Erfolgsstory

Kult-Friseur Frank Schäfer

Vielen kennen ihn als kultigen Berliner Friseur mit flotten Sprüchen: Frank Schäfer. In seiner jüngst erschienenen Autobiografie schildert er sein Leben als Friseur und Stilikone in Ost und West. Sie ist einerseits sehr unterhaltsam, andererseits voller Geschichten, die viel über das Leben im früheren Osten, im Westen und in der Gegenwart sagen, in der alle nach dem Glück hetzen.

In Frank Schäfers Salon findet sich ein Sammelsurium an Kuriositäten und Erinnerungsstücken. >< Foto: Gunnar Leue

Frank Schäfer: Der Meister in seinem Reich. >< Foto: Gunnar Leue

An die Wand genagelte Puppen? Kein Angst, in Frank Schäfers Berliner Salon „Frank & Amanda“ wird man nicht aufgeknöpft. >< Foto: Gunnar Leue

Die Autobiographie von Frank Schäfer ist im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen.

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TOP HAIR: Herr Schäfer, Sie sind ein durch Presse und etliche Filme bekannter Friseur, Sie hätten heute aber auch Dirigent sein können, oder?
Frank Schäfer: Stimmt. Ich ging als Kind auf eine Berliner Spezialschule für Musik, habe Klavier gespielt und in Kinderopern gesungen. Ich bin allerdings in der zehnten Klasse von der Schule geflogen, weil ich mal eine Westplatte von The Sweet mit in die Schule gebracht hatte. Für mich kein Beinbruch, ich war ohnehin nicht so musikalisch wie man dachte. Ein musikalischer Beruf wäre deshalb nichts für mich. Trotzdem ist Musik für mich noch heute ein ganz toller Transporter für Gefühle. Wenn in einem Film gesungen wird, muss ich oft weinen.

TOP HAIR: Wollten Sie Dirigent werden oder sollten Sie von Ihren Eltern aus?
Frank Schäfer: Meine Eltern sahen schon besondere Talente in mir. Ich konnte singen, malen, zeichnen, das sollte ich ausschöpfen. Wollte ich aber gar nicht. Ich wollte früh Friseur werden, vielleicht auch, weil ich so anders aufgewachsen bin. Mein Vater (der bekannte DDR-Schauspieler Gerd E. Schäfer/Anm.d.Red.) war ein absoluter Schöngeist mit einer riesigen Hausbibliothek. Bei uns verkehrten Regisseure, Kostümbildner, andere Schauspieler, aber keine Klempner, Bäcker und Friseure. Dass der Beruf kein Prestige hatte, war mir völlig wurscht. Als Stotterer habe ich schnell gelernt, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss, ohne darauf zu achten, wie andere mich sehen. Für mich war der Friseurberuf so exotisch wie für andere Kinder vielleicht ein Dichter. Wie die Friseurinnen in ihren abgewetzten Kitteln im Salon standen und miteinander erzählten, fand ich scharf. Rumstehen und Quatschen, das wollte ich auch. Das Haaremachen hat mich eigentlich gar nicht interessiert.

TOP HAIR: Zu der Friseur-Ausbildung sind Sie ja erst gekommen, nachdem Ihr Berufsweg zum Modegestalter im Vogtland vorschnell zu Ende gegangen war?
Frank Schäfer: Ja, nach erfolgreicher Prüfung hatte ich an der Bekleidungsfachschule Reichenbach ein Studium für Modegestaltung begonnen. Davor hatte ich ein bisschen Bammel, weil ich trotz meiner 18 Jahre ziemlich unselbständig war und in Reichenbach ja niemanden kannte. Es zeigte sich allerdings schnell, wie unnötig die Sorge war. An der Fachschule gab  es lediglich zehn Jungs, aber 450 Mädchen. Und ständig wurde Party gemacht, der Mehrfruchtwein floss in Strömen. Für meine Studienleistungen bedeutete das jedoch nichts Gutes.

TOP HAIR: Sie wurde nach nur einem halben Jahr exmatrikuliert?
Frank Schäfer: Immerhin verließ ich Reichenbach in lauter schmucken Sachen, die ich dort selbst entworfen hatte. Zurück in Berlin stand für mich fest, dass ich dann eben doch Friseur werde, was meine Eltern überhaupt nicht toll fanden. Schließlich galt der als Beruf, den man nur machte, wenn es für gar nichts anderes reichte. Letztlich nahmen sie es jedoch hin, was sollten sie schon machen. Immerhin konnte ich mit einer Friseurlehre eine Ausbildung zum Maskenbilder beim DDR-Fernsehen in Angriff nehmen.

TOP HAIR: Bei der Berliner Friseurmeisterschaft 1985 haben Sie Ihrem Modell eine Schallpatte ins Haar montiert und ihm auch noch eine Zwangsjacke angezogen.
Frank Schäfer: Das gab natürlich Riesentheater. Zwangsjacke, DDR – die Funktionäre in der Halle hatten sofort eine politische Botschaft gesehen, nur ich nicht.   

TOP HAIR: Empfanden Sie das Ostberlin jener Zeit als Abenteuerspielplatz?
Frank Schäfer: Ja, allerdings hatte ich immer einen festen Job als Friseur und war sehr zielstrebig. Mit 28 hatte ich mich genug ausgetobt und bin in den Westen gegangen. Mir war klar, dass dort was anderes gespielt wird, was ich auch spielen wollte. 

TOP HAIR: Rennen Ihnen die Kunden eigentlich den Laden ein, weil Sie ein medienbekannter Friseur sind und auch schon schmal eine eigene Friseur-Show im Fernsehen hatten?
Frank Schäfer: Unsere Kunden kommen aus ganz Berlin, sogar aus Cottbus und Magdeburg. Meistens sind  es komischerweise Lehrerinnen, Schuldirektorinnen, Ärztinnen, Psychologinnen.

TOP HAIR: Keine Männer?
Frank Schäfer: Wenige, wir haben lange Voranmeldezeiten. Männer wollen immer fix rankommen und schnell fertig sein. Ich bediene deshalb auch lieber Frauen als Männer. Bis die anfangen von ihren Eheproblemen zu erzählen, das dauert.

TOP HAIR: Mit ihren Kundinnen reden Sie über solche Dinge?
Frank Schäfer: Natürlich. Je privater die Themen sind, umso besser. Mich interessiert doch nicht, wie sauber das Hotelzimmer auf der Karibikreise war. Mich interessiert, wie jemand druff ist, zum Beispiel auch in der Beziehung. Gerade weil ich nicht zu ihren besten Freunden gehöre, können die Kunden mir das alles erzählen. Ich erzähle ja auch aus meinem Leben und die Kunden ziehen daraus vielleicht etwas für ihr Leben.

TOP HAIR: Berlin gilt als Hauptstadt der Meckerei. Muss ein Friseurladen nicht auch immer eine Meckerstube sein?
Frank Schäfer: Um Gottes willen, nicht bei mir! Ich rede mit den Kunden ernsthaft, was ja nicht heißt ohne Spaß. Meckerei mag ich überhaupt nicht. Zum Beispiel bin ich auch nicht prinzipiell gegen die Veränderung im Prenzlauer Berg. Natürlich finde ich das auch nicht gut, wenn Leute mit wenig Geld verdrängt werden, aber das Gemotze gegen die Schwaben gefällt mir nicht. Ein Stadtbezirk verändert sich nun mal.

TOP HAIR: Würden Sie Ihren Salon woanders aufmachen?
Frank Schäfer: Na klar. In einem Stadtbezirk, der nicht so attraktiv ist. Egal wie gut ich das nun finde, aber generell glaube ich auch: Veränderung ist das Leben. Wenn man Veränderung schrecklich findet, findet man das Leben schrecklich. Man kann nichts für immer festhalten. Das ist für mich genauso Quatsch, wie diese Jagd nach dem Glück, die die Leute heutzutage alle verrückt zu machen scheint. Karriere, Liebe, Geld – da brauchste Glück, klar. Aber entweder kommt es von selber oder eben nicht. Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich glücklich werden will. Was ich mir vornehme: Ich will mit meiner Arbeit meine Kunden glücklich machen.

TOP HAIR: Der legendäre Kreuzberger Salon „Kaiserschnitt“, in dem Sie in den Neunzigern arbeiteten, hatte damals sogar Schamhaarfrisuren angeboten. Die als Witz gemeinte Fake-Geschichte ging dank des Presserummels um den Globus. Die Welt wollte sie einfach glauben, weil sie perfekt zu Berlin passte?  
Frank Schäfer: Es war halt die Zeit, in der die Leute solche verrückten Geschichten begierig aufsogen. Es kamen zwar keine Kunden, die so eine Frisur wollten, aber jede Menge Journalisten. Eines Tages stand sogar Jean-Paul Gaultier im Laden, um uns zu interviewen. Ein kleiner Verlag machte sogar einen Bildband mit Schamhaarfrisuren, wofür wir die Fotos in Ermangelung echter Kunden mit Freunden inszeniert hatten. Das Buch verkaufte sich weltweit. Das war wirklich schrill.

TOP HAIR: Abschließend, zu ihrer Lehrzeit hießen die Friseurstuben „Modische Linie“ und „Elegante Haarmode“, heute heißen sie „Hairlich“ oder „Haarvantgarde“. Ihr Salon heißt schleicht „Frank & Amanda“, offenbar haben Sie keinen Originalitätszwang?
Frank Schäfer: Nein. Heute geben sich viele ja auch gern eine Bezeichnung mit Beauty-, Wellness- oder Styling-Irgendwas. Ich sage dann immer: Mann, du bist Friseur!

Interview: Gunnar Leue

Zur Person

Frank Schäfer wurde 1959 in Berlin-Neukölln geboren und lebte mit seinen Eltern ab 1960 in Ostberlin. Er studierte 1977 kurz Modegestaltung in Reichenbach, verließ die Fachschule nach schlechten Leistungen aber wieder und lernte in Berlin seinen Traumberuf Friseur, um Kostümbildner beim DDR-Fernsehen zu werden. Anfang der 80er Jahre gehörte er zur Ostberliner Undergroundszene um die alternative Modenschautruppe „Chic, Charmant und Dauerhaft“, wovon u.a. der Dokumentarfilm „Ein Traum in Erdbeerfolie“ kündet. 1988 setze er sich nach Westberlin ab, wo er weiter als Friseur arbeitete. Heute betreibt er mit einer Kollegin Amanda in Prenzlauer Berg den Salon „Frank & Amanda“.

Seine mit der Autorin Patricia Holland-Moritz verfasste Autobiografie „Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein“ erschien beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf.