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Interview

Schorem – Stars der Barber-Szene

Sie scheren sich nicht um Trends. Machen einfach ihr Ding. Schneiden ausschließlich „Classic Haircuts“, und zwar vom Allerfeinsten: die Jungs von „Schorem Haarsnijder & Barbier“ aus Rotterdam.

Bertus (r.) & Leen mit Redakteurin Ariane Dreisbach >< Foto: M. Fredel

"Bearded Bastard" Leen (l.) und "Bloody B." Bertus >< Foto: M. Fredel

Reuzel-Pomade >< Foto: Melanie Fredel

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Ihre Spezialität sind die Looks der 50er-Jahre. Formen, die über Jahrzehnte nicht aus der Mode gekommen sind – Pompadours, Flattops, Contours, Quiffs und all die anderen. Für die und für ihren einzigartigen Barbershop sind Bertus und Leen berühmt – und gerne berüchtigt.

TOP HAIR: Jungs, ihr seid unglaublich erfolgreich. Kunden, Friseure, Barber – so viele Leute lieben eure Art zu arbeiten. Wie fing alles an?
So mit 14, 15 Jahren waren wir in der Punk- und Rockabilly-Szene unterwegs. Wir haben irgendwann angefangen, unseren Freunden die Haare zu schneiden. Wir wollten einfach coole Haircuts machen! Später haben wir die ganze Ausbildung absolviert und von Grund auf viel über das Business gelernt. Aber eigentlich nur, um genau da anzukommen, wo wir vor fast 30 Jahren angefangen haben: bei coolen Haircuts. Das ist unsere Geschichte!

TOP HAIR: Euren Barbershop „Schorem“ habt ihr im Jahr 2010 eröffnet. Wie entstand das Konzept?
Nun ja – wir saßen zusammen und träumten davon, einen Barbershop aufzumachen. Einen, wie es ihn noch nicht gab. Einen, der so verdammt gut ist, dass wir selber gerne hingehen würden. Das war der ganze Businessplan – mit dieser Idee fanden wir unsere Nische im Markt. Wir haben einen kleinen Laden gemietet, Möbel im Stil der 20er-Jahre zusammengetragen, laut Rock ’n’ Roll gespielt, Bier verteilt, geile Haarschnitte gemacht und rasiert. Und schon war das der „Place to be“. Der Laden hatte was Klassisches, was von Gentlemens’ Club, was Verruchtes – wir hatten wirklich harte Jungs bei uns sitzen. Aber alle kamen zusammen und genau das macht die Schönheit eines Barbershops aus: Es kümmert keinen, wer du bist, wo du herkommst oder wie viel Geld du verdienst. 

TOP HAIR: Bei euch stehen die Kunden Schlange. Trotzdem arbeitet ihr nur ohne Termin. Warum?
Wir haben festgestellt, dass die Menschen immer weniger miteinander sprechen. Deshalb dachten wir uns: Komm, lass uns Jungs aus allen Schichten der Gesellschaft zusammen auf eine Bank setzen und sehen, was passiert. Bei Männern ist das ja eigentlich einfach, wenn sie unter sich sind: Einer hat garantiert eine Story auf Lager. Und der nächste eine noch bessere. Schon wird geredet und alle haben eine gute Zeit. Genau darum geht es!

TOP HAIR: Ihr seid auf die ganz klassischen Haarschnitte spezialisiert. Welche sind die Wichtigsten?
Nur einer, der Flattop! Er ist die Basis für alles! Wenn du einen Flattop für sechs Monate wachsen lässt und nur ab und zu den Nacken sauber machst, dann hast du einen Pompadour. Jeder klassische Haarschnitt baut irgendwie auf der Flattop-Form auf. Es geht beim klassischen Männerhaarschnitt ja immer um rechte Winkel. Wenn man den Flattop mal drauf hat, steht einem die ganze Welt der Classic Haircuts offen. Der Schnitt selber ist nicht mal schwer zu lernen, aber – es braucht ein Leben lang, um ihn zu meistern! 

TOP HAIR: Kann jeder Friseur ein guter Barber werden?
Grundsätzlich schon. Wenn es ihm nicht nur darum geht, damit Geld zu verdienen! Es reicht nicht, nur gute Fades zu machen, es muss immer um die Menschen gehen. Ein Beispiel: Ein Barber hat einen kleinen Laden, in dem er schon seit 50 Jahren arbeitet. Er hat Kunden, die in vierter Generation zu ihm kommen. Er kennt sie alle mit Namen und all ihre Geschichten und er weint, wenn einer von ihnen stirbt. Der ist ein guter Barber! Wenn deine Kunden dich mögen und du sie, wenn sie spüren, dass sie bei dir in guten Händen sind, dir vertrauen, dann bist du ein guter Barber. Es ist auch egal, ob du einen großen Barbershop oder nur einen „Barber Corner“ im Laden hast: Es ist die Einstellung, die zählt. 

TOP HAIR: Ihr habt eure eigene Pomade entwickelt. Wieso, wo es doch schon so viele gibt?
Uns blieb 2010 quasi keine andere Wahl. Es gab in den Niederlanden genau zwei Sorten, aber die waren nichts für uns. Wir wollten was Spezielleres. Alles was aus Amerika kam, war durch Steuer und Shipping viel zu teuer. Eine Story vorweg: Ganz am Anfang, in der Nacht, in der wir uns darauf geeinigt hatten, unseren Laden „Schorem“ zu nennen – was ja im Holländischen ein wirklich böses Wort ist – haben wir so richtig einen gehoben. Wir machten Witze: Wenn wir mal eine eigene Pomade haben sollten, würden wir sie „Reuzel“ nennen, was so viel heißt wie „Schweineschmalz“. Es klingt einfach urkomisch, wenn Männer sagen „I got Reuzel in my hair.“ Dabei wurde Pomade ja früher wirklich aus tierischen Fetten hergestellt. Aber zurück: Weil es für uns, als wir sie brauchten, keine exklusive Pomade gab, beschlossen wir, tatsächlich selber eine zu machen. Ich fand ein Pomade-Rezept in einem alten Barber-Buch und fing an, es in unserer Küche nachzukochen. Einmal habe ich fast den Laden abgefackelt, weil ich einen Topf auf dem Herd vergessen hatte. Wir probierten mit Rezepturen herum, und irgendwann hatten wir die richtige. Das Ganze war geil – echter Punkrock! Dieses Do-it-yourself-Gefühl war großartig. Das passte zu Schorem, die Pomade war was Eigenes, wie alles, was wir machen. Später fanden wir dann eine Firma, die die Pomade für uns produziert. Sie hat wirklich den Namen „Reuzel“ bekommen, und wir haben ein Schwein auf der Dose. Nach und nach kamen dann weitere Produkte dazu.

TOP HAIR: Der Klassiker ist öl-basierte Pomade. Die ist ja nicht ganz einfach in der Handhabung ...
Ölbasierte Pomade lässt sich schwer auswaschen. Aber genau das ist die Idee hinter Pomade – und das haben selbst viele Barber nicht verinnerlicht. Wir haben hier viele Rockabilly-Guys, die ihr Haar unglaublich gut kennen. Die haben einen greasy Kamm in der Hosentasche und stylen sich ihren Pompadour absolut perfekt, ohne in den Spiegel zu sehen. Keiner von denen würde auf die Idee kommen, sich vor dem Haarschnitt die Haare waschen zu lassen. Wenn wir wollen, dass ein Typ richtig gut aussieht, wenn er bei uns aus dem Laden geht, und mindestens genauso gut, nachdem er sich am nächsten Morgen selber die Haare gestylt hat, dann müssen wir den Schnitt so machen, dass er mit seinem Styling funktioniert. Einer der großen Unterschiede zwischen einem Salon und einem Barbershop ist auch noch: 90 Prozent der Männer, die zu uns kommen, sind happy mit ihrem Look. Die wollen einfach nur einen Trim. Als Friseur willst du beraten, was Neues bieten, kreativ werden. Unsere Kunden wollen eben keine Kreation. Sie wollen sicher sein, dass sie genau das kriegen, was sie haben – nur eben kürzer. 

TOP HAIR: Wie sieht denn so eine echte Rockabilly-Styling-Routine aus?
Ein Beispiel: Wir haben einen Mitarbeiter, der trägt den besten Pompadour der Welt. Wenn der am Samstag heiratet, startet die Best-Look-Routine am Montag vorher. Montag ist „De-Grea­sing-Day“, er wäscht sich die Haare. Dann folgt die Build-up-Phase, jeden Tag bis Freitag kommt mehr starke Pomade ins Haar, das saugt sich so richtig voll damit. Außerdem nimmt er jeden Tag etwas Tonic, das massiert er ein, damit das Haar gut riecht, als Pflege und Reinigung für die Kopfhaut. Bis Freitag sieht der Look täglich besser aus und am Samstag ist er perfekt. Dass das nicht für jeden in die heutige Zeit passt, ist klar. Aber wir lieben die Dinge, so wie man sie früher gemacht hat. Wir haben unseren Laden genau für die Typen aufgemacht, die mit einem Haufen Fett in den Haaren zu uns reinkommen und einen Trim für ihren Pompadour wollen. Friseure würden diese Haare wahrscheinlich gar nicht anfassen. Für uns sind sie einfach perfekt. 

TOP HAIR: Eure De-Greasing-Formel?
Wir nehmen etwas Conditioner, der löst das Fett an, waschen dann einmal mit intensiv reinigendem Scrub-Shampoo und noch ein zweites Mal mit Daily-Shampoo. Fertig!

TOP HAIR: Eine letzte Frage: Wo seht ihr euch mit Schorem in fünf oder zehn Jahren?
Ganz genau da, wo wir heute sind! Seit ewigen Zeiten sind wir Freunde und Geschäftspartner. Und wir streiten uns über viele Dinge. Aber einer der Punkte, in denen wir uns immer einig waren, ist: Es wird nie mehr als diesen einen Barbershop geben! Denn Schorem ist einmalig. Klar entwickeln wir uns weiter, mit Reuzel, mit Shows und unserer Academy, die unglaublich busy ist. Aber Schorem selber ist heute noch exakt so, wie am ersten Tag: Du kommst rein, kriegst von uns den besten Haarschnitt, den wir dir geben können, hast eine gute Zeit und gehst wieder. An diesem Konzept werden wir nie etwas ändern!

Interview: Ariane Dreisbach