Distanz – eine Form von Respekt?

03. März 2026
Porträtbild Lars Nicolaisen, Mann mit Hemd und Jacket
Distanz - eine Form von Respekt? Kolumne von Lars Nicolaisen

Das Jahr ist für mich mit zwei Erlebnissen gestartet, die dazu geführt haben, mein Verhalten in bestimmten Situation zu verändern. Darüber möchte ich heute schreiben:

Inhaltsübersicht

Erinnert ihr euch, dass sich der HSV gleich am 2. Januar von Stefan Kuntz als Sportchef getrennt hat? Der Fall hat mich – gerade auch als HSV-Fan – natürlich stark interessiert. Damit meine ich gar nicht den konkrete Vorwurf („unangemessene Ausdrucksweise & Körperkontakt“). Mich hat vielmehr beschäftigt, wie sensibel „Wahrnehmungen“ geworden sind und wie schnell sich Empfindungen verschieben können, sobald Nähe und Machtgefälle eine Rolle spielen. Das hat mich sensibilisiert.

Eigenes Verhalten hinterfragen

Nur wenige Tage später hatten wir unser internes Kick-off-Meeting. Acht Führungskräfte kamen zusammen. Sieben Frauen, ein Mann. Menschen, mit denen ich seit Jahren eng zusammenarbeite, die ich schätze, denen ich vertraue. Früher hätte ich vermutlich alle zur Begrüßung umarmt. Ganz selbstverständlich, ohne auch nur einen großen Gedanken daran zu verschwenden. Dieses Mal habe ich es anders gemacht. Gedrückt habe ich nur den Mann. Bei den Kolleginnen habe ich bewusst Distanz gewahrt. Für mich fühlte sich das plötzlich merkwürdig „richtig“ an. Und ich glaube, für alle anderen auch.

Ich denke „Professionalität“ bedeutet heute auch, das eigene Verhalten immer mal wieder zu hinterfragen. Wie könnte mein Verhalten empfunden werden – unabhängig davon, wie es gemeint ist? Gesellschaften verändern sich. Diesen Satz habe ich hier in der TOP HAIR schon des Öfteren geschrieben. Was aber ebenso wichtig ist: Wahrnehmungen verändern sich ebenfalls. Was früher als freundlich galt, kann heute als Grenzüberschreitung empfunden werden. Eine Umarmung zur Begrüßung. Ein gut gemeintes Kompliment. Ein persönlicher Satz im falschen Moment. Nichts davon ist per se richtig oder falsch. Aber nichts davon wird von allen Seiten immer gleich empfunden.

Alltägliche Rituale neu bewerten

Dass sich Wahrnehmungen verändern, ist dabei längst kein reines Bauchgefühl mehr. Sozial- und arbeitspsychologische Studien beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit genau diesen Fragen. Ich habe das mal ein wenig recherchiert: Untersuchungen, unter anderem aus dem Umfeld der „Harvard Business Review“ und der „American Psychological Association“, zeigen, dass Männer und Frauen Kommentare über äußere Erscheinung am Arbeitsplatz sehr unterschiedlich bewerten. Was von der einen Seite als freundlich oder wertschätzend gemeint ist, wird von der anderen Seite deutlich häufiger als unangemessen empfunden – insbesondere dann, wenn Hierarchien im Spiel sind. Das sollte uns als Chefs (egal welchen Geschlechts) aufhorchen lassen.

Hinzu kommt ein, wie ich finde, ganz spannender gesellschaftlicher Wandel, der durch Corona zusätzlich beschleunigt wurde: Sozialwissenschaftliche Untersuchungen, etwa an der Technischen Universität Dresden, belegen, dass selbst alltägliche Begrüßungsrituale wie Händedruck oder Umarmung seit der Pandemie neu bewertet werden. Internationale Studien aus Skandinavien, entstanden im Zuge der #MeToo-Debatte, zeigen Ähnliches: Soziale und körperliche Nähe wird heute sehr unterschiedlich empfunden – je nach Mensch, Erfahrung und Generation.

Mitarbeitergespräche jetzt zu dritt

Gerade in unserer Friseurbranche ist „Nähe“ Teil des Alltags. Wir arbeiten körpernah, wir bauen Vertrauen auf, wir sprechen zwangsläufig auch über Äußerlichkeiten. Gleichzeitig sind unsere Teams und Kunden oft auch jünger und weiblich geprägt. Umso größer ist also die Verantwortung derjenigen, die führen. Besonders dann, wenn sie – wie ich – männlich sind und (um es freundlich zu formulieren) „auf viele Jahre Erfahrung“ zurückblicken.

Diese Sensibilisierung hat in unserem Unternehmen zu einer ganz konkreten Veränderung geführt: Über 30 Jahre habe ich Bewerbungsgespräche meist allein geführt – Bewerberin und ich, im Büro oder in einem ruhigen Raum. Zum Glück gab es dabei nie negative Erfahrungen. Dennoch haben meine Frau und ich entschieden, diese Praxis jetzt zu ändern. Seit diesem Jahr führen wir Bewerbungs- und Mitarbeitergespräche grundsätzlich zu dritt: die Bewerberin oder der Mitarbeitende, ich und entweder meine Frau oder eine weitere Führungskraft. Für Bewerberinnen, die uns noch nicht kennen, schafft das Sicherheit. Für mich ebenfalls. Missverständnisse lassen sich vermeiden. Wir empfinden diesen Schritt als richtig und zeitgemäß.

Distanz als Form von Respekt

Für viele Menschen meiner Generation und älter ist diese veränderte Sensibilität nicht immer leicht nachzuvollziehen. Verhaltensweisen, die über Jahrzehnte als höflich oder kollegial galten, werden von jüngeren Generationen heute oft anders empfunden. Das kann irritieren. Das darf man auch doof finden. Entscheidend ist jedoch, wie wir professionell damit umgehen. Als Arbeitgeber tragen wir Verantwortung dafür, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich Menschen unterschiedlicher Generationen und Kulturen sicher fühlen und gut zusammenarbeiten können. Vielleicht liegt genau hier eine der großen Herausforderungen für uns Chefs: Nähe nicht grundsätzlich zu vermeiden, Distanz aber auch als Form von Respekt zu verstehen.

Na klar werde ich auch bei diesem sensiblen Thema mich nicht immer perfekt verhalten. Umso wichtiger ist mir aber daher, mein Verhalten immer wieder zu hinterfragen und anzupassen – ohne mich dabei selbst zu sehr zu verbiegen. Ich denke, das wird mir persönlich auch ganz gut gelingen, denn „Alt-Herren-Witze“ empfand ich schon immer als bescheuert. Im Gegensatz zu Herrn Kuntz. Das macht es für mich definitiv leichter.

Distanz am Arbeitsplatz - eine Form von Respekt?