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Volkskrankheit Demenz

Krankheit mit vielen Gesichtern

Demenz kann verschiedene Ursachen haben. Ob Alzheimer, Parkinson oder Lewy-Body - der Verlust kognitiver, motorischer und sozialer Kompetenzen beeinträchtigt den Alltag und den Umgang mit seinen Mitmenschen.

Der Umgang mit Demenz ist für Angehörige eine große Herausforderung ::: Foto: Shutterstock

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Ob man von Krankenkassen liest oder von Rentenkassen, von ländlichen Strukturproblemen oder den Herausforderungen des Arbeitsmarkts – früher oder später taucht in nahezu jedem gesellschaftlichen Zusammenhang das Thema demografischer Wandel und schließlich auch die zunehmende Zahl von Demenz-Erkrankungen auf. Denn ihre Folgen und Begleitphänomene sind nicht allein persönliches Schicksal; vielmehr sind auch die nahen Angehörigen, das Umfeld und letztlich die Gesellschaft betroffen. Dabei werden landläufig die Begriffe munter gemixt und alle möglichen Symptome mit dem Stempel „Demenz“ versehen.

Doch gelegentliche Vergesslichkeit ist noch keine Demenz, und wer hin und wieder einen Termin verpasst, der muss sich auch noch keine Sorgen machen. Demenz ist ein "Oberbegriff" für umfangreiche Probleme, die aber verschiedenste Ursachen haben können. So sind ganz grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Erkrankungen mit dementiellen Symptomen zu unterscheiden: Degenerative Erkrankungen wie etwa Alzheimer (sie kommt am häufigsten vor) sind dadurch gekennzeichnet, dass „Gewebestrukturen und Organe durch das Krankheitsgeschehen in ihrer Struktur oder Funktion nachhaltig beeinflusst beziehungsweise geschädigt werden“. Vaskuläre Erkrankungen gehen zurück auf eine Durchblutungsstörung, in deren Folge Nervenzellen absterben. Im Zusammenhang mit Demenz sind hier zu nennen: Lewy-Body-Krankheit, frontotemporale Demenz und Parkinson.

Weitere Krankheiten weisen zunächst ähnliche Symptome auf, wie etwa Depressionen, Burn-Out, Stoffwechselstörungen, Infektionen des Gehirns oder auch Vitaminmangel. Um hier Klarheit zu schaffen und mögliche Therapien in die Wege leiten zu können, ist eine gründliche ärztliche Diagnose unumgänglich. Manche dieser Krankheiten können geheilt, andere medikamentös verlangsamt oder gar gestoppt werden. Durch weitere Therapiemaßnahmen können die kognitiven und körperlichen Fähigkeiten trainiert, ihr Verlust verzögert werden.

Alzheimer, Parkinson und Co.

Im Einzelnen: Erstes Symptom einer Alzheimer Erkrankung ist der Verlust von Alltagskompetenzen. Betroffene verlieren den Überblick über Zeit und Ort, finden sich in neuen Umgebungen nur schwer zurecht und reagieren beunruhigt oder ängstlich auf unbekannte Herausforderungen. Mehr und mehr ziehen sie sich aus dem Leben zurück. Werden solche Erscheinungen über einen längeren Zeitraum beobachtet, sollte man sich Klarheit verschaffen und den Arzt konsultieren. Die Erkrankung verläuft schleichend, oft kontinuierlich, kann aber für einen begrenzten Zeitraum von ein, zwei Jahren durch Medikamente aufgehalten werden. Je früher die Therapie beginnt, desto besser.

Einen milderen Verlauf nimmt die Lewy-Body-Krankheit, deren Ursache Durchblutungsstörungen des Gehirns sind. In der Folge sterben Nervenzellen ab. Verlangsamte Bewegungen, eine labile Stimmungslage und Schwankungen der geistigen Leistungsfähigkeit geben Hinweise auf die Erkrankung. Die Krankheit ist unumkehrbar.

Ursache der Parkinson-Erkrankung kann das Absterben bestimmter Gehirnregionen sein, die für die Produktion des Botenstoffs Dopamin verantwortlich sind. Durchblutungsstörungen oder ein Schlaganfall können ebenfalls Auslöser dieser Erkrankung sein. Auch sie verläuft im Normalfall milder als die Alzheimer-Krankheit und hat zunächst vor allem körperliche Beeinträchtigungen zur Folge. Die Bewegungen werden langsamer, ungesteuerter, vielfach komm starkes Zittern hinzu. In späteren Stadien der Krankheit können auch Demenz-Erscheinungen auftreten.

Die Frontotemporale Demenz schließlich zeigt sich insbesondere in einem stark veränderten Sozialverhalten. Der Zellabbau findet vor allem im Front- und Schläfenbereich des Gehirns statt, dort, wo Emotionen und Verhalten gesteuert werden, und zeigt sich in zunehmender Aggressivität, als Verlust des Taktgefühls, aber auch durch maßlose Ess-Attacken. Diese Demenz-Erkrankung kann schon in relativ jungen Jahren auftreten.

Quellen:
www.deutsche-alzheimer.de
www.heilpraxisnet.de/krankheiten

 

Immer zur Stelle - Ein Erfahrungsbericht

Ihr Mann war 57 Jahre alt, als er an Alzheimer erkrankte. Inzwischen betreut ihn Maria Brünning* seit rund 16 Jahren.

Ihren Ruhestand hatte sich Maria Brünning spannend vorgestellt: Reisen wollte sie, die ehemalige Lehrerin, mal spontan sein und unabhängig von den Schulferien. Es ist anders gekommen, und es zeichnete sich schon früh ab, dass es anders kommen würde. Bereits Anfang der 2000-er Jahre hatte sie das Gefühl, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmte. So konnte es passieren, dass er sich nicht erinnerte, wo er das Auto abgestellt hatte, dass ihm eigentlich geläufige Namen nicht mehr einfielen. Er selbst beklagte sich, dass er, ebenfalls Lehrer, sich die Schülernamen viel schwerer einprägen konnte. Bei den Kollegen galt er mehr und mehr als „ein bisschen tüdelig“. Ganz regulär beendete Günter Brünning* seinen Schuldienst mit 63 Jahren. Eigentlich war er zu jung für diese Ausfälle.

Noch waren es Einzelereignisse, kein Dauerzustand. Als aber die Abstände kürzer wurden, ihre Zahl merklich anstieg, suchte das Ehepaar einen Arzt auf, um Klarheit zu bekommen und eine Diagnose. Die Untersuchung verlief glatt, zu glatt. Günter Brünning bestand alle Tests ohne Probleme, und der Mediziner erklärte ihn für vollkommen gesund. Höchst unwohl fühlte sich dabei Ehefrau Maria, hatte sie doch das Gefühl, nun in den Verdacht zu geraten, ihrem Mann etwas anhängen zu wollen. Dabei wusste sie sich im Recht – und recherchierte auf eigene Faust weiter. Sie fand sich bestätigt und versuchte nach Kräften, die Krankheit wenn nicht aufzuhalten, so doch zu verlangsamen. Sie fand viele Übungen und Spiele, konnte aus ihrem eigenen Fundus an Unterrichtsmaterialien schöpfen, um die kognitiven Fähigkeiten ihres Mannes zu trainieren und zu erhalten. Sie machte mit ihm Gedächtnisspiele und verschiedenste Sprachübungen und hatte so zumindest das Gefühl, der Krankheit nicht tatenlos zusehen zu müssen. „Aber, ob es tatsächlich irgendetwas bewirkt – man weiß es nicht“, gibt sie zu.

Endlich Gewissheit!

Im Jahr 2007 unternahmen die beiden eine Portugal-Rundreise, während der Günter Brünning immer wieder die Orientierung verlor. Als er sich, wieder daheim, weder an die Reise noch an einzelne Stationen erinnern konnte, unternahm das Ehepaar einen neuen Versuch, sich Gewissheit zu verschaffen. Demenz lautete die Diagnose, zwei Jahre später: Alzheimer. Inzwischen ist ihm die Pflegestufe II zuerkannt worden: Er braucht Hilfe bei allen täglichen Verrichtungen, bei der Strukturierung und Bewältigung aller Aufgaben des Alltags. Maria Brünning bindet ihn, soweit es geht, in ihre Pflichten ein. Gemeinsam gehen sie einkaufen, und meistens geht es gut. „Weglauftendenzen“, sagt sie, „gibt es noch nicht.“ Das Leben der beiden ist langsamer geworden: Das Denken, das Sprechen, nicht erst, seit Günter Brünning Wortfindungsprobleme hat, das Laufen, das Anziehen – alles braucht viel mehr Zeit als früher und immer mehr Hilfe. „Was sehr gut erhalten bleibt“, erklärt Maria Brünning, „ist die sensitive Seite.“ Sehr genau spürt ihr Mann bis heute, ob jemand freundlich zu ihm ist, geduldig und hilfsbereit – oder das Gegenteil. Dann kann er unwirsch werden, widerborstig, unwillig, erst recht, so seine Frau, weil er seine Unzulänglichkeiten ja selbst bemerkt. „Wenn man ihn damit konfrontiert, erreicht man gar nichts“, weiß sie. „Im Gegenteil: Womöglich wird man verbal attackiert!“ Mit schier unerschöpflicher Geduld bewältigt sie auch die Phasen, die sie „Tage der 1.000 Fragen“ nennt. Das gelingt ihr mal leichter, mal weniger gut: „Aber wenn ich in der Nacht schlafen konnte, klappt das schon!“ Seit ihr Mann so krank ist, hat sich auch ihre Sprache verändert. Ihre Sätze sind einfach, kurz, mit klaren Anweisungen – „bloß keine Alternativfragen!“

Rund um die Uhr betreut Maria Brünning ihren Mann und wird es tun, so lange sie kann. Ihre Schwägerin geht einmal pro Woche mit ihm spazieren – für sie eine kleine Auszeit. Zweimal pro Woche besucht Günter Brünning eine Betreuungsgruppe der Alzheimer Gesellschaft, die in vielen deutschen Städten Zweigstellen unterhält. Maria Brünning braucht und genießt diese wenigen Stunden: „Das ist Zeit für mich!.

* Name v. d. Red. geändert

 

 

Häufigkeit von Demenzerkrankungen in Zahlen

 

Mittlere Prävalenzrate nach EuroCoDe (%)
Altersgruppe              Männer

Frauen

Insgesamt

65-69 1,791,43 1,60
70-74 3,23 3,74 3,50
75-79 6,89 7,63 7,31
80-84 14,35 16,39 15,60
85-89 20,85 28,35 26,11
90 und älter 29,18 44,17 40,95
65 und älter 6,87 10,779,08
Geschätzte Zahl Demenzkranker in Deutschland Ende des Jahres 2014
Altersgruppe                 MännerFrauenInsgesamt
65-6934.500 29.800 64.300
70-7466.500 88.500 155.000
75-79124.800 175.300 300.100
80-84137.000 236.300 373.300
85-89100.000 277.400 377.400
90 und älter44.200 237.500 281.700
65 und älter507.000 1.044.800 1.551.800