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Kolumne

Azubis gesucht!

Ausbilden lohnt sich immer noch, ist unser Kolumnist Lars Nicolaisen überzeugt. Doch wo findet sich der Nachwuchs künftig und vor allem: Wie bleibt er dauerhaft bei der Stange?

Lars Nicolaisen >< Foto: Wella Professionals

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Können Sie sich in diesen Wochen auch nicht mehr vor Bewerbungsmappen junger Menschen retten, die unbedingt eine Friseurausbildung bei Ihnen beginnen wollen? Oder nicht? Oder nicht mehr?

Warum ist das so? Warum wollen nur noch sehr wenige Schülerinnen und Schüler unseren wundervollen Beruf erlernen? Wer ist schuld an dieser negativen Entwicklung? Nun, diese Frage habe ich zum Teil ja bereits schon letzten Monat an dieser Stelle beantwortet. Aus meiner Sicht tragen weder die Medien noch die Politik „Hauptschuld“ an dieser Situation. Das Leben hat sich verändert. Die Gesellschaft hat sich verändert. Und auch wir müssen uns verändern.

Klar wünsche auch ich mir eine viel bessere, professionellere und vor allem zukunftsfähigere Führung unserer Interessenvertretungen in Kammern, Innungen und Gemeinden. Natürlich wären gewisse politische Entscheidungen und steuerliche Entlastungen für eine gute Ausbildung wesentlich förderlicher, als es die aktuellen Gegebenheiten tun. Zum Beispiel würde ich es begrüßen, dass wirklich ALLE Handwerksbetriebe in einen Found einzahlen müssten – und aus diesem Fond würden die Betriebe bezahlt und finanziell entlastet, die noch bereit sind, in die Zukunft ihres Handwerkes zu investieren und auszubilden. Wäre doch nur fair, oder? Doch wir sind ja nicht bei „Wünsch dir was“. Bis es solche Solidarität in unseren Alltag schafft, müssen wir uns um uns selbst kümmern.

Da wäre als Erstes die Frage, ob man überhaupt ausbilden will. Wer dies nicht will, braucht diesmal eigentlich gar nicht mehr weiterlesen. Sie verpassen dadurch aber auch ganz viele wunderschöne Momente! Klar, ist Ausbildung anstrengend. Das gilt für den Auszubildenden genauso wie für die Ausbilder und den Ausbildungsbetrieb. Klar, schiebt man auch mal auf beiden Seiten Frust. Das ist privat so, das ist im ganzen Leben so – und das ist natürlich auch in der Ausbildungszeit so. Aber Ausbildung kann auch unglaublich viel Spaß bringen! Wir erleben das jeden Tag! JEDEN TAG! Und es gibt immer wieder Highlights, die das Herz höherschlagen lassen. Auf beiden Seiten!

Wenn man ausbilden will, aber keine Bewerbungen erhält, dann muss man sich fragen, woran das liegen könnte. Wie ist man online aufgestellt? Ist man bei Facebook und/oder Instagram aktiv? Wenn nicht, sollte man das ändern, denn dies sind die Kanäle, die sehr oft von unserem „Zielpublikum“ besucht werden. Es muss nicht nur klar erkennbar sein, dass man trendorientiert arbeitet, sondern vor allem muss klar ersichtlich sein, dass der Salon ausbildet und Auszubildende sucht! Gehen Sie offen mit Ihrer Suche nach draußen! Stellen Sie kleine Aussteller an Ihre Kundenspiegel und sprechen Sie mit selbigen darüber. Melden Sie sich bei der Bundesagentur für Arbeit.
   Und sollten Schulen in Ihrer Nähe so etwas wie einen Tag der offenen Tür für Ausbildungsbetriebe anbieten, dann nehmen Sie solchen unbedingt war. Schnappen Sie sich ein Medium (aktuelle Bezeichnung für „Übungskopf“) und nehmen Sie – falls Sie Ihren 30. Geburtstag bereits gefeiert haben sollten – noch unbedingt eine junge Mitarbeiterin mit, idealerweise eine Auszubildende oder Jungfriseurin. Und dann zeigen Sie, wie z. B. Steckfrisuren erstellt werden oder wie man eine Balayage-Technik färbt. Unser Beruf ist so vielseitig, so lebendig. Zeigen Sie genau das!

Klassische Bewerbungsgespräche machen wir nicht mehr bei unseren Bewerbern für einen Ausbildungsplatz. Wir laden die Bewerber immer zu unserem Trainingsnachmittag ein. So lernen sie gleich die aktuellen Azubis kennen. Und es gibt kein theoretisches Gespräch, sondern wir zeigen an einem Medium einige Grundtechniken und üben diese mit den Bewerbern. So sehen wir, ob jemand wirklich Interesse und auch ein gewisses Maß an Talent mitbringt. Im lockeren Gespräch werden dann allgemeine Dinge abgefragt. Spielerisch. Ohne Druck. Das kommt sehr gut an, die Stimmung ist am Ende des Tages sehr gelöst, und beide Seiten wissen, ob man zueinander passt – oder eben nicht.

Von 100 Friseur-Auszubildenden legen nur noch 30 ihre Gesellenprüfung ab. 70 Prozent brechen also innerhalb der Ausbildungszeit ab. Eine erschreckend hohe Zahl. Klar, gibt es auch bei uns Azubis, die abbrechen, aber bei Weitem nicht in einer so hohen Zahl. Manchmal passt es einfach aus unterschiedlichen Gründen nicht. Ich denke jedoch, dass man als Ausbildungsbetrieb auch gefordert ist, sich auf die neue Generation einzustellen.

Geschichten von „Damals“ will niemand mehr hören. Das war früher auch so, aber da hat man diese Geschichten vom „Dauer­wellpapier auf der Heizung trocknen“ ertragen, weil man keine andere Chance hatte. Heute ist das anders. Viele junge Menschen scheinen viel weniger Stehvermögen zu besitzen, als dies früher der Fall war. Diese Entwicklung kann man kritisieren, aber es gilt, Lösungen zu finden. Das ist z. B. der Grund, warum es bei „Nicolaisen“ schon lange keine Ausbildung mehr nach der Arbeitszeit gibt, sondern während der normalen Öffnungszeit konzentriert ausgebildet wird.

Friseure bekommen von ihren Kunden jeden Tag Wertschätzung entgegengebracht. Und Azubis? Jeden Feierabend erhält jeder Azubi eine 1-bis-5-Sternebewertung von den Friseuren. Was war heute gut? Was war nicht gut? Was hat das Team besonders geärgert bzw. gefreut? Diese Bewertungen erfolgen schriftlich in Kurzform. Zeitaufwand keine Minute! Jeder Azubi hat eine Mappe, wo diese Bewertungen aufbewahrt werden. So kann man die Entwicklung toll verfolgen. Es ist dieses tägliche Feedback, welches viele Azubis motiviert.

Ausbilden kann befriedigend sein! Und kann erheblich zum Betriebserfolg beitragen. Man muss es aber auch wollen. Und es müssen Ideen entwickelt werden, die in die Zeit passen. Ich wünsche Ihnen bei dieser Aufgabe viele kreative Ideen, ganz viel Spaß, ganz viele motivierte Auszubildende!

 

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