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Führung im Friseursalon: Warum Chefs nicht Everybody’s Darling sein können

16. September 2026
4 weiße und 1 gelber Papierflieger auf blauem Hintergrund
Foto: Adobe Stock/2026822072-AAUB

Viele Friseurunternehmer*innen scheitern nicht am handwerklichen Können oder an fehlenden Kund*innen, sondern an der Führung ihres Teams. Coachin und ehemalige Saloninhaberin Jennifer Wulf erklärt, was gute Mitarbeiterführung im Friseursalon ausmacht, warum Führung bei einem selbst beginnt und weshalb Chefs nicht von allen gemocht werden müssen.

Inhaltsübersicht

 

Haben Friseurunternehmer ein Führungsproblem?

 TOP HAIR: Haben Friseurunternehmer*innen ein Führungsproblem?

Jennifer Wulf: Ich bin kein Freund von Generalisierungen, deshalb möchte ich es mal so formulieren: Die Menschen, die bei mir landen, denen ist klar, dass sie beim Thema Führung noch Luft nach oben haben. Viele haben ein Führungsproblem, und die, denen das bewusst wird, die gehen weiter.

Führung im Friseursalon: Warum Chefs nicht Everybody’s Darling sein können
Jennifer Wulf ist gelernte Friseurin. Foto: Wulf

Warum lernen wir nicht, richtig zu führen?

Defizite beim Thema Führung gibt es über alle Branchen hinweg. Lernen wir führen nicht?

Ja, meiner Meinung nach lernen wir das nicht. Das Problem beginnt schon im Schulsystem im deutschsprachigen Raum. Wir kommen als kreative Menschen in eine Schule und werden dort domestiziert, nicht gefördert. Ursprünglich bedeutet Education ja, ich löse etwas aus den Leuten heraus, in einem Prozess. Unser Schulsystem ist aber einfach Frontalunterricht. Meiner Meinung nach nehmen wir Kindern, wenn sie den Fuß in die Schule setzen, die Selbstwirksamkeit. Und das zieht sich durch unser ganzes Leben. Wir sind eine unglaublich angepasste Gesellschaft. Wir können nicht führen, weil wir es nicht gelernt haben. Wir haben nicht einmal gelernt, uns selbst zu führen. Aber Führung beginnt immer bei uns selbst. Das wäre für mich der erste Punkt. Aber Führung gab es auch in meiner Friseurausbildung oder auf der Meisterschule nicht. Ich hatte mich sehr auf Pädagogik gefreut – das Resultat: Der Dozent hat sich hingesetzt und ein Buch vorgelesen. Auch hier wieder keine Selbstwirksamkeit, keine Reflexion. Führen muss ich wollen und ich muss in der Lage sein, mich zu reflektieren.

Selbstständig als Friseur: Wird Führung zu wenig beachtet?

Machen sich die falschen Leute selbstständig?

Wir Friseure folgen halt unserer Leidenschaft. Wir lieben, was wir tun, wollen Haare machen und ein schönes Leben haben. Ich glaube nicht, dass sich die falschen Leute selbstständig machen. Ich glaube nur, dass der Fokus zu sehr auf dem Handwerk liegt und zu wenig auf dem Handwerk der Führung. Sobald ich ein Unternehmen eröffne, muss ich beides lernen. Ich glaube, dass viele Salons auch vergessen haben, dass es da den Führungspart gibt.

Bin ich überhaupt ein guter Führungstyp?

Gibt es, wenn man eine Führungsrolle übernehmen möchte, eine Frage, die man sich stellen sollte, um herauszufinden, ob man ein Führungstyp ist?

Ja, es gibt zwei. Frage eins wäre: Ist es mir wichtig, von allen gemocht zu werden? Wenn mir das am allerwichtigsten ist, bin ich keine Führungsperson. Denn als Führungsperson bist Du immer allein. Du hast zwar ein Team, mit dem darfst Du dich auch gut verstehen und das darf auch alles auf Augenhöhe passieren, aber gleichzeitig bist DU die Person, die entscheidet. Und die zweite Frage sollte sein: Bin ich bereit, Verantwortung für mich und mein Handeln zu übernehmen und damit auch Verantwortung für andere Menschen?

Führen Frauen und Männer unterschiedlich?

Gibt es einen geschlechterspezifischen Unterschied in der Führung?

Ich sehe immer den Menschen, der vor mir sitzt und es ist mir egal, welches Geschlecht er hat. Wenn ich das auf meine Kunden umlege: Zu mir kommen Menschen, die in der Lage, sind sich selbst zu reflektieren. Eines meiner Tools, mit denn ich arbeite, ist das „Human Design“, ein Werkzeug aus der Persönlichkeitsentwicklung. Spannenderweise gibt es dort keine Geschlechtertrennung. Mir ist es wichtig, mit der Authentizität der Menschen zu arbeiten.

Also kein Unterschied?

Ich sehe definitiv dominante Männer und gleichzeitig auch dominante Frauen, denen alles egal ist. Gibt es da jetzt einen Unterschied? Ich würde sagen ja aber auch nein – manchmal ist es vielleicht auch ganz subtil. Ich glaube, dass Frauen nach wie vor eher in Konkurrenz miteinander gehen, und dass Männern manchmal noch das Feingefühl fehlt für weibliche Mitarbeitende.

Was macht gute Mitarbeiterführung im Friseursalon aus?

Was macht für Sie gute Führung aus?

Für mich heißt gute Führung: Sei authentisch, habe eine klare Kommunikation, übernehme Verantwortung für Dich und sei bereit, Dich in einen lebenslangen Lernprozess zu begeben.

Dürfen Führungskräfte Emotionen zeigen?

Authentisch sein heißt auch, ich darf meine Emotionen zulassen?

Ja, unbedingt, aber im Rahmen. Also bitte keinen hysterischen Anfall bekommen vor den Mitarbeitern, sondern so reflektiert sein, dass einem klar ist: Deine Emotionen gehören Dir, ein anderer hat einen Knopf gedrückt, den du schon mit Dir trägst. Wenn wir in die Verbindung gehen, müssen wir unsere Emotionen auch zeigen und auch kommunizieren können. Ich schule auch viel gewaltfreie Kommunikation und da geht es auch darum, dass ich Verantwortung für mich und für meine Gefühle übernehme. Ich muss dann auch in der Lage sein zu sagen, was ich mir wünsche und was mich ärgert und mein Gegenüber gleichzeitig sein Gesicht wahren lassen.

Als Saloninhaber am Unternehmen statt nur im Unternehmen arbeiten

Muss ich, um gut führen zu können, eher am Unternehmen arbeiten als im Unternehmen?

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Die meisten Friseure lieben es, Haare zu machen. Deshalb ist mein Ansatz da ein sanfter Weg. Ich sehe das eher nicht so, dass ich sie vom Stuhl weghole, sondern, dass ich so aus dem Hamsterrad austeigen lasse: Wenn ich zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche arbeite, wann will ich in die Führung gehen? Wann will ich in die Planung gehen? Dann kann ich nur im kurzfristigen Überlebensmodus sein. Wenn ich kurzfristig überlebe, dann bin ich kein Vorbild. Vorbild ist für mich nicht das, was ich sage, sondern das was ich lebe, das, was andere von mir sehen. Wenn ich so ein ungesundes Vorbild bin, will am Ende des Tages keiner mehr mit mir arbeiten. Mitarbeiter gehen, neue Mitarbeiter kommen gar nicht erst. Wenn ich nicht allein arbeite und ein Team aufbauen möchte, muss ich diesen Absprung aus dem Hamsterrad schaffen und ja, dann darf ich nicht mehr 60 Stunden am Stuhl stehen. Das funktioniert nicht. Dann muss ich meinen Plan so konzipieren, dass ich ein gesundes Vorbild bin.

Führung im Friseursalon: Warum Chefs nicht Everybody’s Darling sein können
Jennifer Wulf in einem ihrer Seminare. Foto: Wulf

Mehr Zeit für Führung und Mitarbeitergespräche schaffen

Was heißt das konkret?

Das heißt, ich halte meine Pausen ein, ich halte meine Arbeitszeiten ein und gleichzeitig schaffe ich mir einen Tag, wo ich in die Planung gehen kann, um das Jahr und Teammeetings zu planen, Mitarbeitergespräche zu führen etc. Die kurze Antwort auf Ihre vorherige Frage: Ja, weg vom Stuhl! Nicht 100 %, aber einen großen Schritt weit weg.

Wie lange dauert es, gute Führung aufzubauen?

Wie lange dauert es, gute Führung aufzubauen?

Wenn man schnell für kurze Zeit führen möchte, reicht ein Gespräch, dann macht man das erst einmal. Das ist wie bei jedem anderen Seminar, das wir besuchen: Frisch vom Seminar, setzt man es um, im Alltag fallen wir dann aber gerne wieder in alte Gewohnheiten zurück und sind wieder im Überlebensmodus. Deswegen arbeite ich mit den Salons in der Regel sechs Monate zusammen. Es gibt immer welche, die Dinge sehr schnell verinnerlichen, für andere ist es ein langer Weg. Es kommt immer darauf an, ob das Umfeld stärker ist als man selbst.

Warum alte Führungsmuster so schnell zurückkehren

Was meinen Sie damit?

Mit dem Umfeld meine ich sowohl Kund*innen als auch Mitarbeiter*innen. Wenn ich anfange, in die Führung zu gehen, mich zu reflektieren, aufhöre, ein ,People Pleaser‘ zu sein, merken das vor allem die Kunden, denn die kriegen nicht mehr alle Termine. Wenn der Druck von den Kunden stärker ist als der Wille, Dein bestes Leben zu führen, habe ich da halt schnellere Rückfälle. Genauso ist das mit den Mitarbeitern, wenn ich da nicht mehr versuche, den Leuten alles recht zu machen, sondern wenn ich anfange es mir selbst recht zu machen und dafür einen Rahmen schaffe. Das mögen auch nicht alle Mitarbeiter. Wenn ich es also nachhaltig haben möchte, brauche ich sechs Monate und selbst danach muss ich darauf achten, nicht wieder in alte Muster zu verfallen.

Kann ein Chef seine Führung mit dem bestehenden Team verändern?

Ist es möglich, mit dem alten Team, das mich als führungsschwach erlebt hat, weiterzuarbeiten? Oder sollte man das ganze Team austauschen?

Ich empfehle immer, das Team zu halten. Da greife ich auf Ressourcen aus meiner systemischen Coach-Ausbildung zurück: D.h. da gibt es einige Methode, die dafür sorgen, dass Du von führungsschwach auf führungsstark kommst und dass Du da Dein Team mitnimmst, dass die Hierarchie anders geklärt wird. Das funktioniert zu 80 %. Wenn ich jemanden im Team habe, der wirklich dagegen ist, wenn ich vielleicht sogar eine Mitarbeiterin habe, die an meiner Stelle die ganze Zeit geführt hat – die wird sich verabschieden. Fakt ist auch, wenn ich das Team nicht führe, tut es wer anders! Manchmal müssen wir uns die Führung zurückholen. Kurz: Ich würde nicht von vorneherein sagen, ,hau die Leute raus‘.

Wie Mitarbeiter ihre Führungskraft besser machen können

Können Teammitglieder den Chef zu einer besseren Führungskraft machen?

Das tun sie automatisch, weil das Team immer Deine Führung spiegelt. Die Frage: Was machst Du daraus? Das Team kann nur den Spiegel vorhalten. Ich mache aus den Leuten auch keine besseren Führungskräfte ich schaffe Rahmen und gebe den Input. Den Weg muss jeder selbst gehen. D.h. wenn ich als Chef in der Lage bin, den Spiegel meines Teams auszuhalten und zu reflektieren und dann neue Wege zu gehen, mache ich aus mir selbst eine bessere Führungskraft. Aber niemand kann den Weg für Dich gehen!

Mitarbeiter und Azubis zu mehr Selbstwirksamkeit führen

Sie sagten zu Beginn, dass uns die Selbstwirksamkeit schon in der Schule abtrainiert wird. Wie kann ich als Chef*in meinen Azubis und Mitarbeiter*innen diese Selbstwirksamkeit wieder mit auf den Weg geben?

Das klassische Lernen, das wir kennen, Vormachen-Nachmachen, ist null Gehirn gerecht. Gerade die neuen Lehrlinge möchten den Sinn verstehen. Dabei hilft uns das 4-K-Modell: Kommunikation, Kreativität, Kritisches Denken und Kollaboration. Wenn ich dieses Modell anwende und in eine gute Kommunikation gehe, d.h. ich stelle Fragen und halte die Antwort aus und warte sie ab, und ich bin in der Lage, auch eine gute Feedback-Kultur zu haben, dann gehe ich in die Kollaboration, d.h. ich bin auch Sparring-Partner. Gemeinsam können wir dann Lösungen erarbeiten und kritisches Denken fördern. Und beim Thema Kreativität fragen: Was ist Deine Idee dazu? Wenn ich mich an diese vier Ks halte, dann bringe ich die Leute automatisch in die Selbstwirksamkeit, denn sie dürfen sich miteinbringen.

Interview: Yvonne Rieken

Zur Person: Jennifer Wulf

ist gelernte Friseurin, die 15 Jahre lang einen eigenen Salon führte. Sie war Trainerin und Event-Managerin für Paul Mitchell in Österreich und entwickelte aus zahlreichen Aus- und Fortbildungen im Kommunikationsbereich ihr eigenes Trainer- und Mentorenprogramm. Jennifer Wulf ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig und hat einen eigenen Podcast: „The way of the wulf.“
Mehr Infos: jenniferwulf.com

Führung im Friseursalon: Warum Chefs nicht Everybody’s Darling sein können
„The way of the Wulf“ heißt Jennifer Wulfs Podcast. Foto: Wulf
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