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Der Praktiker
Rolf Schneider ist seit einem Jahr Präsident der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade und Vizepräsident aller niedersächsischen Handwerkskammern. Mit 44 Jahren ist er derzeit bundesweit der jüngste Präsident. Außer ihm gibt es bei den Kammern nur noch einen Präsidenten mit Friseur-Meisterbrief: die neue Handwerkskammerpräsidentin der Pfalz, Brigitte Mannert.
TOP HAIR Business: Herr Schneider, Sie sind seit einem Jahr im Amt. Wie fällt Ihr Resümee aus?
Rolf Schneider: Ich habe bemerkt, aber nicht erst jetzt, dass das Handwerk in seinen Strukturen, und ich sehe das aus der Sicht einer Kammer, sehr wohl politische Entscheidungen begleiten und prägen kann. Konkret möchte ich hier die Änderung der Soll/Ist-Besteuerung auf Initiative meiner Kammer nennen.
Es herrscht im Übrigen ein reger Dialog zwischen Kammern und politischen Ebenen. Ich habe das Gefühl, dass es auf Seiten der Landes- und Bundespolitik sehr wohl eine zunehmende Erkenntnis gibt, dass die kleinen und mittleren Unternehmen, darunter befinden sich ja die Handwerksunternehmen, das Rückgrat der Volkswirtschaft in Bezug auf Steuerzahlung, Ausbildung und Zukunftsinvestitionen sind.
Persönlich für mich ist es sehr interessant, auf der Kammerebene Menschen und Akteure aus Politik und Wirtschaft kennen zu lernen, die am selben Ende oder auch am anderen Ende des Strickes ziehen, um ihren Zielen und politischen Überzeugungen zu folgen.
TOP HAIR Business: Wie lange engagieren Sie sich schon in der Handwerkskammer?
Rolf Schneider: Mein Werdegang in der Kammer ist ein sehr kurzer. Im Jahre 2004 bin ich in die Vollversammlung der Handwerkskammer Lüneburg-Stade gewählt worden, im November 2007 dann in den Vorstand. Zum Vizepräsidenten wurde ich im April 2008 gewählt und im Februar 2009 schließlich zum Präsidenten.
Zuvor habe ich allerdings zehn Jahre gerne das Amt des Obermeisters in meinem Landkreis bekleidet, und zum Ende als Mitglied des Vorstandes der Kreishandwerkerschaft Celle-Soltau/Fallingbostel mitgearbeitet.
TOP HAIR Business: Neben Ihrem Amt als Handwerkskammerpräsident betreiben Sie Ihren eigenen Salon. Wie bekommen Sie das unter einen Hut?
Rolf Schneider: Ich bezeichne mich als „praktizierenden Präsidenten“. Und ich glaube, das ist bei der Wahrnehmung des Amtes sehr wichtig, wenn ich die Interessen von Handwerksunternehmen vertreten möchte.
Meinen Betrieb führe ich gemeinsam mit meiner Frau Petra, die ebenfalls Friseurmeisterin ist. Wir können uns eins zu eins austauschen und sehen unsere betrieblichen Aufgaben mit unseren sehr erfahrenen fünf Mitarbeitern als Team.
TOP HAIR Business: Dennoch sind Sie viel unterwegs für die Kammer.
Rolf Schneider: Der Zeitaufwand für das Amt ist sehr unterschiedlich. Als Präsident muss man auch „präsent“ sein. Das heißt nicht, dass ich jeder Einladung folgen kann. Das wäre mehr als ein Fulltime-Job. Als Präsident der größten Flächenkammer Deutschlands (von Cuxhaven bis nach Andreasberg im Harz) ist es wichtig, nicht jeden Termin selber machen zu wollen. Ich würde nur im Auto sitzen. Wichtig ist auch die Wahrnehmung einiger Termine des gesamten Ehrenamtes in der Kammer. Es läuft dann doch auf zwei bis drei Tage hinaus, die ich auswärts verbringe. Dazu kommen noch die täglich vorbereitenden Arbeiten, wie Dokumente und Informationen lesen, viele Unterschriften tätigen und Reden vorbereiten.
TOP HAIR Business: Wie kommen Sie mit dieser Doppelbelastung zurecht?
Rolf Schneider: Viele Mütter und auch Väter von kleineren Kindern, die auch ihrer Arbeit nachgehen, haben wahrscheinlich einen längeren Tag als ich. Ich habe mein Leben stets als Gesamtaufgabe gesehen und man muss versuchen, es interessant zu gestalten. Dinge, die mir wichtig sind, gehe ich an und sehe sie nicht als Belastung, sondern als Herausforderung und Bereicherung, wenn man sie auch noch machen darf. Freunde sagen mir, dass ich schnell umschalten kann und spontan bin. Diese Eigenschaft hilft mir ungemein.
TOP HAIR Business: Wer kümmert sich um Ihren Salon, wenn Sie für die Kammer unterwegs sind?
Rolf Schneider: Meine Termine als Präsident haben in der Regel etwa vier Wochen Vorlaufzeit. Meine Abwesenheit im Betrieb kann somit gut geplant werden. Es kommt schon vor, dass ich morgens Kunden bediene, nachmittags mit Ministern diskutiere und abends Doppelkopf spiele. Ein buntes Programm, oder?
TOP HAIR Business: Worin sehen Sie die Hauptaufgabe der Kammern?
Rolf Schneider: Die Handwerkskammern sind vor allem Bildungskammern. Sie leisten einen ganz entscheidenden Beitrag, um im Handwerk insgesamt eine hohe Qualifikation und damit eine hohe Qualität der handwerklichen Arbeit sicherzustellen. Das Führen der Handwerks- und der Lehrlingsrolle, die Überwachung der Ausbildung, das Prüfungswesen – das alles sind hoheitliche Aufgaben, die der Staat den Kammern übertragen hat. Die Handwerkskammern stärken die Leistungsfähigkeit des Handwerks, indem sie in der Aus- und Weiterbildung aktiv sind und Beratungsangebote vorhalten. Als eine der wichtigsten Aufgaben sehe ich die Vertretung der Interessen des Gesamthandwerks an. Da die Handwerkskammern in ihrer Region sowohl alle Handwerksbetriebe als auch deren Beschäftigten vertreten, sind sie für Politik und Verwaltung ein wichtiger Ansprechpartner und finden auch in der Öffentlichkeit Gehör.
TOP HAIR Business: Was konkret können die Kammern für Friseure leisten?
Rolf Schneider: Wie andere Handwerksbetriebe auch, erhalten Friseurbetriebe von der Handwerkskammer in allen Fragen der Aus- und Weiterbildung Unterstützung. Ob es nun um die Lehrlingsausbildung, die Meisterausbildung oder Weiterqualifizierung im fachlichen oder kaufmännischen Bereich geht. Natürlich arbeiten wir in berufsspezifischen Fragen auch eng und gut mit den Innungen und Fachverbänden zusammen. In der Unternehmensförderung leisten die Berater der Handwerkskammer in allen Lebensphasen eines Betriebes Hilfestellung: Bei der Existenzgründung, bei Betriebserweiterungen, bei möglichen Schwierigkeiten und bei der Betriebsübergabe. Sie führen auch Betriebs-Checks durch, damit der Inhaber weiß, wo er mit seinem Unternehmen steht.
Ich will auch ein konkretes Beispiel aus der Interessenvertretung anführen: Die Betriebe hätten beinahe ab dem Jahr 2007 für betrieblich genutzte PCs die monatliche Fernsehgebühr von über 17 Euro zahlen müssen. Nur durch massiven Protest der Handwerkskammern konnte das damals verhindert und die Gebührenpflicht zumindest auf die niedrigere Radiogebühr von unter sechs Euro beschränkt werden. Unser Ziel bleibt natürlich, diese Gebühr ganz abzuschaffen, weil ein PC für die Betriebe nicht zur Unterhaltung dient, sondern ein Arbeitsmittel ist.
TOP HAIR Business: Wie reagieren Sie auf Kritik von Friseuren an den Handwerkskammern?
Rolf Schneider: Wir Handwerker haben die Chance, mittels der Handwerkskammer staatliche Aufgaben in durchzuführen. Durch das Mitwirken von uns Handwerkern in der Kammer funktioniert das in der Regel auch sehr gut. Ich lade alle meine Kollegen ein, nicht nur zu klagen und zu meckern, sondern sich zu engagieren. Gerade das hohe ehrenamtliche Engagement gewährleistet, dass die Handwerkskammern ihre Aufgaben effizient, mit hohem Sachverstand und nah an der betrieblichen Praxis erfüllen. Was meinen Sie, wie das wäre, wenn der Staat die Aufgaben übernehmen würde?
TOP HAIR Business: Welche Probleme sehen Sie im Friseurhandwerk?
Rolf Schneider: Das Lohnniveau ist ein traditionelles Problem. Als Unternehmer möchte ich natürlich keine hohen Löhne zahlen. Ich weiß aber auch, dass man gutes Geld nur mit gut geschulten Mitarbeitern verdienen kann, und die kosten Geld. Die Wettbewerbsverzerrungen durch Billigketten und Schwarzarbeit stellen ein ernsthaftes Problem dar. Zudem erleben wir es durchaus, dass über Gefälligkeitsbescheinigungen versucht wird, einem Altgesellen die Übernahme eines Betriebes zu ermöglichen, obwohl dieser keine ausreichend leitende Funktion ausgeübt hat. Sorgen bereitet mir, dass viele Verbraucher den Wert einer guten handwerklichen Arbeit nicht zu schätzen wissen und alles möglichst billig haben wollen. Als Kammerpräsident möchte ich in der Öffentlichkeit wieder für ein anderes Bewusstsein werben und im Handwerk eine gute Aus- und Weiterbildung und Perspektiven im Beruf sicherstellen und ausbauen.
TOP HAIR Business: Welche Probleme gibt es in den nächsten Jahren generell im Handwerk zu überwinden?
Rolf Schneider: Ich denke, die Probleme sind sehr vielfältig. Fundament einer funktionierenden Wirtschaft und Gesellschaft sind leistungsfähige und leistungsbereite Betriebe. Sie bieten Einkommen, soziale Bindungen, kulturelle Engagements, aber auch Ertüchtigung und Selbstverwirklichung. Alles das, was Menschen brauchen. Das Thema ist und wird sein, den Betrieben in Deutschland die optimalen Rahmenbedingungen zu bieten, damit diese Aufgaben weiter erfüllt werden können. Und wenn Sie mich als Friseur fragen, sage ich: Letzten Endes werden die Löhne vom Kunden bezahlt. Und wenn ich sehe, dass handwerkliche Leistungen in unseren Beruf zum Teil für fünf Euro pro Haarschnitt verschleudert werden, brauche ich nicht mehr viel zu sagen. Wir sollten ein wenig selbstbewusster auftreten und stärker zusammenhalten – zum Beispiel in Innungen.
TOP HAIR Business: Wie stehen Sie zur Mehrwertsteuerdiskussion?
Rolf Schneider: Es ist auffällig, dass eine Erhöhung der Mehrwertsteuer immer wieder von Leuten ins Spiel gebracht wird, die nur an die Exportwirtschaft denken und das Problem der
heimischen Schwarzarbeit völlig ausblenden. Solche Überlegungen sind für mich völlig inakzeptabel, die Auswirkungen auf die Binnennachfrage und das Handwerk wären fatal. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass eine gezielte Absenkung der Mehrwertsteuer in schwarzarbeitsgefährdeten Bereichen zu mehr Aufträgen und mehr Beschäftigung im Handwerk führen würde. Das bringt dann auch wieder mehr Einnahmen bei Steuern und Sozialabgaben. Die Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade setzt sich, wie der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks auch, seit Jahren mit guten Argumenten dafür ein. Die EU hat den Weg für reduzierte Steuersätze frei gemacht, nun sollte die neue Regierung ihn auch gehen.
TOP HAIR Business: Wie stehen Sie zum Mindestlohn?
Rolf Schneider: Beim Thema Mindestlohn halte ich mich als Kammerpräsident zurück. Es gibt Dinge, die liegen im Verantwortungsbereich der Tarifvertragsparteien, nicht der Kammern. In Niedersachsen ist die Situation so, dass es im Friseurhandwerk einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag gibt.
TOP HAIR Business: Wie reagieren eigentlich Ihre Friseur-Kollegen auf den Handwerkskammerpräsidenten Rolf Schneider?
Rolf Schneider: Ich habe noch keine Veränderung bemerkt, und das ist auch gut so. Denn ich bin genauso wie sie Friseurmeister, der sich engagiert, wie viele andere in unseren Beruf sich innerhalb oder außerhalb des Handwerks ehrenamtlich engagieren.
TOP HAIR Business: Was würden Sie sich für die Zukunft im Friseurhandwerk wünschen?
Rolf Schneider: Dass sich künftig die Friseure in Deutschland nicht „preislich unterbieten“, sondern „qualitativ überbieten“. Es wären eine Menge Probleme weniger!
Zur Person:
Friseurmeister und Betriebswirt Rolf Schneider (44) kommt aus einer Friseurfamilie und betreibt heute in Bad Fallingbostel zusammen mit seiner Frau Petra den Salon „HaarSchneider“ mit fünf Mitarbeitern. Der Vater von zwei Kindern war von 1998 bis 2008 Obermeister der Friseur-Innung Soltau-Fallingbostel. 2004 wurde er in die Vollversammlung der Handwerkskammer Lüneburg-Stade gewählt, 2007 in den Vorstand, 2008 übernahm er schließlich das Präsidentenamt der Kammer Braunschweig-Lüneburg-Stade.
Die Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade vertritt rund 28.000 Betriebsinhaber und rund 145.000 Beschäftigte. Die Friseure stellen mit mehr als 2.300 Betrieben die größte Berufsgruppe dar.