100 Jahre Bauhaus

Bauhaus meets Sassoon

Bauhaus und die Kunst des Haareschneidens: untrennbar verbunden durch Vidal Sassoon. Er übertrug das Prinzip der Reproduzier- und Lernbarkeit auf das Haareschneiden und befreite die Frauen von umständlichen Hochstecktürmen und Legefrisuren. Doch Sassoon gab Friseuren nicht nur seine geniale Technik an die Hand, für ihn war das Friseurhandwerk angewandte Kunst. Für dieses stolze Selbstverständnis verehren ihn seither unzählige Kollegen auf der ganzen Welt.

Vidal Sassoon und Mia Farrow >< Foto: Sassoon

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Inspiriert von der Formensprache des Bauhauses und der Arbeit der Bauhaus-Architekten revolutionierte der Londoner Friseur Vidal Sassoon in den 60er-Jahren das Friseurhandwerk. „Ich hatte keine Vision, wie Haare aussehen sollten, doch eine definitive, wie sie es nicht tun sollten“, sagte Vidal Sassoon rückblickend.

Inspiration Wolkenkratzer

Hochfrisuren, bienenstockartig aufgetürmt, mit Toupierkämmen bearbeitet und mit Haarspray und Haarteilen in Form gehalten. Das war die Frisuren-Welt, mit der sich der junge Vidal in den 50ern konfrontiert sah und die er ändern wollte. Jahrelang experimentierte der Friseur wider Willen – seine Mutter hatte ihn in den Beruf gezwungen – mit Schneidetechniken. Gleichzeitig wuchs sein Interesse an Kunst und Architektur. Vor allem die Einfachheit, die klaren Linien, geometrischen Formen und der Verzicht auf alles Überflüssige faszinierten ihn in der Bauhaus-Architektur. Er sah sich Gebäude auf der ganzen Welt an: schlicht, funktionell – und dennoch Kunst. 1961 empfing ihn ein Mitarbeiter des berühmten Bauhaus-Architekten Mies van Rohe. Ein Schlüsselerlebnis: Die klare Form und Präzision des Wolkenkratzer-Erbauers wollte er fortan auf das Prinzip des Haareschneidens übertragen. Denn Friseurhandwerk war für ihn angewandte Kunst.

Form follows function

Neun Jahre lang beschäftigte sich Vidal Sas­soon mit einem neuen Look und zog dabei Analo­gien zur Architektur. So wie ein Architekt sich an der natürlichen Topografie orientierte, um eine Struktur zu entwickeln, so orientierte sich der Visionär an den charakteristischen Gesichtszügen eines Menschen. Wangenknochen, Kinn, Augen oder andere individuelle Merkmale wurden seine Gradmesser. Die Schnitte richteten sich nach den Linien der Gesichtsform. Alles, was die Aufmerksamkeit vom Gesicht ablenkte, ließ er weg, um so die Individualität der Kundin zu unterstreichen. „Form follows function“, angelehnt an die Bauhaus-Bewegung, setzte er mit geometrischen Schnitten um. Das Haar im Reich der Geometrie sei sein Traum, bekannte Vidal Sassoon einmal: Winkel, Dreiecke, Quadrate, Rhomben zelebrierte er im Haar seiner Kundinnen. Das Ergebnis waren Schnitte, die bis heute legendär sind: der Five Point Cut, der A-Line-Bob oder sein asymmetrischer Stil. Pflegeleicht für die damalige Frau, denn durch die präzisen Schnitte fielen die Haare in ihre natürliche Form. „Ist der Schnitt technisch perfekt, bedarf es keiner weiteren Hilfsmittel, um ihn in Form zu halten“, so seine Philosophie.

Frisuren für emanzipierte Frauen

Mit seinen neuen Techniken schuf Vidal Sasson nicht nur eine radikale neue Art des Haarstylings, er trug auch seinen Teil zur Emanzipation der Frau bei. Denn er befreite sie von der Unbeweglichkeit gesteckter Frisuren ebenso, wie vom Zwang des wöchentlichen Friseurbesuchs, um sich dort die Haare „legen“ zu lassen. Von den Kosten einmal ganz abgesehen. Der Brite veränderte schlichtweg die Art, wie Frauen aussahen. Der Look, den er für die Schauspielerin Nancy Kwan entwickelte, machte ihn mit dem Erscheinen auf dem Titelblatt der Vogue über Nacht berühmt. Zum Swinging London der 60er-Jahre mit den Beatles, dem Minirock und dem Mod Look gehörte nun auch der passende Haircut. Vidal Sassoon hob Friseure in die gleiche Liga mit Kunst, Architektur oder Mode und veränderte das Image des Friseurs. Denn die Frauen liebten ihre neue Freiheit mit den modernen Cuts. Und fragten: „Wo bekomme ich diesen Schnitt?“ „Dafür musst du nach London fahren.“ „Ein Friseur wurde zu jemandem, für den man eine Reise machte“, erinnerte sich Vidal Sassoon.

Die Basis modernen Haareschneidens

Das Interesse von Friseuren an den neuen Schnittechniken wuchs kontinuierlich. 1967 gründete Vidal Sassoon seine erste Akademie und machte seine Schnitttechnik lehr- und lernbar. Der Five Point Cut beispielsweise lieferte die Inspiration für alle späteren geometrischen Schnitte und bildete die Grundlage des modernen Haareschneidens überhaupt. Der Londoner Starfriseur aus ärmlichen Verhältnissen hatte eine neue Generation des Haarstylings entwickelt, die bis heute aktuell ist.

Text: Susanne Vetter

 

Die TOP HAIR Fashion 01/19 vom 1. Januar widmet sich dem Bauhaus-Jubiläum.