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Problemlöser im Friseursalon

Nachhaltige Haartherapie

Immer mehr Friseure setzen auf Nischenprodukte und bieten ihren Kunden kleine, feine „andere“ Dienstleistungen, die oft weit über das klassische Friseurrepertoire hinausgehen. Ein ganz neuer Weg ist das medizinisch-therapeutische Themenfeld Haartherapie.

Bettina Gress (53) betreibt in Esslingen den Salon Gress, der 2016 mit dem Top Salon Employer-Award ausgezeichnet wurde. ::: Foto: Privat

Kathrin Landrock führt in Chemnitz ein Konzepthaus für innere und äußere Schönheit. Sie erhielt 2016 den TOP Salon Concept-Award. ::: Foto: Privat

Simone Klinge-Otto entwickelte vor zehn Jahren ihr Salonkonzept „Punkt-Styling“, für das sie 2015 für den TOP Salon nominiert wurde. ::: Foto: Privat

Manuela Marburger fokussiert sich in ihrem Aveda-Salon Haarkultur in Karlsruhe auf Haartherapie und Zweithaarberatungen. ::: Foto: ©fotoskop

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Nachhaltige Hilfe

Plötzlicher Haarausfall, juckende, gereizte oder entzündete Kopfhaut – für Kundinnen, die unvermittelt mit solchen Problemen zu kämpfen haben, bietet die Haartherapie im Salon nachhaltig und ganzheitlich Hilfe. Über ein kurzzeitiges Wellness-Erlebnis hinaus steht hier tatsächlich ein therapeutischer Aspekt im Vordergrund: Ursachenforschung nicht nur in Bezug auf die Haare und eine ebensolche Behandlung sind gefragt. Haartherapeuten wissen um die vielfältigen Belastungen, denen der gesamte Organismus täglich ausgesetzt ist: schlechte Ernährung, zu wenig frische Luft, kaum Sonne und zu viele Schadstoffe von Medikamenten bis Nikotin oder Alkohol. Hinzu kommen Alltagsstress, eine dauerhafte Anspannung, Hormonschwankungen oder ein Ungleichgewicht im Stoffwechsel. All das spiegeln Haare und Kopfhaut wider, weiß auch Friseurmeisterin und Haartherapeutin Kathrin Landrock, die ihren Konzeptsalon in zweiter Generation in Chemnitz führt. Das Thema Langhaarpflege und Haartherapie beschäftigt sie schon lange. Als ihr kleiner Sohn vor über 20 Jahren an Neurodermitis litt, machte sie ihr erstes, bis heute wegweisendes Seminar bei Altmeister Klaus Müller: „Ich war fasziniert und inspiriert. Seitdem ließ mich das Thema nicht mehr los.“ Umso erschreckender sei es, dass die Qualität der Haare in den letzten Jahren konstant immer schlechter werde. Laut Statistik ist jede zweite Person von Haarverlust betroffen – ein wachsendes Kundebedürfnis nach anderen Produkten und anderen Dienstleistungen. „Die Haartherapie hat Riesenpotential für Friseure, denn eigentlich sind es wir Friseure, die in der Verantwortung stehen.“ Sie vergleicht ihre Arbeit gerne mit der Arbeit eines Gärtners: „Der kann auch nur dann schöne Blumen zum Wachsen bringen, wenn der Boden gut bestellt ist.“

Von der Analyse zur Behandlung

Am Anfang der Haartherapie steht die Analyse der Situation und die Diagnose: Simone Klinge-Otto, die ihren Salon in Ahaus zu zweit mit ihrem Mann arbeitet, um sich individuell und mit aller Ruhe auf jeden Kunden einstellen zu können, nutzt dafür einen Fragebogen. Danach startet die gezielte Behandlung in den nächsten Sitzungen. Mit Hilfe einer Kopfhaut-Kamera können Therapeutin und Betroffene die Fortschritte beobachten. Die Kopfhaut reflektiert verschiedene Organe und ist somit ein Spiegel der Gesamtsituation im Körper. Die Haarspezialisten müssen in den Sitzungen deshalb einfühlsam und sensibel auf ihre Kunden eingehen. Die Behandlungen sollten immer in einem separaten Raum stattfinden. Im regelmäßigen Rhythmus von sechs bis acht Wochen kommen die Patienten zum Check-Up. Die Behandlung besteht aus speziellen Reinigungen, Entschlackungskuren und Massage zur Anregung der Kopfhaut.

Friseurmeisterin und zertifizierte Haarwuchs-Spezialistin Bettina Gress stimuliert gezielt Meridian- und Akupressurpunkte und sucht individuell auf die Personen abgestimmte haarwurzelstärkende Präparate aus. „Manchmal verschaffen auch wohltuenden Peelings und Masken Linderung bei Juckreiz oder Rötungen.“ Das Ziel der Behandlung ist die Reaktivierung der eignen Haarwurzel – die der Mensch übrigens nie verliert. Zu Hause muss der Patient dann selber fleißig weiterarbeiten: von täglichem Bürsten, Shampoonieren bis zu Aktivierungsspray. „Es ist ein langer und arbeitsintensiver Weg, aber die Haartherapie gibt den Betroffenen eine echte Perspektive und Hoffnung.“ Bettina Gress warnt aber auch: „Wir sind keine Ärzte, deshalb sollten sie keine falschen Versprechungen machen und im Zweifel natürlich besser an den Arzt weiterschicken.“

Fundierte Ausbildung

Auch Haartherapeut ist man natürlich nicht einfach so – es bedarf einer intensiven Ausbildung. Gute Seminare bieten die Industriepartner, aber auch private Bildungseinrichtungen. Hier lernt man unter anderem die Zusammenhänge im Körper kennen, beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Umwelteinflüssen, Ernährung und Schadstoffen, setzt sich mit Wachstums- und Ruhephasen, Aufnahme- und Ausscheidungsphasen auseinander und betrachtet die Auswirkungen von hormonellen Veränderungen bei Frauen.

Gespür für die Menschen

Neben den fachlichen Kompetenzen braucht es aber wie so oft noch ein bisschen mehr: So ist sich auch Manuela Marburger, Haartherapeutin aus Karlsruhe sicher, dass die fachliche Ausbildung allein nicht reicht: „Ja, die Ausbildung ist eine wichtige Basis. Aber man muss auch schon ein bestimmter Typ sein, um erfolgreich beratend tätig zu werden.“ Achtsamkeit für andere Menschen, Respekt und Wertschätzung seien die Schlüsseleigenschaften. Außerdem sei der permanente Austausch unter Kollegen und der Wille zur Weiterbildung essentiell. Für Friseurmeisterin Bettina Gress aus Esslingen ist es außerdem sehr wichtig, zu verstehen, wie der Körper als Ganzes funktioniert, um so die Zusammenhänge und somit die Ursachen der Probleme ihrer Kunden besser zu verstehen. Deshalb hat sie sich für die zeitaufwändige Ausbildung zur holistischen Gesundheitsberaterin über eineinhalb Jahre entschieden – neben dem Salon. „Für mich ist es eine wunderschöne Erfahrung und die Möglichkeit, Menschen in einer schwierigen Situation an die Hand zu nehmen. Es ist eine tolle, neue Herausforderung zu wissen, dass ich Einfluss auf das Lebensgefühl meiner Kunden nehmen kann!“

Diskretion und Intimität

Lebenserfahrung helfe bei Beratung, da sind sich die Haartherapeutinnen einig, aber der Schlüssel sei auf jeden Fall Authentizität und Einfühlungsvermögen. Auch bei Manuela Marburger liegt der Einstieg in die Haartherapie einige Jahre zurück: eine langjährige Kundin erkrankte schwer und kam verzweifelt mit Haarausfall zu ihr. Seitdem informiert sie sich fortlaufend, geht auf Messen und besucht Seminare. Das Thema fasziniert sie, da sie verstehen will, warum Menschen mit bestimmten Symptomen auf Probleme reagieren und andere nicht. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Ayurveda-Therapeutin und bedient heute nur noch Zweithaarkunden: „Wir erwarten von unserem Körper heute immer nur, dass er funktioniert und vergessen aber uns Zeit für uns zu nehmen.“ Bei ihr geht Haartherapie und Zweithaar erfolgreich zusammen – auch eine Nische – die sie mit ihrer authentischen Art besetzt: Ihre Kundinnen und Kunden kommen inzwischen aus einem 350-km-Radius um Karlsruhe. „Eine Sache, muss man sich als Haartherapeut bewusst sein: Ich allein kann keine Wunder bewirken, die Veränderung muss durch den Kunden kommen!“. Bei ihr geht es sogar über die Behandlung der Kopfhaut und Haare hinaus. Sie bietet Atemübungen und Meditationstipps, damit ihre Kunden sich im Alltag wieder mit sich beschäftigen. „Ich mache meinen Job heute lieber, als am ersten Tag!“

Erfolgsversprechende Marktnische

Bei aller Liebe zum Beruf ist ein Salon ist natürlich auch ein Wirtschaftsbetrieb. Mit der Dienstleistung Haartherapie können sich Friseure neu positionieren: Sie werden zum kompetenten Berater für Schönheits- PLUS Gesundheitsfragen rund Haare und Kopfhaut. Ein weiterer Vorteil: in der Haartherapie gibt es viele spannende, kleine Nischenanbieter und Einzelprodukte. Ein aktuelles Beispiel ist die Firma OnZen mit de CO² Brausetabletten zur Haarpflege mit Sauerstoff. Aber auch mit Linien von Harologi bis Yelasai oder CulumNatura-Produkten unterscheidet man sich von Mitbewerbern. Der Preis einer therapeutischen Beratung oder Behandlung liegt zwischen 60 bis 100 Euro pro Stunde oder Sitzung. Hinzu kommen die Produkte für die weitere Behandlung zu Hause. „Und selbst wenn die Beschwerden nach ein paar Monaten vollständig weg sind, so bleiben doch die meisten Kunden bei den Produkten, die ich empfohlen habe“, erklärt Haartherapeutin Simone Klinge-Otto. Ein weiteres Standbein können auch Seminare oder Selbsthilfegruppen sein. So gibt Kathrin Landrock beispielsweise neben der täglichen Arbeit im Salon Kurse mit dem Titel „Was Haare & Haut verraten“ an der Volkshochschule für Endverbraucher. Bettina Gress organisiert Themenabende im Salon. Werbung ist dann meistens nicht mehr nötig, alles läuft über Weiterempfehlungen und das oft schneller, als man glaubt.