News

Leserbrief

Aus der Deckung

Friseurunternehmer Hans Wolf aus Miesbach schickte uns seine Gedanken zum Beitrag "Streitkultur" aus Heft 8/17 der TOP HAIR Business – dem kontroversen Gespräch zwischen Peter Gress und ZV-Präsident Harald Esser zur Zukunft von Bildung und Beschäftigung.

Hans Wolf, Friseur aus Miesbach, äußert sich zum Gespräch Gress – Esser >< Foto: Egbert Krupp

Mehr Business-News? Newsletter anmelden!

 „Sehr geehrte Redaktion, liebe Frau Kandler,

normalerweise schreibe ich keine Kommentare mehr, aber bei diesem Leckerbissen reibt man sich die Hände. Da streitet sich also (im übertragenen Sinn) der Sternekoch und Restaurantinhaber mit dem Standesvertreter der Gourmettempel – System­gastronomie – der Würstelbudenbrater der Land­gasthöfe und Eckkneipenbesitzer, um die Ausbildung ihrer gemeinsamen Lehrlinge. Beide schicken ihre Zöglinge zur gleichen Berufsschul-Pflicht. Was darüber hinaus passiert, ist die (entscheidende) Kür. Der Unterschied ist nur, dass man im Gastrobereich  auch mit mieser Qualität zum Zuge kommt (siehe Fastfood). Im Friseurgeschäft schafft das nur der qualitätsbewusste „Sterne“-Friseur. Weiter kann man nicht voneinander entfernt sein.

Lehrern fehlt die Praxis


Ganz verstanden hab ich es nicht, wenn Herr Friseurpräsident  Esser, Inhaber einer Website-losen Kölner Meisterwerkstatt, von Technologie-Unterricht in Friseurberufs- und Meisterschulen spricht. Auch wenn Esser es gut meint mit dem Satz: „Man muss mit der Berufsschule und den Lehrern reden“.  Gerade  hier darf man nicht wegschauen, nicht wegdenken. Dem Fachlehrer/innen-(Personal) fehlt größtenteils die tägliche, aktuelle Praxis. Beim besten Lehrerwillen: Man muss es auch können und nicht nur wissen, wie’s gehen könnte.

Erklären Sie mal einem Berufs-  oder Meisterschullehrer, wenn er/sie von Intensiv­tönung spricht, dass er eine stinknormale Haarfarbe aufschraubt und keine Tönung. Hier schlafwandeln unsere industrie-gesteuerten Schulmeister festen Schrittes auf dem ammoniakfreien Holzweg. Kann man diesen so vielseitigen, kreativen und individuellen Beruf mit seiner riesigen Bandbreite an nicht messbaren Qualitätsmerkmalen in einer staatlichen Berufsschule lehren? Wir sehen doch ALLE die Ergebnisse und keiner macht den Mund auf. Den jungen Leuten wird die (frustrierte) Zeit gestohlen. Ich gehe sogar so weit, dass der Friseurberuf zwar erlernbar ist, aber nicht lehrbar. Erlernbar nur für talentierte, fleißige, ja fanatische Dauer-Woller, die als unbedingte Voraussetzung die menschlichen Qualitäten und Persönlichkeit MITBRINGEN müssen. Sonst bleibt es Dauer-Mittelmaß.

An die Wand gefahren


Zurück zu Essers Berufsschul-Technologie! Auch die muss er uns genauer erklären. Auf die (wievielte??) angekündigte Friseurhandwerks-Qualitätsoffen­sive freuen wir uns? Der große Wurf fehlte bislang noch. Wir brauchen Dringenderes! Statt sich um den angerichteten Schaden an den jungen Leuten zu kümmern und endlich aufzuräumen, wirksame ­Reformen anzupacken, kommt die Qualitätsoffen­sive. Seit Jahrzehnten (damals hatten wir noch Zeit für Irrtümer) behandelt man das Elend ohne Erfolg, weil man nach wie vor an die falschen Ursachen glaubt. Lieber Präsident: Wir sind nicht kurz davor! Der (Friseur)-Karren ist an die Wand gefahren. Leise, schleichend, zerdrückt arbeiten die  pulverisierten Einzelteile als Schwarzarbeiter. Im Untergrund. Als Mini-„Unternehmer“, als Mini-Mini-Unterlasser.  Gerade wieder rühmt sich einer am Rande der Insolvenz entlangirrender (Groß)-Filialist mit seinen Hunderten Azubis für seine soziale Wohltat (wörtlich: „Ein deutlicher Meilenstein“). Schon klar – fürs Unternehmen. Prognose: Zehn Prozent werden davonkommen, werden die Zumutungen ertragen. Mehr oder weniger erfolgreich auf Dauer dienen,  der Rest  nie dort ankommen, wo er einst hinwollte.

Das System braucht/will eigentlich  keine Azubis. Sondern? Billige Arbeitskräfte, Zuarbeiter! Dass  Hunderttausende und mehr solcher missglückter  Vorbilder die Branche und deren Ruf schädigen, kann man an drei Fingern nachrechnen. So hat der überwiegende Teil der „schneidenden Mehrheit“ (leider) eine große Sehnsucht nach Qualitätslosigkeit. Und nach Masse! Bestaunen bei Großveranstaltungen die jährlichen Früchte der sogenannten „Akademien“! Drücken sich an diesem Schaufenster die Nase platt, verwechseln die Show mit fundierter, brauchbarer, anwendbarer, nutzen- und ergebnisbringender Aus- und Weiterbildung. Sehnen sich nach der nächsten und übernächsten „Kollektion“ (welch schreckliches Wort in diesem Zusammenhang) und haben die letzte noch nicht wirklich gebraucht. Zu guter Letzt spenden die Massen – sich selbst, dem Todkranken noch Beifall. Darf man eine Prognose loswerden? Es wird sich nichts ändern! Die Qualitätsarbeiter, die Sinnsucher, die Powertalente glänzen wie eh und je. Gehen ihren meist erfolgreichen Weg zu Ende, bedürfen keiner Hilfe. Sie räumen die Hindernisse weg, die ihnen die Machtstruktur in den Weg legte. Und dürfen getrost viel Geld verlangen. Die anderen wursteln sich auch zu Ende. Sie könnten Hilfe gebrauchen, bekommen aber nur  Technologie-Unterricht, Qualitätsoffensiven und die Machtstrukturen zu spüren.

Nachwachsende Rohstoffe vorhanden


Ach um was ging’s noch im Interview? … Ah, die Marktstrukturen. Die Sicherung. Bei den Ergebnissen!? Diese zerschmetterte Struktur erhalten? Vielleicht als Beispiel, wie es nicht geht. Obwohl – Geld wird noch immer damit verdient, vergleichsweise  Bescheidenes, aber immerhin. Geld verdienen die Innungen und deren Mitarbeiter, die Handwerkskammern mit Gefolge, die Berufsschulen und deren Beamte, die Meisterschulen mit ihren (selbst ernannten) Amateurlehrern, die EU-geförderten überbetrieblichen Unterweisungen mit Hobby-Unterweisern, die am Markt wenig Erfolgsaussichten hätten. Die Medien und die Industrie. Das alles ist Sichern der Esser-Marktstruktur. Sorry, auch ich wäre fast aus der Spur gelaufen.

Der Beitrag soll unbeschwert enden. Und einmal mehr zeigen, wie schön und vielfältig unsere Arbeit sein kann, soll daran erinnern, dass die wirklich berufenen Persönlichkeiten, die fleißigen, zähen Talente, die sympathischen Mitmenschen-Möger und Chancensucher, die Hin-Schauer und Mit-Denker in einem Umfeld arbeiten, das weitgehendste Selbstbestimmung und Kreativität garantiert. Und das bei nachwachsenden „Rohstoffen“. Wo findet man das heute noch!? Peter Gress und all den (Gott sei Dank) nicht wenigen Kollegen, die sich aus dieser Branche verabschiedet haben oder werden, habt gute Nerven und Gelassenheit. Ihr werdet sie brauchen.“          

Hans Wolf, Miesbach