe-Kongresses 2015 im irischen Dublin. Mehr Infos über die Forscherin und ihre Arbeit: www.cosight.com

Autor: Yvonne Rieken