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Über Ausbildung, Innungen und mehr

Esser und Gress sprechen sich aus

Kontroverse Standpunkte an einem Tisch: Peter Gress schlug Alarm. ZV-Präsident Harald Esser will Gemeinsamkeiten aufzeigen.

Trafen sich in Frankfurt zum Gespräch: Peter Gress, Dr. Rebecca Kandler (TOP HAIR), Bele Graniger (ZV), Brigitte Wulff (TOP HAIR) und Harald Esser (ZV), v. l. n. r. >< Foto: Melanie Fredel

Peter Gress und Harald Esser liegen in ihren Ansichten gar nicht mal so weit auseinander. >< Foto: Melanie Fredel

Foto: Melanie Fredel

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TOP HAIR: Herr Gress, Sie haben einen offenen Brief geschrieben und Ihren Austritt aus der Innung angekündigt, weil der Zentralverband kein privates Ausbildungssystem dulden will.
Peter Gress: Meine Reaktion richtet sich gegen die Qualität des Berufsschulunterrichts und die Unbeweglichkeit von Innung und Verband. Grundsätzlich sind viele meiner Meinung, aber sie sind still. Wir brauchen Perspektiven für einen Ausbildungsweg, der unserem gehobenen Anspruch gerecht wird.

TOP HAIR: Sind Sie denn nun tatsächlich nach 56 Jahren Innungsmitgliedschaft ausgetreten?
Gress: Ich habe diesen Schritt inzwischen vollzogen. Ich bin natürlich immer noch offen, dies auch wieder rückgängig zu machen. Im Moment stehe ich dazu, weil sich einfach nichts bewegt.
Harald Esser: Haben Sie versucht, in der Innung mitzuarbeiten und so etwas zu verändern?
Gress: Das habe ich mir schon gut überlegt. Aber ich kam für mich zu dem Schluss, dass ich doch machtlos bin, wenn das System so ist, wie es ist.

TOP HAIR: Aus Ihrem offenen Brief geht hervor, dass sich Ihr Unmut in erster Linie gegen die Berufs­schule richtet.
Gress: Das ist richtig und deshalb plädiere ich für einen privaten Weg. Im allgemeinen Schul­system gibt es schon immer staatliche und private Einrichtungen. Warum nicht auch auf dem beruflichen Sektor? Ich möchte klar herausstellen, dass ich nicht gegen das duale System bin und auch keine Verkürzung der Ausbildungszeit will.
Esser: Eigentlich liegen wir gar nicht so weit auseinander. Schule ist Ländersache. Das heißt, dass die Kultusministerien die Hand auf dem System haben. Aber die Innungen sind sehr wohl in der Lage, durch rege Kontaktpflege zu ihrer Berufsschule Einfluss zu nehmen. Wir in Köln haben eine sehr enge Verbindung zu den Verantwortlichen der Schule. Da wird mindestens jedes halbe Jahr miteinander über alle Probleme gesprochen. Um den Bildungsunterschieden gerecht zu werden, gibt es in Köln z. B. auch Klassen für Schüler mit mittlerer Reife oder Abitur.
Gress: Das hört sich gut an und ist sicher ein erster Schritt.
Esser: Die Einrichtung bestimmter Klassen setzt natürlich voraus, dass es genügend Schüler dafür gibt. Aber das Wichtigste ist die stete Kontaktpflege. Das trifft nicht nur für die Verantwortlichen der Innung zu, sondern auch für die Ausbilder direkt. Man wird am ehesten gehört, wenn man seine Probleme vorbringt.
Gress: Da wäre doch eigentlich der Weg einer privaten Ausbildung für gewisse Gruppen gar nicht so abwegig? Also mir geht es jetzt nicht auf Biegen und Brechen um eine private Schiene,­ aber ich brauche die Möglichkeit, meine Azubis möglichst gut auf den Friseurberuf vorzubereiten. Ein aktuelles Beispiel: Ich habe eine 25-jährige Sekretärin als Umschülerin. Sie möchte bei mir lernen, aber auf keinen Fall in die Berufsschule gehen. 
Esser: Aber sie alle brauchen den Technologie-Unterricht.
Gress: Richtig. Wir wollen aber keine Lehrer beschäftigen, die Dinge vermitteln, die an der Realität vorbeigehen.
Esser: Wie gehen Sie mit der gesetzlichen überbetrieblichen Unterweisung um?
Gress: Die gibt es in Esslingen nicht.
Esser: Das ist nicht im Sinne des Gesetzgebers, denn damit sollen fachliche Ungleichheiten beseitigt werden. 

TOP HAIR: Herr Gress, Sie wollen das duale System, sich aber die Institutionen aussuchen, die Ihren Azubis das fachliche Know-how vermitteln?
Gress:
Man könnte ja auch eine eigene Schule gründen, die das übernimmt.

TOP HAIR: Herr Esser, was haben Sie eigentlich gegen einen privaten Ausbildungsweg?
Esser: Wir denken natürlich auch in alle Richtungen, müssen aber gewisse gesetzliche Grundlagen beachten. Diese gelten für das gesamte Handwerk. Meines Erachtens müssen im ZDH die Weichen gestellt werden.
Gress: Von Bewegung ist da keine Spur.
Esser: Wir bieten viele Möglichkeiten für Talente. Aber grundsätzlich sollte die praktische Ausbildung drei Jahre umfassen. Dann bieten wir natürlich noch die Spezialisierung, z. B. auf den Gebieten der Coloration, Zweithaar oder Salonmanagement. Augenblicklich werden vom ZV-Berufsbildungsausschuss neue, zeitgemäße Richtlinien einer neuen Ausbildungsordnung erarbeitet. Aber das dauert noch, denn die gesetzlichen Mühlen mahlen langsam. Hier haben die Gewerkschaften und das Bundesbildungsinstitut immer noch das letzte Wort.
Gress: Das dauert mir alles zu lange. Apropos Ausbildungsordnung: Wenn ich sehe, dass erst im dritten Jahr Färben auf dem Plan steht, entspricht das nicht den Anforderungen eines modernen Salons. Diese wichtigen Tätigkeiten müssen am Anfang stehen. Nur so können sich Azubis eigene Kunden erarbeiten.
Esser: Schulische Inhalte müssen natürlich konform gehen mit den zeitlichen Anforderungen im Salon. Ich glaube aber auch, dass in jedem Unternehmen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Und das ist gut so. Ich gebe Ihnen Recht, dass man Azubis an den Kunden heranführen muss.
Gress: Sie bringen es auf den Punkt. Und deswegen habe ich die private Ausbildung nach Pivot Point geschätzt. Seit sechs Jahren übernehme ich jeden Auszubildenden und habe mir so ein tolles Team aufgebaut. Das hätte ich mit dem staatlichen System niemals geschafft. Die Schließung der Pivot-Point-Schule ließ mich nach Alternativen suchen.

TOP HAIR: Der ZV hatte den privaten Weg mit Pivot Point nach langem Hin und Her auch mitgetragen. Und jetzt scheut er Alternativen?
Esser: Wir hatten das System unterstützt, weil die Berufsschulpflicht gewährleistet war. An diesem Gesetz kommen wir nicht vorbei, denn es ist Ländersache. Aber Einzelfälle sind im Gesetz nicht geregelt. Das heißt, ich kann jeden über 18-Jährigen beschäftigen, zahle ihm Mindestlohn und lasse ihn nach drei oder vier Jahren zur Gesellenprüfung gehen. Wenn er fit ist, dann schafft er das ohne Berufsschule. Es kann ja auch sein, dass diese Mitarbeiter zehn und mehr Jahre ohne Gesellenprüfung ihre Leistungsfähigkeit beweisen.

TOP HAIR: Herr Gress, haben Sie inzwischen eine Lösung für sich gefunden?
Gress: Aktuell schließen wir einen Vorvertrag mit dem Azubi, der dann ein halbes Jahr Vollzeit zu Meininghaus geht. Dort wird er so fit gemacht wird, wie es eine Berufsschule nie schaffen würde. Wir finanzieren das unter der Voraussetzung, dass der Azubi anschließend 30 Monate die Salonausbildung absolviert und dann die Gesellenprüfung ablegt.
Esser: Wenn keine allgemeine Schulpflicht mehr besteht, dann ist das absolut zulässig. Allerdings sind die Inhalte des Berufsbildungsgesetzes zu beachten.

TOP HAIR: Sie können für diesen Weg also nur ältere Azubis bzw. solche, die bereits eine andere Berufsausbildung hinter sich haben, gebrauchen?
Gress: Mittlerweile ist es ja so, dass der Anteil der über 20-Jährigen stetig ansteigt. Jugendliche gehen sehr individuelle Wege, bis sie bei uns anklopfen.

TOP HAIR: Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Esser: Es ist richtig, dass es immer mehr werden, die später auf uns zukommen. Davon können wir aber auch profitieren, zum Beispiel ,wenn es sich um Studienabbrecher handelt.

TOP HAIR: Aber denen muss man doch etwas anbieten?
Esser: Eine gute Berufsschule kann das. Sie kann individuell fördern. Ich kann natürlich nicht für alle die Hand ins Feuer legen. Ein Beispiel aus meinem Salon: Ich hatte eine Auszubildende, die ein Jahr vor dem Abi alles hingeworfen hat und bei uns anfing. Schließlich besann sie sich und erhielt von der Kölner Berufsschule die Chance, montags in ihrer Freizeit das Abi nachzuholen.

TOP HAIR: Das heißt, es steht und fällt mit der Qualität und dem Engagement der Berufsschule?
Esser: Richtig! Und man muss in jedem Fall mit den Lehrern reden.

TOP HAIR: Wie kann der ZV-Präsident auf die Qualität einer Berufsschule einwirken?
Esser: Ich gehe auch dieses Jahr wieder zum Jahreskongress des Bundesverbandes der Berufsschullehrer. Ich nutze die Gelegenheit, über die betriebliche Praxis zu sprechen, denn die Fachlehrer sind durch ihre Kultusministerien fremdgelenkt. Das macht es nicht leicht. Generell wird es nicht ohne Berufsschule gehen. Das sind gesetzliche Regelungen für all jene, die die Schulpflicht nicht erfüllt haben. Grundsätzlich ist der Weg durch die Berufsschulzeit nach wie vor der beste Weg, theoretisches Fachwissen vermittelt zu bekommen.
Gress: Ich suche mir genau aus, wen ich in meinem Betrieb aufnehme. Die Situation hat sich verändert. Vor etwa sieben Jahren entschieden sich noch sechs von zehn Schulabgängern für eine Ausbildung. Heute ist es nur noch einer, neun besuchen eine weiterführende Schule. Und schon verschiebt sich das Einstiegsalter.

TOP HAIR: In Ihrem offenen Brief beklagen Sie Schwarzarbeit, die Vielzahl von Kleinstbetrieben, Preisverfall, Azubis- und Fachkräftemangel. Sind an allem die Ausbildung und die Berufsschule schuld?
Gress: Das bedarf natürlich einer genaueren Erläuterung. Man hat sich die letzten 30 Jahre nicht wirklich um die Azubis gekümmert. Nur so ist zu erklären, dass viele von ihnen nur als „Hilfsarbeiter“ abgeschlossen haben und heute zu der unbefriedigenden Gesamtsituation beitragen. Wir müssen dahin kommen, dass ein junger Mensch erkennt, was hinter dem Beruf steckt. Doch niemand sagt ihm, was wir alles zu bieten haben. 
Esser: Wann waren Sie zuletzt auf der Homepage des Zentralverbandes?
Gress: Das könnte zwei Jahre her sein.
Esser: Ich empfehle Ihnen, da mal reinzuschauen. Unser neuer Auftritt zeigt das gesamte Berufsspektrum und lässt auch Azubis zu Wort kommen. Ich bin in vielerlei Hinsicht Ihrer Meinung, doch die unbefriedigende Gesamtsituation ist ein gesellschaftliches Problem. Wir müssen der Öffentlichkeit klarmachen, dass es sich lohnt, das Friseurhandwerk zu erlernen. Ich garantiere­ Ihnen, dass sich noch dieses Jahr einiges in ­puncto Öffentlichkeitsarbeit tun wird.

TOP HAIR: Herr Gress, was würden Sie machen, wenn Sie Präsident wären?
Gress: Ich würde mich für einen privaten Ausbildungsweg einsetzen. Es ist wichtig, diejenigen aufzufangen, deren Anspruch größer ist.
Esser: Was glauben Sie, wie viele Auszubildende an einer privaten Schiene interessiert sind?
Gress: Vielleicht zehn Prozent von den jetzt 22.000 Azubis? Ich schätze, damit käme man 5.000 Betrieben mit über 250.000 Euro Umsatz entgegen.
Esser: Das ist sicher schwer zu sagen und meines Erachtens viel zu viel gerechnet. Klar ist natürlich, dass es inzwischen nur noch einen kleinen Kreis gibt, der überhaupt ausbildet.
Gress: Wie gesagt, ich brauche einfach einen anderen Azubi als ein Salon irgendwo mit drei bis fünf Mitarbeitern. Meine Preise sind viermal so hoch und damit auch die Anforderungen an Qualität. Ich wünsche mir mehr Unterstützung vom Verband. Wir müssen aufpassen, dass Betriebe nicht als Alternative nach Praktikanten greifen, die einfach nur in Teilbereichen arbeiten und dadurch  ganz sicher keine berufliche Perspektive haben. Das führt ins Chaos.
Esser: Auch wir sehen es kritisch, Ausbildungsverträge durch Praktika zu umgehen.

TOP HAIR: Was nehmen Sie aus unserem gemeinsamen Streit-Gespräch mit?
Gress: Es war ein angenehmes Gespräch. Ich weiß jetzt, dass sich schnell nichts ändern wird und ich weiter an meinen Vorstellungen arbeiten muss. Ich bin gespannt auf die angekündigte Öffentlichkeitskampagne.
Esser: Ich habe mich gefreut, Herrn Gress nach den Attacken seines „offenen Briefs“ persönlich kennengelernt zu haben. Es ist gut, dass wir Kollegen wie ihn haben, die sich Gedanken um die Inhalte des Berufs machen und wichtige Impulse geben.