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Friseurausbildung: Es tut sich zu wenig

Peter Gress zieht Konsequenzen

Keine Alternativen in der dualen Friseurausbildung, der Zentralverband bleibt tatenlos. Friseur Peter Gress reicht es. In einem offenen Brief an den ZV kündigt er seinen Austritt aus der Innung an.

Friseurmeister Peter Gress ist mit der Verbandsarbeit unzufrieden und hat nun seinen Austritt aus der Innung erklärt. >< Fotos: Gress

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"Ausgangspunkt meines Briefes ist eine Pressemitteilung des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks (TOP HAIR-News vom 11.11.16). Darin heißt es: „Die große Mehrheit der Friseure in Deutschland ist stolz auf das Bildungssystem des Friseurhandwerks und möchte dieses gewahrt wissen. Die gesetzlich übertragene Selbstverwaltung und die Hoheit über die Berufsbildung sind die Markenkerne des Handwerks.“  

Welche Möglichkeiten hat die Jugend?

Ich unterstütze die duale Ausbildung, sie ist nicht das Ziel meiner Kritik. Ich bin allerdings ein Gegner der Ausbildungsverkürzung und daher auch ein Gegner von Turbo-Ausbildungen im Handwerk – unabhängig davon, wer sie unterstützt und in welchem Gewerk sie angedacht werden. Jeder Tag in der Ausbildung ist ein wichtiges Zeitfenster. Allerdings kommt es maßgeblich darauf an, was im Rahmen der Ausbildung gelehrt wird und welche Möglichkeiten den Jugendlichen in den Salons damit eröffnet werden.  

Ich bin damit einverstanden, dass der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks als Standesvertretung die Rechte des Handwerks wahrt. Ich bin allerdings nicht damit einverstanden, dass sich der Verband gegen jede offene Diskussion zur Verbesserung der Friseurausbildung in Deutschland sperrt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird darauf hingewiesen, wie stolz man auf das duale Ausbildungssystem in Deutschland sei. Das unterstütze ich. Doch vergessen wir dabei nicht: Jedes System ist nur so gut wie die Resultate. Sehen wir uns um – wie ist das Friseurhandwerk derzeit aufgestellt und was von ihm ist unterm Strich geblieben? Preisverfall, Schwarzarbeit, Kleinstbetriebe, der erhebliche Mangel an Auszubildenden und Fachkräften sind nur einige der Schlagworte. Woraus hat sich diese verheerende Situation entwickelt?

Es ehrt den Zentralverband nicht, wenn er die Augen vor den Auslösern der heutigen Situation verschließt. Was es jetzt braucht, ist eine klare Analyse: Welche Probleme sind in der Vergangenheit aufgetreten und warum? Anschließend geht es darum, visionär, mutig und enthusiastisch Lösungen zu entwickeln.

Neue Denkansätze zulassen

Wenn es um den Inhalt der Friseurausbildung geht, muss neues Denken zugelassen werden. Aus den Azubis von heute wachsen die verantwortungsvollen Unternehmer und Ausbilder von morgen. Solche brauchen wir nicht nur vereinzelt – vielmehr muss der Verband gewährleisten, dass dies flächendeckend möglich ist. Bedenken wir: Wenn die Gestaltung des Ausbildungsrahmenplans nicht modernisiert und an die tatsächlichen Bedürfnisse betriebswirtschaftlich geführter Friseurunternehmen angepasst wird, und stattdessen die Qualität der berufsschulischen Wissensvermittlung so unstrukturiert bleibt wie aktuell, dann wird der Beruf vollends zu Grunde gerichtet – vom eigenen Verband.

Ich plädiere für die Private Duale Ausbildung als Alternative innerhalb des dualen Ausbildungssystems. Was der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks gerne macht ist, den Schutz des dualen Ausbildungssystems als Argument anzuführen, um die dringend notwendigen Veränderungen der Ausbildungsinhalte und des Berufsschulsystems zu verweigern. Klar ist jedoch, dass mit jedem Austritt und jedem Nicht-Eintritt in die Innung der Verband handlungsunfähiger wird.

Gress Friseure hat die Ausbildungsvariante der Privaten Dualen Ausbildung 2011 (damals noch in Mosbach) begonnen. Wir waren bis zur Schließung der Schule sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Nach der Schließung und dem daraus resultierenden Wechsel in die Wettstein-Akademie wurde die Ausbildungsqualität nicht geschmälert. Die Vermittlung der Ausbildungsinhalte war und ist hervorragend.

Ich bin traurig, sogar erschüttert, dass es diese Alternative zur Berufsschule nicht geben darf, weil unser Verband das nicht möchte. Sehr geehrte Damen und Herren des Verbandes: Ich fühle mich von Ihnen nicht mehr vertreten und trete deshalb nach 56 Jahren aus der Innung Esslingen aus. Dabei fühle ich keine Wehmut, es ist ein emotionsloser Schritt eines Verzweifelten, der Ihre Tatenlosigkeit nicht mehr ertragen kann. Ihre Mutlosigkeit, Ihre Kurzsichtigkeit und Ihr Mangel an inspirierenden Visionen für den Beruf passen nicht zu mir und meinem Unternehmertum. Mein Appell an Sie: Seien Sie nicht Vergangenheitsverwalter, sondern Zukunftsgestalter!

Zentralverband reagiert

Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, reagiert auf den Brief. Er ließ über die Pressestelle mitteilen, dass der Verband Gress` Kritik sehr ernst nehme und man deshalb mit ihm persönlich ins Gespräch kommen wolle. "Ich bin überzeugt, dass unsere Positionen keineswegs so weit auseinander liegen, wie es scheint", so Müller.