Benjamin Jahns möchte aus seinem Friseursalon einen Safespace für neurodivergente Menschen machen, denn er weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig das sein kann.
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Seit 2011 hat Benjamin Jahns seinen Salon „Bennys Haircut“ in Lauf an der Pegnitz, bei Nürnberg. Doch manchmal fällt ihm die Arbeit extrem schwer, nicht aus handwerklicher Sicht. Haare schneiden, vor allem Männerfrisuren sind nach wie vor sein Steckenpferd, doch Benny reagiert häufig anders als die Mehrheit der Menschen. Manchmal kann er seine Impulse nicht kontrollieren, seine Emotionen gehen mit ihm durch, er nimmt alle Reize gleichzeitig wahr oder alles muss einfach raus. In anderen Momenten braucht er komplette Stille. Lange wusste er nicht genau, was mit ihm los ist, vieles war für ihn selbst unerklärlich. Es gab Tage, da konnte er im Salon beim Haare schneiden locker Gespräche führen, an anderen waren ihm Small-Talks unerträglich.
Diagnose: Neurodivergenz
Vor knapp zwei Jahren hatte er einen kompletten Zusammenbruch, eine Panikattacke im eigenen Friseursalon, er zitterte am ganzen Körper, sein Herz raste, er konnte nicht weiter schneiden. Die Kundin reagierte damals hilfreich und verständnisvoll. Es war so schlimm, dass er ins Krankenhaus gebracht wurde. Er dachte, er könne nie wieder als Friseur arbeiten. Bereits acht Jahre zuvor war bei ihm eine Neurodivergenz diagnostiziert wurden. Eigentlich habe ihn die Diagnose erleichtert, so Jahns, denn er befürchtete schon er habe schwere Depressionen oder Burnout und könne gar nicht mehr in den Beruf zurück. „Ich nehme seither Tabletten, aber das ist nur ein Baustein. Das Thema Regulation muss man zusätzlich selbst angehen. Wie komme ich raus, wenn sich eine Panikattacke anbahnt? Manchmal stehe ich morgens auf, alles ist gut und dann kommt der erste Kunde und plötzlich gerät alles in Schieflage, ich kann nicht aufhören zu grübeln, verliere die Kontrolle und mir wird schwindelig“, beschreibt er seine Situation. Bisher fehlten ihm die Mittel zur Selbstkontrolle und zum Selbstschutz. „Mein Körper hat mit Hörsturz, Bandscheibenvorfall oder Lageschwindel reagiert, da ich über viele Jahre meine Bedürfnisse ignoriert habe und mich nicht selbst regulieren konnte“, berichtet der Betroffene. Dass die Tabletten allein nicht ausreichen, hat er dann bei der schweren Attacke im Krankenhaus deutlich gespürt und lässt sich seither individuell coachen, um seinen Alltag besser zu bewältigen. „Ich mache jetzt regelmäßig Pausen und halte strikt die Mittagspause ein. Ein klar strukturierter Tagesablauf ist mir wichtig. Ich zwinge mich, ausreichend zu schlafen. Für mich gibt es eigentlich keine Entspannung. Sogar im Urlaub, am Strand bin ich permanent unter Strom“, erzählt Benjamin Jahns. Häufig greift er zu einfachen Schutzmechanismen, wie die Geräusche unterdrückenden Earplugs. Wenn er spazieren geht und ihn jemand ansprechen möchte, deutet er auf seine Kopfhörer, als ob er telefoniere, um ungestört weiter zu laufen.
Atypische neurologische Entwicklungen
Etwa eine von sieben Personen in Deutschland weist neurologische Verschiedenheiten auf. Kein Gehirn ist wie das andere, Neurodivergenzen werden daher nicht als Krankheit gesehen. Trotzdem können Autismus, ADHS, Lese-Rechtschreibschwäche zu erheblichen Einschränkungen im Alltag führen. Die Soziologin Judy Singer öffnete den Blick dafür, dass atypische neurologische Entwicklungen im Grunde natürliche menschliche Unterschiede seien, nicht falsch, sondern anders. Neurodivergente Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu lenken, sind aber oft sehr kreativ. ADHS hat jüngst mehr Aufmerksamkeit erhalten und Prominente wie die Autorin Sarah Kuttner oder Ex-Radprofi Jan Ullrich haben ihre ADHS-Diagnose öffentlich gemacht. Das gibt anderen den Mut, sich behandeln zu lassen. Und genau das möchte Bejamin Jahns ebenfalls erreichen.
Doch was bedeutet diese Diagnose für seinen Arbeitsalltag beziehungsweise für das Familienleben? „Für meine Frau ist das nicht immer einfach. Manchmal muss ich während einer Autofahrt plötzlich anhalten, weil ich nicht weiterfahren kann. Aber seit wir wissen, dass ich neurodivergent bin, ist die Akzeptanz einfach viel größer“, erzählt Benny. Mit seinen Kindern spricht er offen darüber. Jetzt hat er entschieden, sich auch auf der Arbeit „zu outen“ und offen seine Schwächen zu kommunizieren. Auf Instagram hat er Anfang April einen Post abgesetzt, nach dem Motto: du entscheidest, weniger reden, kein Stress. Manche Friseurbesuche seien einfach zu viel, zu laut, zu wenig Pause, zu viel Smalltalk. Künftig bietet Benny reizarme Termine mit wenig oder sogar ohne Gespräche. Pausen sind jederzeit möglich und alles ohne Druck. Niemand muss sich erklären, warum er heute nichts sagen will, ein kurzer Hinweis reicht dem Saloninhaber. Ans Telefon geht Benny schon lange nicht mehr. Seit vielen Jahren hat er konsequent auf Online-Buchung umgestellt. „Ich will einfach nicht gestört werden, beim Haare machen. Ich möchte mich voll auf meine Arbeit konzentrieren, wenn ich immer ans Telefon renne, bringt das so viel Unruhe rein, dir mir einfach nicht guttut“, berichtet er.
Klare Worte
„Es macht mir Spaß, den Kollegen zu helfen, daher bin ich seit sechs Jahren in der Innung aktiv als Obermeister. Neue Aufgaben ziehen mich an, trotz Stress. Allerdings muss ich schon meine Grenzen ziehen damit es nicht zu viel wird“, berichtet der Inhaber. Jahns ist keiner, der schnell aufgibt. Er stellt gerne Fragen, auch unangenehme und scheut keine Konflikte. Das verkraftet nicht jeder, viele scheuen Veränderungen. Benny Jahns hat spannende Ideen für die Branche, darunter den Vorschlag, dass Kunden den Friseurbesuch von der Steuer absetzen können. Er meint, das sei effizienter als sieben Prozent Mehrwertsteuer oder stets auf die Barbershops zu schimpfen. Die Preise sollten die Friseure ruhig erhöhen und auf jeden Fall wieder mehr ausbilden. Benny brennt für seinen Job, geht auf Ausbildungsmessen und in Schulen. „Wenn du als neurodivergenter Mensch etwas findest das dir wirklich Spaß macht, bist du sehr leistungsfähig“, weiß Jahns.
Text: Ute Bauermeister
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