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Kindheitstraum erfüllt

Sezer Soylu ist bester Barbier 2016

Macht Erfolg süchtig? Das wollte TOP HAIR von dem Besten der German Barber Szene wissen und hat den Gewinner 2016 Sezer Soylu dazu interviewt.

Sezer Soylu ist Deutschlands bester Barbier 206 ::: Foto: 1o1Barbers / B. Walther Fotografie

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Nach der erfolgreichen Premiere des "German Barber Awards 2015" suchten die Barbershop Experten von 101 Barbers erneut Deutschlands besten Barbier. Vorausgegangen waren etliche Live Competitions in den Vorentscheidungsrunden in Mannheim, Köln, Berlin und München. Zur Jury gehörten internationale Barber-Experten und Marco Sailer, der als erster den Thron 2015 bestiegen hatte. Nun amtiert der Augsburger Barbier Sezer Soylu (39) als bester Barbier und kann seinen Erfolg bis heute nicht fassen.

TOP HAIR:
Herr Soylu, noch immer ergriffen und sprachlos, Deutschlands bester Barbier zu sein?

Sezer Soylu: (ringt nach Worten)
Es ist alles so unwirklich, aber so langsam realisiere ich meinen Erfolg. Was war die Frage nochmal, wo bin ich gerade?! (lächelt)

Sie haben sich für die Vorrunde in München beworben, sind aber auch an andere Austragungsorte gepilgert. 
Ja, weil es mein Herz zum Springen bringt. Ich wollte erleben, was ich vermisst habe und habe mich dann endlich in für den zweiten Wettkampf beworben.

Woher kommt diese Sehnsucht?
Ich bin vor sieben Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Dort habe ich als Kind meine Nase an die Schaufenster der Barbier-Salons gedrückt und war so fasziniert, dass ich den Beruf erlernt habe. Hier angekommen fing ich an, im Internet nach dem Thema zu suchen. Meine Frau hat die Veranstaltung entdeckt und meinte: „Schau, da ist etwas, was du dir schon immer gewünscht hast!“ Dann war ich aber für die Anmeldung 2015 zu spät. Und ein zweites Mal wollte ich das nicht verpassen. Ich habe mir damals in Nürnberg alles sehr intensiv angeschaut, und meine Hände zitterten, als ich meine Berufskollegen auf einer Bühne sah. Ich hatte so etwas noch nie auf einer Bühne gesehen und wollte das unbedingt! Ich war so beeindruckt von der Arbeit der Teilnehmer, dass ich es mir auch beweisen wollte.

Sie sagen immer wieder, Sie kennen das.
Ja, ich kenne das aus meiner Heimat und war so überrascht, dass eine solche Kultur auch in Deutschland stark wird. Das, was auf der Bühne passiert, bin ich. Ich bin Barbier oder Berber (türkisch), kein Friseur. Und wo das gelebt wird, möchte ich sein.

Wie haben Sie Ihre Berufung entdeckt?
Min Vater hat mir das nahegelegt. Aber ich wollte es vor allem selbst!

Was zog Sie in den Bann?
Die weißen Kittel der türkischen Barbiere, die hygienische Arbeit, die Zeremonie und das Ritual. Man geht als Kunde zu einem Barbier und kommt als ganz neuer Mensch raus. Das ist so ein gutes Gefühl als Ergebnis einer Arbeitsleistung.

Warum lieben Sie diesen Beruf?
Wegen der Schere. Das gleichmäßige Geräusch der Scheren – es ist im Prinzip wie Tanzen mit den Haaren. Diese Schnittgeräusche beeinflussen mich, sie erzeugen Stimmungen in mir (lacht verschmitzt).

Wie ist es nun für Sie Deutschlands bester Barbier zu sein, wie lebt es sich mit diesem Titel?
Der Titel ist zu Hause noch nicht an der Wand, wo er sicher wäre. Ich arbeite einfach weiter wie früher, aber es ist eine große Ehre für mich. Ich vergesse nicht, dass ich der Beste geworden bin, trage es aber aus Respekt vor meinen Mitstreitern auch nicht ständig nach außen. Mein Sohn nennt mich seither den „König der Barbiere“. Dann entgegne ich nur, dass ich kein König bin, sondern dieses Jahr etwas Besonderes geschafft habe! Sonst hat es meinen Berufsalltag bis auf die vielen Anfragen nicht verändert. Ich bin so geblieben wie vor dem Wettkampf.

Was hat diese Auszeichnung in Ihren Gefühlen und Ansichten verändert?
Ehrlich gesagt wurde mir durch den Wettkampf und den Titel bewusst, dass ich noch mehr lernen muss. Ich mache diesen Job seit ich 15 bin und bin noch nicht dort angekommen, wo ich sein möchte.

Was macht einen guten Barbier aus?
Freundlichkeit, Höflichkeit und Hygiene! Darüber hinaus, dem Kunden zu vermitteln, dass du ihm etwas Gutes und Schönes geben willst: den individuellen Schnitt, die passende Rasur mit Herz auszuführen.

Sie leisten Präzisionsarbeit. Verändert das einen Menschen?
Ja, ich ertrage den Anblick nicht, wenn ein Mann nicht gut rasiert ist und einen schlechten Schnitt hat. Da möchte ich am liebsten eingreifen. Ich habe sogar einen Bartträger in den sozialen Netzwerken nach einem Posting angeschrieben, weil das Ergebnis ganz schlecht war, und habe ihm angeboten, seine Haare und den Bart zu schneiden.

Wer hat Sie bestärkt, beim Award mitzumachen?
Emotional hat mich meine Frau unterstützt. Auch mein Chef, der sagte, „du schaffst das!“ Und unsere Meisterin, die ich meine deutsche Mama nenne. Sie hat mich gestärkt, mein Handwerk noch mehr mit der Schere auszuführen. Mein Meister in der Türkei hatte mir die Maschine zwei Jahre lang verboten.

Was lieben Sie an der Branche?
Ich würde es gerne umdrehen: Was stört mich aktuell? Ich mag es nicht, dass man in Deutschland bereits so weit ist, einem Menschen, dem man für mindestens eine halbe Stunde so nahe kommt, ihm in die Augen schaut, seine Haut berührt, für zehn Euro die Haare schneidet. Wir leisten keine Fabrikarbeit und machen unseren Berufsstand damit kaputt. 

Was bedeutet Ihnen Arbeit?
Ich bin in manchen Sachen radikal und vertrete daher die Auffassung, dass Arbeit keinen Spaß machen muss. Man muss es wollen. Den Spaß bringst du selbst in die Arbeit ein.

Warum erlebt die Barber-Szene einen solchen Hype in Deutschland?
Machen wir uns nichts vor: Männer brauchen genauso lang beim Friseur wie Frauen, aber geben es nicht zu. Es ist keine Modeerscheinung. Ich glaube, die deutschen Männer haben das vermisst oder wussten nicht, dass sie es vermisst haben, weil sie es nicht kannten. Wir Männer wollen diese Behandlung, wollen massiert und verwöhnt werden.

Was möchten Sie in Ihrem Leben verändern?
Ich möchte viel mehr Bücher lesen, die mich der Wahrheit näherbringen, wie es bei dem Alchimisten von Coelho ist.

Was erwarten Sie von der Zukunft?
Ich erwarte nicht viel. Ich wünsche mir nur, dass meine Kinder zur Uni gehen und ich miterleben darf, wie sie aufwachsen. Und für mich: Ich möchte einfach noch mehr dazulernen. 

Welche Träume haben Sie?
Ich möchte meinen eigenen Barbersalon haben, müsste dafür aber auch einen Friseurmeister beschäftigen, weil ich keine staatlich anerkannte Ausbildung nachweisen kann.

Was würden Sie tun, wenn Sie ein Jahr nicht arbeiten würden?
Ich würde endlich meine Frau etwas mehr schlafen lassen, weil sie mich schlafen lässt. Ohne sie wäre ich nichts.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg wünscht TOP HAIR!

 

Interview: Emel Tahta-Lehmann