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Interview Tobias Kütscher

Ins Sichtfeld gerückt

Seit knapp drei Jahren ist Tobias Kütscher Tigi-Geschäftsführer. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Tobias Kütscher freut sich über seinen erfolgreichen Einstieg bei der Unilever-Tochter >< Foto: Carmelo Burgaretta

Nicoletta Zitarosa (TOP HAIR) im Gespräch mit dem Tigi-Chef >< Foto: Carmelo Burgaretta

Zweistelliges Wachstum: Tobias Kütscher hat gut lachen >< Foto: Carmelo Burgaretta

Er nahm sich Zeit für ein Essen mit TOP HAIR >< Foto: Carmelo Burgaretta

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Wie machen wir das jetzt mit dem Weißwein? Natürlich passt der Pinot perfekt zur Tagessuppe im „Scholz am Park“, aber mittags? Ob das jetzt ein Problem ist wegen der Compliance, frage ich Tobias Kütscher, Geschäftsführer von Tigi, als wir ihn an einem trüb-dunklen Vorweihnachtstag in Stuttgart zum Lunch treffen. Schließlich ist das ehemals mittelständige Unternehmen seit 2009 im Uni-lever-Konzern integriert, und da gibt es eben Spielregeln. „Wir haben es von Anfang an geschafft, unsere Eigenständigkeit zu erhalten, denn Unilever hat sich nicht primär aus Portfolio- oder Profitgründen für uns interessiert. Man sieht uns als wichtigen Ideenpool in Sachen Beauty und Style, schätzt unsere Trendexpertise.
Tigi wiederum profitiere von einer hoch professionellen Forschungsabteilung, die beispielsweise die Produktideen von Firmengründer Anthony Mascolo regelmäßig prüfe und umsetze. Win-win also. Und der Pinot? Darf stehen bleiben.

Knapp drei Jahre ist Kütscher, der seine Karriere in der Beautybranche bei L’Oréal begann, jetzt als Geschäftsführer für Deutschland, Österreich und die Schweiz an Bord. 2013 wurde er in den globalen Tigi-Vorstand berufen und ihm die Verantwortung für Zentral- und Osteuropa übertragen. Den damit einhergehenden großen Freiheiten ist er sich bewusst. „Der Spielraum ist groß, und ich schätze das immens. Das ist ein großes Geschenk.“ Bislang scheint er diesen auch erfolgreich genutzt zu haben: „In den vergangenen drei Jahren sind wir um 33 Prozent gewachsen, und in dem Tempo soll es auch weitergehen.“ Große Umsatztreiber seien der Colour-Bereich, die erfolgreiche Einführung der Luxus-Serie „Hair Reborn“ und der Gewinn vieler Neukunden. Das kann sich sehen lassen. Doch wie hat er das geschafft? „Wir sind heute besser sichtbar, haben unseren Auftritt und die Professionalität massiv geändert. Neu und wichtig ist auch, dass wir den Vertrieb zu 100 Prozent in unsere Entscheidungen und Strategien einbeziehen. Denn er ist das Sprachrohr unser Kunden.“ Man habe zudem die Zahl der Seminare verdoppelt und das Nachwuchsprojekt „Inspirational Youth“ etabliert. Dazu kämen verstärkte Marketingaktivitäten und starke Messeauftritte. Und als zentraler Bestandteil all dessen: „ein leidenschaftliches Team“, von dem er in den höchsten Tönen schwärmt.
Kütschers Antworten kommen schnell und nahezu druckreif, man merkt, dass er nicht zum ersten Mal danach gefragt wird. Die Branche ist klein, da bleiben solche Entwicklungen von Mitbewerbern und Medien eben nicht unbemerkt.
Zeit für den Hauptgang: Aus dem von Kütscher empfohlenen Salat mit Rinderstreifen wird leider nichts, der ist von der Karte genommen. Aber Huhn mit Kichererbsen und Quiche entpuppen sich als gute Alternative. In dem gemütlichen Lokal am Killesberg trifft man ihn öfter an, denn sein Fitnessstudio liegt gleich um die Ecke, und Zeit ist kostbar. Für Geschäftsführer sowieso, und für frischgebackene Väter erst recht. Vor vier Monaten kam Töchterchen Emilia Sophie zur Welt, und stolz erzählt er, wie süß und aufgeweckt die Kleine ist. Jeder weiß, was „aufgeweckt“ in Sachen Nachtruhe bedeutet. Doch eventuellen Schlafentzug sieht man ihm an diesem Nachmittag, top gestylt im schicken Zweireiher, nicht an.

Er achte sehr darauf, die Balance zwischen Arbeit, Familie und seinem Hobby, dem Sport, zu halten. „Gerade durch diese Balance kann ich diesen Job langfristig erfolgreich machen.“ Und das hat er auch vor, betont er, obwohl in vielen Konzernen nach einer erfolgreichen Periode das „Hochloben“ in andere Positionen üblich ist. „Interne Wechsel sind nicht immer von Vorteil“, ist Kütscher sich sicher. Im Gegenteil, vor allem in einer so emotionalen und auf Menschen gerichteten Branche sei Kontinuität besonders wichtig. „Ich schätze es sehr, Tigi mit meinem tollen Team langfristig weiterentwickeln zu können.“

Positionswechsel dafür im „Scholz“. Ein starker Espresso im Stehen fürs Schlussbild. Und draußen wird es langsam dunkel. Ob er sich schnell in Stuttgart eingelebt hat, möchte ich wissen, Düsseldorf ist ja doch anders. „Das war kein Problem, ich bin in Freiburg geboren und die Familien von meiner Frau und mir leben in Karlsruhe.“ Und mit kulturellen Unterschieden kennt er sich aus, schließlich gehören auch Österreich und die Schweiz zu seinem Verantwortungsbereich. „Die Unterschiede sind klar da und auch gut so. Doch wenn man Strategien passend zu den spezifischen Marktbedürfnissen entwickelt, kann man in diesen Märkten sehr erfolgreich sein.“
Interessant sind für Tigi als Unternehmen und für ihn als verantwortlichen Vorstand auch die osteuropäischen Länder. Hier liege enormes Potenzial, das man mit der preisgünstigen Einsteiger-Serie „Tigi Pro“ gut erreichen könne.
Ein Blick auf die Uhr, langsam wird es Zeit, sich zu verabschieden. Vor den Feiertagen stehen noch einige Meetings an, die Weihnachtsfeier mit dem Team und ein Vorstandstreffen in London wartet. Sie finden regelmäßig alle vier Wochen statt. Wie darf man sich denn ein Vorstandstreffen bei Tigi vorstellen? „Ganz normal, wie jedes andere auch, nur dass Anthony Mascolo, der Tigi-Gründer, in Jogginghosen reinstürmt.“ Eine vergnügliche Vorstellung.
Und weil doch Weihnachten vor der Tür steht, möchte ich beim Rausgehen natürlich noch wissen, was bei Tobias Kütscher auf dem Wunschzettel steht: Er grinst und erzählt von einer Harley Davidson und ausgedehnten Motorradtouren, bei denen man so herrlich schön abschalten könne, das Gefühl von Freiheit. Und damit eine Runde ums Bed-Head-Studio in London zu drehen, das wäre schon fein. „Könnte nur sein, dass daraus in diesem Jahr noch nichts wird. Meine Frau wünscht sich nämlich, dass ich keine bekomme.“ Verständlich, unter der neuen Familienkonstellation. Und was wäre, wenn Emilia Sophie ihm in 16 Jahren eröffnete, dass sie unbedingt Friseurin werden will? „Ich möchte, dass meine Tochter glücklich ist, und Friseur ist sicher ein Beruf, in dem man sehr glücklich werden kann!“