Auf Hinweise angewiesen

Die Kontrollgruppe Schwarzarbeit ist in den Nürnberger Salons unterwegs
Ist in diesem Salon alles in Ordnung? Die Beamten der Kontrollgruppe Schwarzarbeit schauen ganz genau hin. Foto: Stephanie Schober

 

Wieder auf der Straße, wird kurz analysiert. Die Löhne kamen den Beamten etwas zu niedrig vor, da müsse man nachhaken. In zwei unauffälligen Autos geht’s weiter Richtung Innenstadt. Die Überprüfung der Salons geschieht nicht zufällig. Meist liegen konkrete Hinweise bzw. Verdachtsmomente vor, erklärt der Einsatzleiter unterwegs. Durch Anrufe beim Arbeitsamt, den Krankenkassen und der Handwerkskammer machen sich die Zollbeamten schon vorher ein erstes Bild. Die Mitgliedschaft in der Innung spielt hier übrigens keine Rolle. In Nürnberg ist an diesem Tag alles dabei. 

Beim nächsten Salon handelt es sich um ein familiengeführtes Unternehmen mit Kosmetikstudio. Sechs Bedienplätze, von denen an diesem Vormittag drei besetzt sind. Auffallend viele Personen halten sich im Raum auf. Alles Mitarbeiter? Wieder verteilen sich die Beamten. „Badichler, Zollkontrolle Hauptzollamt Nürnberg.“ Hektik kommt auf, fragende Blicke. Ein hinter der Rezeption sitzender Mann versucht möglichst unbeteiligt zu wirken. Den Beamten entgeht das alles nicht. Um Absprachen untereinander vorzubeugen, schnappt sich jeder einen Angestellten. Badichler fragt eine Frau, ob sie die Chefin sei. Sie bejaht.

Ein Schwarzarbeiter?

Währenddessen hat sein Kollege im Sozialraum, der eher einer Rumpelkammer gleicht, einen Mann entdeckt, der eine Küchenplatte montiert. Er sei nur ein Bekannter, der ab und zu handwerklich aushelfe. Auch er wird überprüft. Nein, Geld erhalte er dafür nicht, betont er mehrmals auf Nachfrage. So ganz glaubhaft klingt das nicht. Das riecht nach Schwarzarbeit. Vorne im Salon geht die Befragung weiter. Ein Auszubildender und eine Schulpraktikantin sind jetzt dran. Mehr Angestellte sind nicht da, die anderen Personen sind, wie sich herausstellt, wartende Kunden oder Bekannte, die auf ein Schwätzchen vorbeikamen.

Chaotische Verhältnisse

Während die Chefin ihre liebe Not hat, zu erklären, wie sie ohne Registrierkasse und mit einem schlecht geführten Terminbuch ihre Tageseinnahmen abrechnet und wissen kann, wie viel Umsatz ihre Mitarbeiter machen, erfahren die Beamten, dass der unauffällige Mann am Tresen ebenfalls Friseur ist und ab und zu aushilft. „Heute auch?“, will der Einsatzleiter wissen. „Nein, heute nicht. Er ist nur zufällig da.“ Aha. In den eher einer losen Blattsammlung ähnelnden Unterlagen findet sich jedoch eine Gehaltsabrechnung, die den Verdacht nahelegt, dass der Mann wohl doch regelmäßiger seinem Handwerk nachgeht. Die Chefin beteuert, dass er nur bei Bedarf aushelfe. Einen Arbeitsvertrag habe er nicht. Aber beim Steuerberater sei er gemeldet. Während die Überprüfung des Kosmetikstudios nebenan reine Formsache ist – es ist ordnungsgemäß vermietet –, drängen sich den Beamten im Friseursalon immer mehr Fragen auf. Fragen nach Stundenaufzeichnungen, Urlaubsregelungen und Quittungen verneint die Chefin. Sie schreibe alles auf Zettel und die habe sie zu Hause.  Der Zoll wird sich diese später holen.      

Schuften bis zum Umfallen

Entspannter ist die Lage im Salon um die Ecke. Die Inhaberin legt einer älteren Dame gerade eine Dauerwelle und gibt den beiden Beamten (mehr haben hier auch nicht Platz) bereitwillig Auskunft. Sie führe den Laden allein, nach der Altgesellenregelung. Die entsprechende Erlaubnis und den Gewerbe-
schein kann sie vorweisen. Außerdem bezieht sie noch einen Existenzgründerzuschuss. Von 10 bis 19 Uhr habe sie geöffnet. Mittagspause? „Ist nicht drin“, sagt die Friseurin. „Auch kein Urlaub. Und wenn ich krank werde, kann ich zu machen.“ Kopfschütteln später bei den Beamten. „Das grenzt an Selbstausbeutung.“ Immerhin gab es hier nichts zu beanstanden.

Rätselraten

Im großzügig wirkenden Salon zwei Straßen weiter sieht das wieder anders aus. An der Tür prangt ein Aufkleber „Ja zum Meisterbrief“. Das lässt hoffen. Bei der Befragung  der Inhaberin stellt sich heraus, dass sie erst seit wenigen Monaten den Salon führt und etwas überfordert scheint. Das Terminbuch ist spärlich gefüllt, ein paar der eingetragenen Namen geben Rätsel auf, der Auszubildende ist scheinbar nicht krankenversichert, die Buchhaltung macht eine Freundin. „Das wird sich bald ändern“, bemüht sich die Frau um Schadensbegrenzung. Sie übergebe demnächst alles einem Steuerberater. Stirnrunzeln bei den Beamten. Immerhin, durch einen Anruf kann der Einsatzleiter noch vor Ort klären, dass der Azubi mittlerweile doch bei der Krankenkasse gemeldet ist. Mit dem Hinweis, ihre Unterlagen schnell auf Vordermann zu bringen, zieht die Truppe ab und hat fast Mitleid mit der Frau. „Wenn die nicht schnell mehr Kundschaft bekommt, dann schaut’s düster aus.“

Ein anderes Bild. Ein typischer türkischer Männerfriseur. Obwohl hier nur zwei Bedienstühle stehen, ist der kleine Laden voll. Jeder kennt jeden. Es dauert eine Weile, bis die Beamten im Sprachenwirrwarr herausfinden, wer hier eigentlich gerade arbeitet. Der Chef sei im Urlaub und zwei Friseure vertreten ihn, einer nur aushilfsweise, erfahren sie. Der Blick ins Terminbuch scheitert, denn es scheint keines zu geben. Stattdessen ein Block mit vielen Zahlen drauf. Vielleicht die Einnahmen? Die Kasse? Fast leer. Der Salon wird immer voller, die Lage immer unübersichtlicher. Die Zollbeamten haben genug gesehen. An diesem Salon hätte vermutlich eher das Finanzamt seine Freude.

Ernüchternde Bilanz

Insgesamt acht Salons suchte die Kontrollgruppe an diesem Tag auf. Das ist gemessen an der Zahl von 599 gemeldeten Friseurbetrieben in Nürnberg (Quelle: Handwerkskammer Mittelfranken) nicht viel. Dennoch vermitteln die Erlebnisse ein Bild von der Branche, die sich vermehrt zwischen Billig- und Highclass-Anspruch aufreibt. Auffallend oft fehlte es den Inhabern an betriebswirtschaftlichem Basiswissen. So löste die oft gestellte Frage nach dem „Faktor zur Berechnung der überdurchschnittlichen Umsätze“, den jeder Chef wissen sollte, fast jedes Mal ein Schulterzucken aus. Auch den für Bayern geltenden Tarifvertrag (allgemeingültig!) hatte niemand zur Hand, Mitarbeiter kannten kaum die Inhalte ihrer Verträge. Ein Großteil der Terminbücher wurde ungenau geführt, nur zwei Salons hatten überhaupt eine computergestützte Buchhaltung, der Rest eine dubiose Zettelwirtschaft. Von den Sozial­räumen mal abgesehen. Sie präsentierten sich in der Mehrzahl zu klein und zugemüllt, da sie oft auch als Lager für die Kabinettware herhalten müssen.

Friseure bleiben im Visier

Das Ergebnis: In mehreren Salons besteht Verdacht, dass kein Tariflohn bezahlt wurde. Infolgedessen dürften auch die abgeführten Sozialversicherungsbeiträge nicht stimmen. In einem Fall liegt vermutlich ein Verstoß gegen die Handwerksordnung vor, da es keinen Meister im Salon gibt. Dies wäre eine Ordnungswidrigkeit und würde vom zuständigen Ordnungsamt weiter verfolgt. In zwei Fällen bestehen Verdachtsmomente auf Leistungsbetrug. Besonders dreist: Eine „Strohfrau“ fungiert als Geschäftsführerin und der eigentliche Inhaber kassiert Arbeitslosengeld II. Dies alles gilt es nun zu prüfen und letztendlich zu beweisen. Stefan Badichler und sein Team bleiben dran. „Das wird nicht die letzte Überprüfung bei den Friseuren gewesen sein. Bei 50 Prozent der Salons gab’s Beanstandungen. Das sind definitiv 50 Prozent zu viel.“

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