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Kolumne

Mach doch Schluss!

Nicht jeder Friseur ist zur Selbstständigkeit geboren. Unternehmer, die diesen Schritt bereuen, sind die perfekten Mitarbeiter – findet zumindest unser Kolumnist Lars Nicolaisen.

Lars Nicolaisen >< Foto: Wella Professionals

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Ich kenne einen Kollegen im Frankfurter Raum, der in den letzten zwei Jahren unglaublich tolle Mitarbeiter gefunden hat. Sein Unternehmen ist seitdem enorm gewachsen und die betriebswirtschaftliche Situation hat sich dramatisch verbessert. Wie konnte das passieren? Nun, durch einen Zufall hat er Zugang zu einer ganz neuen Gruppe von Mitarbeitern erhalten, an die er selbst nie gedacht hätte: Selbstständige!, und diese für seinen Salon begeistern können. Es ­begann alles damit, dass die Inhaberin eines kleineren Friseursalons sich vertrauensvoll an ihn gewandt und um ein Gespräch gebeten hat. Sie erzählte ihm ihre berufliche Lebens­geschichte, von der Leidenschaft für diesen wunderbaren Beruf und vom Traum eines ­eigenen Friseursalons. Ihr Lebenslauf war viele Jahre lang eine einzige Erfolgsgeschichte, doch dann kam der Alltag einer Selbstständigen: Prob­leme, die immer steigenden Kundenerwartungen erfüllen zu können. Schwierigkeiten, neuen Trends gerecht zu werden. Probleme, gute und verlässliche Mitarbeiter zu finden und zu halten. Mangelnde Zeit, um soziale Kanäle zu bespielen und auf Bewertungen im Internet zu reagieren. Es wurde immer schwieriger, irgendwie die Kosten im Griff zu behalten und allen rechtlichen und besonders steuerlichen Pflichten fristgerecht nachzukommen. Sie selbst konnte es sich nicht mehr erlauben, auch nur einen Tag im Salon zu fehlen. Urlaub war nicht mehr drin. Kranksein war verboten. Dann ihr Frust, wenn die eigenen Mitarbeiter krank waren und man immer noch Verständnis zeigen musste, um sie nicht zu verärgern und dadurch die eigene Existenz zu verlieren. Ein Hamsterrad, in dem sicherlich viele Salon­inhaber stecken und das einen völlig erschöpft. Der Traum der Selbstständigkeit zeigte seine großen Schattenseiten. Und da kam dieser Frau eine Idee. Sie nahm allen Mut zusammen und bat diesen Kollegen um ein Gespräch.

Das ist jetzt gut zwei Jahre her. Sowohl die Kollegin als auch ihre ehemalige Mitarbeiterin arbeiten seitdem glücklich und zufrieden im Salon meines befreundeten Kollegen, und das absolut erfolgreich! Als sie nämlich ihren Salon schlossen, haben die beiden Frauen ihre Kunden natürlich mitgebracht. Das war für alle Seiten super. Die Kunden verloren nicht die lieb gewonnene Friseurin, und die neuen Mitarbeiter starteten gleich mit einem Schwung Kunden und waren von der ersten Woche an gut gebucht.


Damit wir uns hier richtig verstehen: Bei dieser Geschichte handelt es sich nicht um Stuhlmiete!­ Die Besonderheit liegt darin, dass Friseure, die sich ihren Traum von der Selbstständigkeit erfüllt haben, wieder ganz bewusst den Weg zurück in das Angestelltenverhältnis suchen. Nicht jeder ist für die Selbstständigkeit geboren! Wenn man nach einiger Zeit merkt, wie steinig, risikoreich, kräftezehrend und arbeits­intensiv dieser Weg ist, dann ist es doch kein Gesichts­verlust, sich dies auch einzugestehen. Ich sehe da sogar viele Vorteile darin. Zurück im Angestelltenverhältnis kann man endlich mal wieder in den Urlaub fahren, ohne sich finanzielle Sorgen machen zu müssen. Die meisten selbstständigen Friseure sind auch ihr bestes Pferd im Stall – und wenn man in den Urlaub fährt, ist nicht nur die Reise teuer, sondern auch der Umsatzausfall kann schnell sehr wehtun. Diese Gedanken braucht man als Angestellter nicht haben. Auch gibt es endlich wieder freie Tage und Wochenenden ohne schlechtes Gewissen und ohne Buchführung. Und wenn es mal so sein sollte, dann kann man auch mal wieder eine Grippewelle im Bett überstehen, anstatt sich irgendwelche Tabletten einschmeißen zu müssen und verschwitzt hinter den Kunden zu stehen.


Und finanziell? Das klingt eventuell im ersten Moment wie ein Rückschritt. Kann es auch sein, wenn man in seiner Selbstständigkeit viel ­„nebenbei“ hat laufen lassen. Aber auch das wird ja (zum Glück!) immer schwieriger. Ich kenne kaum einen Selbstständigen – und schließe­ mich gern mit ein –, der umgerechnet auf seine Arbeitszeit für sein Unternehmen auf den gesetzlichen Mindestlohn pro Arbeits­stunde kommt. Selbstständigkeit heißt „selbst“ und „ständig“. Das muss man schon wollen. Und da darf man nicht immer nach dem Lohn pro Arbeitsstunde schauen, sonst wird man unfroh.
   

Zurück zum Selbstständigen, der sich bewusst dafür entscheidet, ins Angestelltenverhältnis zurückzukehren: Wenn dies sogar ortsnah geschieht, dann kann man bei einem professionellen und wertschätzenden Provisionssystem sehr schnell auch gutes Geld verdienen. Warum auch nicht? Mich hat diese Geschichte begeistert! Es gibt aus meiner Sicht nur Gewinner! Der ehemals Selbstständige gewinnt, da er den ganzen Ballast verliert und endlich wieder das tun kann, woran er am meisten Freude hat: Menschen verschönern. Der aktuelle Arbeitgeber erhält Mitarbeiter, die die Situation eines Selbstständigen kennen und verstehen. Und die Kunden freuen sich darüber, dass sie ihre Lieblingsfriseurin bzw. ihren Lieblingsfriseur nicht vollständig verlieren, sondern in einem neuen Salon die gleiche Dienstleistung genießen können. Der Kollege hat mittlerweile noch mehr ehemalige Selbstständige in seinem Salon angestellt und plant jetzt, sich zu vergrößern. Wir beschäftigen übrigens seit letztem Jahr ebenfalls einen ehemals Selbstständigen. Das klappt super! Leider brachte dieser Kollege keine Kunden mit, denn er zog von Würzburg nach Hamburg. Aber dennoch erfreue ich mich jeden Tag an seinem Know-how! Und ganz ehrlich? Sollten sich Inhaber von Hamburger Friseur­salons bei mir melden und das Gespräch suchen, ich wäre sofort bereit dazu. Und Sie sollten das auch sein!

Ist das ein Trend? Merken wir hier eine Wende in der Branche? Weniger Kleinstbetriebe, dafür mehr Professionalität? Ich kann mir das sehr gut vorstellen und würde mir das sogar wünschen. Es wäre ein Schritt, der dazu führen kann, dass sich unser Branchenimage anhebt und verbessert.